Emma Raducanu ist als Qualifikantin bei den US Open gestartet – und im Finale gelandet. Foto: AFP/ED JONES

Bei den US Open erreichen keine Stars das Endspiel, sondern die noch unbekannten Talente Leylah Fernandez und Emma Raducanu.

New York/Stuttgart - Verrückte Welt? So mögen es die Amerikaner. Insofern ist das Frauen-Finale bei den US Open in diesem Jahr ein echter Leckerbissen. Auch weltweit wird die außergewöhnliche Partie Beachtung finden, denn im Endspiel stehen sich keine Superstars wie Ashleigh Barty oder Naomi Osaka gegenüber, sondern zwei herzerfrischend freche Teenager. Am Finaltag schlagen im Arthur Ashe Stadium die Kanadierin Leylah Fernandez und die Britin Emma Raducanu auf – und wie!

 

Fernandez ist 19 Jahre jung, Raducanu erst 18. Seit Tagen verzücken sie die Zuschauer und liefern herrlichen Stoff für die in den USA so beliebten Underdog-Storys. Zwei Teenager im Finale eines Major-Turniers – was für ein Drehbuch. Das gab es zuletzt vor 22 Jahren ebenfalls bei den US Open. 1999 gewann die inzwischen 40 Jahre alte US-Ikone Serena Williams gegen die Schweizerin Martina Hingis.

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Das neue Tennismärchen von New York wird allerdings noch prickelnder durch die Tatsache, dass Raducanu die erste Qualifikantin eines Grand-Slam-Turniers ist, die es seit der Einführung des Profitennis 1968 ins Finale schaffte. „Gibt es da Erwartungen? Ich bin eine Qualifikantin. Auf dem Papier lastet kein Druck auf mir“, sagte Raducanu ziemlich lässig vor dem mit Spannung erwarteten „Kinder-Finale“ an diesem Samstag (22 Uhr/Eurosport). Ein Endspiel, bei dem es eigentlich nur zwei Siegerinnen geben kann. Dennoch könnte die Unterlegene bittere Tränen vergießen – so ist der Sport.

Die Jungfinalistinnen begeistern auch die ehemalige deutsche Tennisspielerin Anke Huber. „Tolle Mädels, die zwei. Es war natürlich sehr überraschend, damit hat jetzt wirklich niemand gerechnet“, meint Huber. Raducanu hätte zwar schon in Wimbledon ganz ordentlich gespielt, doch Fernandez habe man so gar nicht auf dem Schirm gehabt. Ob da jetzt eine neue Generation heranwächst, will Huber nicht vorschnell beurteilen müssen. Dafür sei es noch zu früh. Allerdings könnten die Tennis-Teenager vor einer großen Zukunft stehen.

Anke Huber ist begeistert

Denn Fakt ist auch: Sie können was und stehen nicht zufällig im Endspiel des Klassikers. „Was mich fasziniert hat, ist dieses schon sehr erwachsene Spiel der beiden. Es ist unglaublich gut, wie sie einen Punkt aufbauen, dazu sind sehr gut auf den Beinen, rücken nach, gehen vor ans Netz, können vollieren und spielen auch mal einen Slice – wirklich schön anzuschauen“, sagt Anke Huber, die sportliche Leiterin des Porsche-Grand-Prix in Stuttgart.

Auch stehen die zwei jungen Frauen im Finale, weil sie kraft ihres Alters seit Tagen sehr beherzt aufspielen können. „Es ist noch viel Unbekümmertheit dabei. Mit 18 oder 19 macht man sich noch relativ wenig Gedanken. Sie haben beide keinen Druck, sie haben nichts zu verlieren – da kommen dann manchmal auch Bälle, die normalerweise nicht reingehen würden“, sagt Huber über den Vorteil der Jugend.

Schwere Brocken weggeräumt

Leylah Fernandez musste im Halbfinale der US Open den schwereren Brocken aus dem Weg räumen. Nach drei umkämpften Sätzen schaltete sie die Weltranglisten-Zweite Aryna Sabalenka aus. Schon Angelique Kerber und Naomi Osaka waren an der frech und offensiv aufspielenden Newcomerin gescheitert. „Ich denke, ich habe ein paar unglaubliche Sachen geschafft“, sagte Fernandez lächelnd und erzählte von einem prägenden Moment im Kindesalter. „Eine Lehrerin hat mir gesagt, ich solle mit Tennis aufhören, weil ich das nie schaffen werde“, sagte die Kanadierin. „Das war damals wirklich nicht lustig, aber ich bin froh, dass sie das gesagt hat, weil ich diesen Satz jeden Tag im Kopf hatte.“

Ihre Gegnerin Raducanu freut sich derweil riesig auf das Endspiel. Nach dem Halbfinalsieg gegen Maria Sakkari gab sie Einblicke in ihren Plan: „Das versuche ich zu tun: Magie auf den Platz zu bringen. Ich versuche, für jeden Zuschauer eine Show zu zeigen.“

Auf den Kopf kommt es an

Der mentale Aspekt, das glaubt Anke Huber, wird dieses traumhaft andere Finale entscheiden. Spielerisch seien die Kontrahentinnen ungefähr gleich gut. „Es kommt darauf an, wer mit der ganzen Situation ein bisschen besser zurechtkommt, auch mit den Gedanken an das US-Open-Finale, das man ja jetzt gewinnen kann“, sagt Anke Huber, für die eines ganz sicher ist: „Es wird auf den Kopf ankommen.“