Der Klimawandel lässt das Jagdrevier der Eisbären schrumpfen. Manche Tiere weichen deshalb auf andere Nahrung aus. Foto: dpa

Eisbären sind die Symboltiere des Klimawandels. Doch nicht überall schrumpfen die Bestände der Polarbewohner. Manche Tiere sind bei der Suche nach neuen Nahrungsquellen erstaunlich kreativ.

Stuttgart - Pelzige Gesichter, die ratlos auf Pfützen aus Schmelzwasser zu starren scheinen. Weiße Tatzen, die den tauenden Untergrund auf Tragfähigkeit testen. Abgemagerte Köper auf viel zu kleinen Eisschollen. Die Botschaft solcher Bilder ist klar: Es sieht nicht gut aus für die Eisbären. Wenn es Symboltiere für die negativen Folgen des Klimawandels gibt, dann sind es die arktischen Jäger im weißen Zottelpelz. Doch droht den Polarbewohnern in einer wärmeren Welt tatsächlich das Ende? Oder werden sie sich an die neuen Herausforderungen anpassen können?

Sonderlich optimistisch sind Biologen nicht. Zwar können sich bis jetzt zumindest einige Populationen der Raubtiere recht gut behaupten. Aber wenn die Temperaturen im hohen Norden weiter steigen, dürften nach Einschätzung vieler Experten die Eisbären besonders darunter leiden. Schließlich spielen sich wichtige Teile ihres Lebens auf dem gefrorenen Panzer des arktischen Ozeans ab. „Das Meereis ist die Bühne ihres Lebens“, sagt Kristin Laidre von der University of Washington. Dort liegen ihre Wanderrouten, die Schauplätze ihrer Rendezvous, in manchen Regionen auch ihre Kinderstuben. Vor allem aber ihre Jagdreviere. „Die Tiere können zwar durchaus einen Teil des Jahres an Land verbringen“, sagt die Forscherin. „Ihre Beute aber ­machen sie vor allem auf dem Eis.“

Abgesehen haben sie es vor allem auf Robben. Und die sind nicht leicht zu fangen. Obwohl Eisbären sehr gute Schwimmer sind, haben sie im Wasser kaum eine Chance, eine Robbe zu erwischen. Also warten sie manchmal stundenlang neben einem Eisloch, bis einer der Meeressäuger zum Luftholen auftaucht. Dann schlagen sie blitzschnell zu. In neun von zehn Fällen entwischt die Beute allerdings. Schon unter normalen Umständen ist die Futterbeschaffung für Eisbären also oft eine ziemlich frustrierende Angelegenheit. Wie soll das erst werden, wenn ihre Jagdreviere immer weiter zusammenschmelzen?

Sieben Wochen weniger für die Jagd

Diese Gefahr ist offenbar durchaus real. Kürzlich hat die US-Klimabehörde NOAA einen neuen Negativrekord vermeldet: Im Januar 2017 waren die von Meereis bedeckten Flächen in der Arktis so klein wie in keinem Januar seit Beginn der Messungen im Jahr 1979. Was dieser Schwund für die Eisbären bedeutet, haben Kristin Laidre und ihr Kollege Harry Stern mithilfe von Satellitendaten aus den Jahren 1979 bis 2014 untersucht. Ihr Fazit: „Diese Studie zeigt, dass alle Bestände mit zurückgehendem Meereis konfrontiert sind.“ Im Frühjahr bricht der gefrorene Panzer immer früher auf, im Herbst bildet er sich immer später neu. Dadurch haben die Bären im Laufe der untersuchten 35 Jahre im Durchschnitt sieben Wochen mit guten Jagdbedingungen verloren.

An Land finden die Jäger kaum Alternativen. Mit einem Tempo von mehr als 30 Kilometern pro Stunde können sie zwar durchaus mit einem menschlichen Sprinter mithalten, doch auf längeren Distanzen droht den Kältespezialisten die Überhitzung. Rentiere laufen ihnen daher locker davon. Also muss sich ein bis zu 800 Kilogramm schwerer Eisbär bei seinen Landgängen oft mit Wühlmäusen, Vögeln oder Eiern begnügen.

Ein Team um Jouke Prop von der Universität im niederländischen Groningen hat festgestellt, dass die weißen Jäger auf Spitzbergen und Grönland heute deutlich häufiger in Vogelkolonien auftauchen als noch in den siebziger und achtziger Jahren. Etliche Tiere wurden auf frischer Tat ertappt, als sie die Eier von Weißwangengänsen, Eider­enten und Eismöwen verspeisten. Ähnliche Berichte kommen auch aus Kanada. Wenn sich dieser Trend fortsetze, könne das den Bruterfolg der betroffenen Vogelarten massiv beeinträchtigen, warnen die Forscher.

