Spielt ein ganz starkes Turnier bei den US Open: Leylah Fernandez Foto: AFP/ELSA

Leylah Fernandez und Félix Auger-Aliassime stehen im Halbfinale der US Open und zeigen, wie stark die neue Generation in ihrer Heimat ist.

New York/Stuttgart - Als die berühmten Crazy Canucks um Ken Read und Steve Podborski ab Mitte der 70er Jahre die alpine Skiwelt aufmischten, war es kein Geheimnis, was sie auf der Streif in Kitzbühel so stark machte. Die kräftigen Burschen aus den kanadischen Wäldern zischten vor der gefährlichsten Abfahrt der Welt ein paar Bierchen, die sie mutig werden ließen auf der Piste – und damit schnell.

 

Mehr als 40 Jahre später gibt es wieder so ein kanadisches Sportmärchen, diesmal im Tennis. Bei den US Open stehen das 19 Jahre alte Talent Leylah Fernandez bei den Frauen und der ebenso hochveranlagte Félix Auger-Aliassime im Halbfinale. Während die großen Nachbarn aus den USA staunen über die beeindruckenden Auftritte dieser jungen kanadischen Generation, verrät Leylah Fernandez etwas über den Zaubertrank, der die Erfolge der nordamerikanischen Tennistalente erst möglich macht und so gar nichts mehr zu tun hat mit dem Gerstensaft der Skifahrer von einst: „Es ist der Ahornsirup.“

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Leylah Fernandez ist eine herzerfrischende junge Frau. Sie präsentiert sich neben dem Platz schlagfertig und lässig, während sie auf ihm reihenweise die Topspielerinnen aus dem Turnier wirft. Erst schaltete sie die Titelverteidigerin Naomi Osaka aus, dann folgte der Triumph über Angelique Kerber, und zuletzt schickte sie die Weltranglisten-Fünfte Elina Switolina mit 6:3, 3:6, 7:6 auf die Heimreise. Die Weltrangliste führt Fernandez noch auf Platz 73 – aber das wird sich nach den US Open natürlich ändern.

Nicht nur die Zuschauer in New York jubeln ihr zu, auch Prominenz aus der Sportwelt ist begeistert von ihr. „Wenn Sie die aufregendste Spielerin der US Open, die 19-jährige Leylah Fernandez, noch nicht gesehen haben, haben Sie wirklich etwas verpasst“, schrieb etwa die Basketball-Ikone Magic Johnson in den sozialen Netzwerken und verteilte ein Kompliment, das schöner nicht sein könnte: „Sie verzaubert die Welt!“

Eintrag in die Geschichtsbücher

Dass auch Félix Auger-Aliassime im Halbfinale der US Open steht, ruft derweil den kanadischen Premierminister Justin Trudeau auf den Plan, der mächtig stolz ist auf seine beiden Landsleute. Er sprach von einem „großen Tag für das kanadische Tennis“. Zwar hatte Auger-Aliassime in seinem Viertelfinalspiel gegen das erst 18 Jahre alte Talent Carlos Alcaraz wenig Mühe, auch weil der Spanier beim Stand von 6:3 und 3:1 aufgeben musste. Doch sein Weiterkommen sorgte für einen Eintrag in die Geschichtsbücher des Tennis. Noch nie standen bei den US Open zeitgleich eine Frau und ein Mann aus Kanada im Halbfinale.

Félix Auger-Aliassime ist ein nahezu perfekter Spieler, der alles beherrscht. Die Branche sieht in ihm auch schon den adäquaten Nachfolger von Roger Federer. Nur ist es so, dass der kanadische Himmelsstürmer oft noch etwas zu viel will und leichte Fehler macht. Wenn er die abstellt, könnte er sein erstes hochklassiges ATP-Turnier gewinnen, denn darauf wartet er noch nach acht erfolglosen Finalteilnahmen. Oder er schnappt sich am Sonntag den US-Open-Sieg. Zuvor müsste die Nummer 15 der Welt jedoch den starken Halbfinalgegner Daniil Medwedew ausschalten.

Noch mehr Talente

Neben Félix Auger-Aliassime und Leylah Fernandez hat die kanadische Nachwuchsabteilung noch andere Hochbegabte im Köcher. Bei den Männern ist das Denis Shapovalov, der mit 22 Jahren bereits die Nummer zehn der Weltrangliste ist, und bei den Frauen sind die Augen auf die 21 Jahre alte Tennisspielerin Bianca Andreescu gerichtet. Auch mit Neid – denn erstmals in der Geschichte des New Yorker Turniers hat kein Profi des US-Tennisverbands das Viertelfinale erreicht.

Vielleicht sollten die großen Nachbarn aus dem Süden Nordamerikas weniger Coca-Cola trinken. Ahornsirup schmeckt schließlich auch ganz gut.