Thomas Mann und seine Frau Katja im Garten ihres jetzt langfristig geretteten Exil-Zuhauses in Pacific Palisades. Foto: AP

Die Villa des Schriftstellers Thomas Mann in Los Angeles war in Gefahr, abgerissen zu werden. Nun hat die Bundesregierung das wichtige Stück Exilgeschichte gekauft. Wesentlich an diesem Coup beteiligt ist die Berthold-Leibinger-Stiftung. Die Villa soll ein Zentrum des transatlantischen Austauschs werden.

Stuttgart - In seiner Autobiografie „Der Wendepunkt“ erzählt Klaus Mann, wie sein Vater in der Familie an den Spitznamen „Zauberer“ gelangt ist. Thomas Mann habe ihm und seiner Schwester Erika die Angst vor Albträumen durch die Zusage genommen, sollten sie im Schlaf durch eine unheimliche Gestalt gepeinigt werden, werde er sofort kommen und sie verscheuchen. Das habe gewirkt, also nannten sie ihn fortan Zauberer. Klaus Mann hat seinen Lebensbericht im amerikanischen Exil geschrieben, dort, wo sich in diesen Tagen erneut dräuende Albträume zusammenziehen. Und wieder ist es der Zauberer, auf dessen Unheil abwehrende Kraft man vertraut, jedenfalls soweit kulturelle Erinnerung etwas gegen den grassierenden politischen Gedächtnisverlust im einstigen Hoffnungsland aller Exilanten vermag.

Die Bundesregierung hat die frühere Villa Thomas Manns in Los Angeles aus den Klauen gieriger Spekulanten gerettet und vor dem drohenden Abriss bewahrt. Gut zehn Jahre hat der Autor hier nach seiner Emigration aus Nazideutschland am Rand der Filmmetropole gelebt, von 1941 bis 1952. Das Haus, das er sich von dem Architekten Julius Ralph Davidson im Bauhausstil errichten ließ, war das Zentrum von „Deutsch-Kalifornien“, wie der Mann-Sohn Golo die Emigrantenkolonie, die hier zusammenkam, ironisch nannte. Hauptwerke wie „Doktor Faustus“, „Lotte in Weimar“ und Teile des „Josephs“-Romans, entstanden hier. Schönberg, Brecht, Adorno wohnten um die Ecke.

Zeiten der Belastungsprobe

Rund 13 Millionen Dollar soll die Bundesregierung nun für das Anwesen gezahlt haben. Die Villa sei so etwas wie das „Weiße Haus des Exils“, sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier anlässlich der Schlüsselübergabe. „Hier war die Heimat für viele Deutsche, die gemeinsam für eine bessere Zukunft unseres Landes gestritten, um die Wege zu einer offenen Gesellschaft gerungen und ein gemeinsames transatlantisches Wertefundament erarbeitet haben.“ In diesem Geist soll das Thomas- Mann-Haus wiederbelebt werden. Wie in der zehn Kilometer entfernten Villa Aurora, dem ehemaligen Wohnhaus von Lion Feuchtwanger, ist eine Residenz für Künstler und Wissenschaftler geplant, um die transatlantische Verständigung zu fördern. In Zeiten, in denen diese Achse einer starken Belastungsprobe ausgesetzt zu werden droht, wahrlich kein müßiges Unterfangen.

Und hier kommt nun ein anderer Zauberer ins Spiel. Beim Blick auf die Kulturlandschaft, nicht nur im Land, kann es einem gehen wie dem gestiefelten Kater in dem gleichnamigen Grimm-Märchen, der auf jede seiner Fragen, wer denn hier oder dort dahinterstecke, immer die gleichlautende Auskunft erhält: „Der große Zauberer.“ Wer fördert maßgeblich die Stuttgarter Bach-Akademie? Wer hat einen internationalen Comicbuchpreis ausgelobt? Wer unterstützt Projekte wie „Stuttgart liest ein Buch“, die 120 Titel umfassende Bibliothek von Autoren, deren Schriften 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt wurden? Wem hat das Marbacher Literaturarchiv gerade wegen seiner mäzenatischen Verdienste eine Ausstellung gewidmet? Immer muss die Antwort heißen: der Trumpf-Gesellschafter Berthold Leibinger.