Bei vielen Bären lässt die Fitness nach

Auch für die Bären selbst ist die Eier-Diät wohl keine wirklich gute Option. Viele Biologen bezweifeln, dass die Tiere damit ihren Energiebedarf decken können. Mancherorts scheint der Eisschwund schon heute an den Bärenkräften zu zehren. ­Kanadische Forscher haben den Body-Mass-Index und andere Fitnessparameter von 900 Tieren aus der südlichen Hudson Bay zwischen 1980 und 2012 untersucht. In diesem Zeitraum hat sich die eisfreie Saison in dieser Region um rund 30 Tage verlängert. Gleichzeitig ist die körperliche Verfassung der ortsansässigen Eisbären schlechter geworden. Offenbar haben sie sich nicht genügend andere Nahrungsquellen erschließen können, um den Verlust der Robben zu kompensieren.

Das scheint aber nicht für alle Populationen zu gelten. Die pelzigen Bewohner der Tschuktschensee, die nördlich der Beringstraße zwischen Russland und den USA liegt, scheinen zum Beispiel besser zurechtzukommen. Zwar hielten sie sich zwischen 2008 und 2013 im Durchschnitt 30 Tage länger an Land auf als noch zwischen 1986 und 1995. Trotzdem gibt es keine Hinweise darauf, dass ihr Zustand oder ihr Reproduktionserfolg darunter gelitten hätte. Karyn Rode vom Alaska Science Center in Anchorage und ihre Kollegen sehen dafür zwei mögliche Erklärungen. Entweder die Tiere fressen sich in den eisreichen Monaten so viele Fettvorräte an, dass sie auch die Hungersommer schadlos überstehen. Oder sie haben sich andere Nahrungsquellen erschlossen. So sind Eisbären in dieser Region bereits mehrfach dabei beobachtet worden, wie sie die Kadaver von Grauwalen, Moschusochsen und Rentieren fraßen.

Gute Nachrichten aus dem nördlichen Kanada

Gute Nachrichten kommen auch aus dem Foxe Basin im nördlichen Kanada. Jüngste Schätzungen gehen davon aus, dass in dieser Region zwischen gut 2000 und mehr als 3000 Eisbären leben. Damit sind die Bestände in den letzten zwanzig Jahren stabil geblieben. Auch die robusten Geburtenzahlen sprechen dafür, dass die Population bisher trotz des schwindenden Eises in gutem Zustand ist. Haben also auch diese Tiere ihren Speiseplan geändert?

Um das herauszufinden, haben Melissa Galicia von der York University in Toronto und ihre Kollegen Fettgewebsproben von mehr als hundert Eisbären untersucht. Das Fettsäuremuster verrät, dass die Tiere neben Robben auch Grönlandwale auf ihren Speiseplan gesetzt haben. Sie selbst haben zwar keine Chance, so ein Tier zur Strecke zu bringen. Doch da die Eisbarrieren zunehmend schmelzen, tauchen im ­Foxe Basin auch immer mehr Orcas auf. Die erlegen durchaus Wale und lassen dabei offenbar genügend Reste für hungrige Bären übrig. Doch ob das eine Dauerlösung ist? Melissa Galicia und ihre Kollegen haben da ihre Zweifel. Ihrer Einschätzung nach werden sich die Bären auch in Zukunft nicht ­allein von Walkadavern ernähren können. Davon gibt es einfach nicht genug, um die bewährten Wege der Nahrungsbeschaffung komplett über Bord zu werfen. Wie es aussieht, haben die Räuber im weißen Pelz ohne Eis langfristig schlechte Chancen.

Perfekt angepasst an das Leben inn Arktischer Kälte

Biologie Eisbären sind die größten Landraubtiere. Männchen können bis zu 3,40 Meter lang und 800 Kilo schwer werden. Ihre imposante Gestalt ist eine Anpassung an die harten Bedingungen in der Arktis. Ein großer Körper hat im Vergleich zum Volumen eine relativ kleine Oberfläche und verliert deshalb weniger Wärme. Zudem hüllen sich Eisbären in einen dichten, gelblich-weißen Pelz. Die äußeren Haare sind hohl und bilden ein isolierendes Luftpolster. Unterm Fell liegt eine schwarze Haut, die Sonnenlicht absorbiert und in Wärme verwandelt. Darunter folgt eine bis zu zehn Zentimeter dicke Fettschicht. Die Dämmung ist so gut, dass Eisbären kaum Wärme abgeben. Deshalb bleiben sie selbst den Wärmesensoren von Infrarot-Kameras verborgen.

Bestände Die Eisbären-Spezialisten der Weltnaturschutzunion IUCN schätzen, dass es weltweit derzeit etwa 26 000 Eisbären gibt. Diese verteilen sich auf 19 Bestände in verschiedenen Regionen der Arktis, zwischen denen auch Tiere hin und her wandern können. 2014 haben die IUCN-Experten die verfügbaren Informationen über die einzelnen Vorkommen ausgewertet. Demnach scheint nur die Population im McClintock-Kanal im kanadischen Territorium Nunavut zu wachsen. Sechs weitere gelten als stabil, drei schrumpfen. Aus neun Regionen gibt es zu wenig Daten, um die Entwicklung zuverlässig einschätzen zu können. Eisbären-Zählungen sind aufwendig, weil die Tiere oft weit verstreut in riesigen, unzugänglichen Gebieten leben. Auf Basis der vorliegenden Daten und der zu erwartenden Klimaentwicklung stuft die IUCN Eisbären als „gefährdet“ ein.

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