Der Schwarzwälder Dominic Samuel Fritz war früher Büroleiter von Altbundespräsident Horst Köhler. Mit der drittgrößten Stadt Rumäniens Temeswar verbindet ihn schon lange eine Liebe, die ihn Deutschland nun verlassen ließ.
Temeswar - Ein Wahlkampfmarathon hat den Schwarzwälder Dominic Samuel Fritz als ersten Ausländer an die Spitze eines rumänischen Rathauses geführt: In Temeswar (Timisoara) ist der frühere Büroleiter von Altpräsident Horst Köhler zum Bürgermeister gewählt worden – auch ohne rumänische Wurzeln. Eine Pause ist dem deutschen Überraschungssieger der Bürgermeisterkür in Rumäniens drittgrößter Stadt nicht vergönnt. „Urlaub gibt es keinen“, berichtet aufgeräumt der Schwarzwälder, der derzeit in der Hauptstadt Bukarest durch die Studios der nationalen TV-Sender tingelt: „Nach dem Wahlsieg ist erst einmal ein Mediensturm über mich hereingebrochen.“
Graswurzelkampf statt Wahlkampf
Der gebürtige Lörracher ist als erster Ausländer zum Bürgermeister gewählt worden – im Karpatenstaat ist das eine Sensation. In Temeswar selbst hat der Erfolg des deutschen Politimports nur wenige überrascht. „Es war nicht so, dass sich ein Fremder zur Wahl gestellt hätte,“ erklärt der 36-jährige Ex-Grüne seinen Sieg auch mit seinem fast einem Jahr währenden „Graswurzelwahlkampf“. Monatelang sei er durch die Stadtteile gezogen und habe unzählige Gespräche geführt: „Die Temeswarer hatten viel Zeit, mich unter die Lupe zu nehmen. Jeder, der mich kennenlernen wollte, konnte dies tun.“
Tatsächlich war der frühere Kabinettschef von Altpräsident Horst Köhler schon vor der Wahl in der Universitätsstadt kein Unbekannter. Seit es den damaligen Abiturienten 2003 als Helfer in einem Waisenhaus erstmals nach Temeswar verschlagen hatte, ließ ihn die Liebe zur Vielvölkerstadt nicht mehr los. Fast jede freie Minute pflegte der Hobbymusiker für von ihm initiierte Sozial-, und Kulturprojekte in seiner Wahlheimat zu verbringen. Engagiert bei den lokalen Protesten gegen Korruption und den Abbau des Rechtsstaats entschloss sich der studierte Verwaltungsfachmann schließlich im letzten Jahr, seinem Dauerpendeln zwischen Berlin und Temeswar ein Ende zu setzen – und den Sprung in die Schlangengrube von Rumäniens Kommunalpolitik zu wagen.
Zunächst krasser Außenseiter
Anfang 2019 trat Fritz bei den deutschen Grünen aus – und Rumäniens Antikorruptionspartei USR bei. Im Juni 2019 setzte er sich bei einer parteiinternen Urabstimmung gegen drei Mitbewerber durch – und wurde offiziell zum Bürgerschaftskandidat der URS nominiert. Vor Jahresfrist kündigte der Grenzgänger schließlich seinen gut dotierten Job in Berlin und zog für seinen sorgfältig geplanten Rathaussturm endgültig nach Temeswar um. Dort ging der Politimport zunächst als krasser Außenseiter gegen den langjährigen Amtsinhaber Nicolae Robu von der liberalen Regierungspartei PNL ins Rathausrennen. Doch seine Botschaft für einen entschlosseneren Kampf gegen die Vetternwirtschaft kam in Rumäniens Boomstadt genauso gut an wie sein beharrliches Werben für einer transparentere und effektivere Verwaltung. Am Ende lag Fritz mit 52 Prozent der Stimmen über zwanzig Prozent vor dem entthronten Platzhirsch.
2023 Kulturhauptstadt
Die Erwartungen sind hoch, der Aufgabenberg ist groß: Zeit zum Atemholen bleibt Fritz kaum. Die Wochen bis zur Vereidigung will er zur Zusammenstellung seines Teams und der Planung des Übergangs im Rathaus nutzen. Dass Temeswar wegen Corona erst 2023 statt wie ursprünglich geplant 2021 Europas Kulturhauptstadt werden wird, kommt ihm gelegen. Leider habe das Projekt bisher vor allem zu Spaltungen in der Kulturszene geführt, bedauert Fritz: „Aber wir werden alles tun, um die Stadt erneut hinter dem Hauptstadtjahr zu vereinen.“