Martina Rudolph-Zeller, die Leiterin der Telefonseelsorge Stuttgart, an ihrem Arbeitsplatz Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Seit 60 Jahren gibt es die Telefon-Seelsorge. Stuttgart war die bundesweit vierte Stelle, die eingerichtet wurde. Corona hat die Zahl der Kontaktaufnahmen in die Höhe schießen lassen: 2020 haben landesweit 1070 Ehrenamtliche 125 400 Stunden lang zugehört.

Stuttgart - Am 10. Oktober ist der Welttag für psychische Gesundheit. Einsamkeit, Depression, Ängste – das sind die Hauptthemen, wenn sich jemand an die Telefonseelsorge wendet. Seit mehr als 60 Jahren gibt es diesen von den Landeskirchen in ökumenischer Weise getragenen Hilfsdienst. Bedürftige Menschen werden dort kostenlos, anonym und vertraulich empfangen und oftmals auch aufgefangen. Stuttgart war 1960 die bundesweit vierte Stelle, die eine Telefonseelsorge einrichtete. Derzeit 113 Ehrenamtliche, koordiniert von einem kleinen Angestelltenteam um Leiterin Martina Rudolph-Zeller, halten hier den Betrieb aufrecht.

Zwei Drittel der Ehrenamtlichen sind Frauen

Corona hat auch die Arbeit der Telefonseelsorge nicht unberührt gelassen. Die Zahlen der Kontaktaufnahme schossen vor allem in der Anfangszeit der Pandemie noch weiter in die Höhe. „Wir hatten da rund 20 Prozent mehr Anrufe als davor“, sagt Gregor Bergdolt, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der Telefonseelsorge. Für 2020 registrierten die 13 Anlaufstellen in Baden-Württemberg zusammen 168 000 telefonische Kontaktaufnahmen. Daraus wurden in der Summe 125 400 Stunden, in denen landesweit 1070 Ehrenamtliche (davon zwei Drittel Frauen) am Telefon zuhörten und mit den Hilfesuchenden sprachen.

„Wir haben eine Wegweiser-Funktion“, sagt Martina Rudolph-Zeller. Sie erlebt „unser Hilfesystem in Deutschland als sehr undurchschaubar für viele“, und gerade für solche Menschen „sind wir dann oft die ersten Gesprächspartner“. Dabei schlüpfen die Seelsorge-Mitarbeiter nicht in die Rolle eines Therapeuten oder Arztes. „Wir stellen keine Diagnose, wenn wir mit Krankheitsbildern konfrontiert werden. Das ist nicht unser Anspruch. Wir helfen höchstens beim Orientieren“, stellt Mitarbeiterin Anja klar. Seit 2013 ist die 51-Jährige ehrenamtlich dabei. Wie alle anderen hat auch Anja eine zweijährige, intensive Ausbildung vor ihrem ersten Einsatz durchlaufen. Sorgen und Nöte der Anrufer nicht zu seinen eigenen zu machen, aber sich im Gespräch trotzdem ganz auf den anderen einlassen zu können, gehört dazu. „Ich bin empathisch, aber eben emotional nicht so involviert wie ein Lebenspartner oder Verwandter.“

7500 Mailwechsel und über 6500 Chats wurden geführt

Auch bei der Telefonseelsorge ist die Zeit nicht stehen geblieben. Seit sieben Jahren gibt es neben der klassischen Variante auch die Möglichkeit, die „erste Hilfe für die Seele“ per Chat oder E-Mail in Empfang zu nehmen. Landesweit über 7500 Mailwechsel und über 6500 Chats wurden voriges Jahr von speziell geschulten Mitarbeitern geführt. Tendenz steigend. Rudolph-Zeller: „Manchen fällt schreiben leichter als sprechen.“

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