Hilfe vom Erfinder und Schöngeist

Kaum eine im Dienst des Gemeinwohls wirkende Einrichtung kultureller oder sozialer Art, die nicht von der Stiftung des schwäbischen Unternehmers profitieren würde. „Es gibt Voraussetzungen erfolgreichen kulturellen Handelns, die tief im geistigen Humus eines Landes oder einer Region liegen“, hat der Direktor des Marbacher Archivs, Ulrich Raulff, im Vorwort zu besagter Schau geschrieben. Und wie sehr, was auf diesem Humus blüht, gerade auch Grenzen überwindend ausschlägt, macht der jüngste Coup des in diesen Tagen seinen 86. Geburtstag feiernden Ingenieurs, Erfinders und Schöngeists deutlich. Denn ohne Leibinger und den mäzenatischen Esprit des Landes wäre es wohl nicht zum Erwerb der Mann-Villa gekommen.

Die Nachbarn wollten kein Seminarzentrum

In Anlehnung an das erwähnte „Deutsch-Kalifornien“ könnte man mit Blick auf die neben der Bundesregierung treibenden Kräfte geradezu von einem „Südwest-Kalifornien“ sprechen. Neben der Berthold-Leibinger- finden sich auch die Robert-Bosch-Stiftung und das Marbacher Literaturarchiv unter den Beteiligten. Ursprünglich habe er daran gedacht, beim Erwerb der Immobilie mitzuhelfen, sagt Berthold Leibinger, aber die Lösung, dass die Bundesrepublik das Haus kauft, sei die bessere. „Wir beteiligen uns an der Innenausstattung und Erweiterung, dann wollen wir eine Kabinettausstellung zusammenbringen, um die Stipendiaten, die in diesem Haus leben und arbeiten sollen, sowie die Besucher mit der Welt der deutschen Emigration vertraut zu machen.“

Dafür hat die Stiftung eine Million Euro vorgesehen. Weitere 1,5 Millionen sollen in den Betrieb fließen. Pro Jahr werden 300 000 Euro für Stipendien zur Verfügung gestellt, zunächst für eine fünfjährige Frist. Doktoranden, Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer erhalten die Gelegenheit, sich im Licht der Gegenwart mit der Geschichte und dem Problemfeld der Emigration zu befassen. „Es geht uns um eine geistige Brücke von Kalifornien nach Deutschland.“

Geld geben und mitreden

Der Plan, hier ein Seminarzentrum zu errichten, ist an einem Nachbarschaftsvertrag gescheitert. Die Hügel von Pacific Palisades sind eine vornehme Wohngegend, gegen Stipendiaten freilich ist nichts einzuwenden. Eine zweite Initiative in New York sieht die Einrichtung einer Deutschen Akademie vor, hier sollen dann auch Seminare stattfinden. Dafür hat die Stiftung eine weitere Million zugesagt. „Das ist für uns schon ein Wort.“

Der Direktor des Marbacher Archivs, Ulrich Raulff, berät bei der inhaltlichen Ausgestaltung. „Wir wollen nicht nur Geld hingeben, sondern auch ein bisschen mitreden, das haben Schwaben so an sich“, sagt Leibinger. Nach seiner Überzeugung ist Thomas Mann der bedeutendste deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, ein Hausheiliger seiner Familie. Besonders am Herzen liegt ihm der „Zauberberg“, gleichauf mit den „Buddenbrooks“: „Für eine Unternehmerfamilie ist das ein Lesebuch.“

Gilt es nach der Wahl Donald Trumps, Thomas Mann, den Vertreter eines anderen Deutschland, gegen ein anderes Amerika in Stellung zu bringen? „Ich glaube an die Kraft der amerikanischen demokratischen Tradition“, sagt Leibinger, „wir sollten Einfluss nehmen und unsere Drähte nutzen, aber wir sollten nicht verzweifeln.“ http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.post-von-thomas-und-heinrich-mann-die-ewige-maer-vom-ewigen-bruderzwist.f5412830-9902-4ef0-96ca-a3fbe59f173c.html

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