Koala in der Wilhelma Foto: Lichtgut/Julian Rettig

In Stuttgart ist tierisch was los. Den neu eingetroffenen Koalas wurde sogar ein eigener Ortsteil gewidmet: Terra Australis. Was macht das mit der Stadt? Ein Glosse von Redakteur Jan Sellner.

In Stuttgart leben aktuell rund 611 000 Menschen. Dazu kommen offiziell 16 800 Hunde, mehrere Hundert Nilgänse, eine unbekannte Zahl von Katzen, etliche schräge Vögel, eine begrenzte Anzahl hoher Tiere – und neuerdings auch vier Koalas! Die kleinen Beuteltiere, die gerne mit Kuscheltieren verwechselt werden, erfreuen sich seit ihrer Ankunft in der Stadt großer Beliebtheit. Autogramme verteilen Navy, Aero, Scarborough und Auborn aus nachvollziehbaren Gründen nicht. Dafür sind Selfies mit den Fantatastischen Vier des zoologisch-botanischen Gartens jederzeit möglich.

 

Verdrängt der Koala den heimischen Brummbären?

Dank dieses Starquartetts spielt Stuttgart in der deutschen Koala-Liga ganz oben mit – zusammen mit Duisburg, Dresden und Red Koala Leipzig. Das ist erfreulich, beweist es doch, dass es noch Disziplinen gibt, in denen Stuttgart spitze ist – allen Unken- und Oettingerrufen zum Trotz. Es wirft allerdings auch Fragen auf: Müssen Koalas wie die afrikanischen Nilgänse als invasive Art betrachtet werden, die den heimischen Brummbären (schwäb.: Bruddler) verdrängt? – was übrigens kein Schaden wäre. Überhaupt: Wohin entwickelt sich Stuttgart? Folgt auf die VerLÄNDlichung jetzt die Australisierung der Stadt? Warten wir’s ab. Stutzig sollte man werden, wenn unsere Wirtschaft auf die Produktion von Eukalyptusprodukten, namentlich -Bonbons, umsteigen würde. Andererseits: Wer sehnt sich nicht nach ein bisschen Aussie-Feeling am Neckar?

137 Neu-Stuttgarter: vom Koala bis zum Kurzkopfgleitbeutle

Denkbar ist allerdings auch, dass die Koalas sich den hiesigen Schrulligkeiten anpassen werden. Schwaben haben ein vereinnahmendes Wesen. Alles, was nicht bei drei auf den Eukalyptusbäumen ist, bekommt hierzulände ein „ä“ verpasst – wie jetzt wieder in der Werbung zu besichtigen, wo eine Bierflasche zu „The Fläsh“ umgeschwenglischt wurde. Es dürfte also nicht lange dauern, und man wird nicht mehr von Koalas, sondern von Koäläs sprechen, die in der Wilhälmä wohnen. Bei den Kängurus ist das in weiser Voraussicht von Hause aus erfolgt.

Vor lauter Koalas soll nicht unerwähnt bleiben, wer sich im neuen Stuttgarter Stadtteil Terra Australis noch alles eingerichtet hat: drei Vertreter der Quokkas, ein Baumkänguru, drei Fuchskusus, ein Kowari und sechs Quolls. Die hundert australischen Spinifex-Hüpfmäuse nicht zu vergessen und die Bürstenschwanzrattenkängurus sowie die namentlich nicht weniger vorbelasteten fünf Roten Rattenkänguru. Dazu kommen zwei Zungenbrecher aus Down Under: der Kurzkopfgleitbeutler mit sieben Vertretern und der Blauzungenskink mit zwei Exemplaren. Zusammen 137 Tiere. Nur zum Beweis, dass tierisch was los ist in dieser Stadt!

Eine Lanze für den Igel brechen

Das gilt übrigens auch in anderer Hinsicht. Im Stuttgarter Straßenverkehr kann es vorkommen, dass einem ein mit schätzungsweise 8000 Stacheln bestücktes Schimpfwort entgegengeschleudert wird, das zu leichten bis mittelschweren persönlichen Verletzungen führt. Die Rede ist von dem schwäbischen Ausdruck: „Du wüschter Igel, du!“ Aus Igelsicht betrachtet ein klarer Fall von tierischer Aneignung. Sachlich ist festzustellen: Wüste Igel gibt es nicht. Nur Wüstenigel! Und Sauigel, um mit einem weiteren populären Irrtum aufzuräumen, kennt die Tierwelt schon gleich gar nicht!

Bei der Gelegenheit darf man eine Lanze für den Igel brechen. Er bevölkert unseren Planeten seit 20 Millionen Jahren und zählt damit zu den ältesten Erdbewohnern überhaupt. Bei uns verbreitet ist der Braunbrustigel. Leider geht’s ihm nicht besonders gut. Das liegt am Klimawandel und am Insektensterben. Und an den Steingärten, die sich bei uns nilgansartig ausbreiten. Das Mindeste, was wir tun können, ist aufhören, ihn schlechtzureden. Wir kämen ja auch nie auf die Idee zu sagen: „Du wüschter Koala, du!“