Den Jugendlichen fehlt die Selbstmotivation. Foto: Adobe Stock/Tinnakorn

Es geht schleichend bergab. Immer mehr junge Frauen werden depressiv, oft verbunden mit Essstörungen. Je länger der Lockdown geht, desto schwerwiegender sind die Folgen.

Stuttgart - Anna hat sich in den vergangenen Wochen immer mehr zurückgezogen, bis sie fast komplett in ihrer eigenen Welt gelebt hat. An den Tischgesprächen der Familie hat sich die 16-Jährige kaum noch beteiligt. Sie war zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Ihre Mahlzeiten hat sie sich in der Küche aus penibel ausgewählten Zutaten selbst gekocht. Bei allem habe die Freude gefehlt, die Albernheit, wie sie in dem Alter ja typisch ist, erzählt ihre Mutter. Schließlich hat Anna über diffuse Schmerzen geklagt wie zum Beispiel Herz-Rhythmus-Störungen. Außerdem sind ihr immer wieder die Finger und Zehen blau geworden.

 

Ein Bluttest brachte es ans Licht: Da stimmt etwas ganz und gar nicht. Die Werte waren so schlecht, dass der Hausarzt Anna an die Fachkollegen überwies. Die Diagnose: eine Depression, ausgelöst durch die Folgen der Pandemie – einhergehend mit einer schleichenden Essstörung. Bei den Arztgesprächen kam auch heraus, dass Anna schon länger nicht mehr ihre Periode hat. Ein Alarmsignal.

Vermeintlich gesunde Ernährung

Wie es dazu kommen konnte? Die Mutter sagt, sie habe sich erst einmal darüber gefreut, dass sich die Tochter so gesund ernährt: „Sie hat ja trotzdem immer gegessen.“ Und Anna habe auch nicht sichtbar zu viel Gewicht verloren. Erst als die gesundheitlichen Probleme offensichtlich wurden, sei sie hellhörig geworden.

Das ist ein Phänomen, das Dagmar Preiß, der Geschäftsführerin des Gesundheitsladens in Stuttgart, zunehmend begegnet. In ihre Praxis beim Mädchengesundheitsladen kommen zurzeit viele Mädchen und junge Frauen, bei denen die Gewichtsveränderung länger unbemerkt geblieben ist. Es fehle im Lockdown das Feedback der Gleichaltrigen, die eine Veränderung meist schneller feststellten, meint Preiß. Den Eltern will sie keine Vorwürfe machen: „Die sind selbst stark angespannt, und die Mädchen machen mit ihrer vermeintlich gesunden Ernährung auf den ersten Blick ja alles richtig.“

Regeln bestätigen Zwänge

Das gelte auch für andere Zwangsstörungen. Dagmar Preiß nennt zwei ihrer aktuellen Fälle. Ein Mädchen, das mehr als 20-mal am Tag die Hände wasche, und eines, das die Maske gar nicht mehr abziehe, um sich nicht zeigen zu müssen. Beide fühlten sich durch die Coronaregeln bestätigt nach dem Motto: „Was ich mache, finden momentan alle gut, und so falle ich glücklicherweise gar nicht auf.“

Apropos auffallen: Sowohl Dagmar Preiß als auch die Tübinger Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin Jasmin Kümmerle-Deschner stellen fest, dass die Zahl von Mädchen mit geschwollenen, blau oder weiß verfärbten Fingern oder Zehen deutlich zunehme. Laut Preiß ist das eine mögliche Begleiterscheinung eines gestörten Essverhaltens. Die Akrozyanose, wie im Fall von Anna, sei eine Kälteintoleranz, erklärt die Medizinerin Kümmerle-Deschner. Der „sprunghafte Anstieg“ komme auch daher, dass die Jugendlichen sich zu wenig bewegten: „Sie sitzen den ganzen Tag im Schlafanzug zu Hause und gehen höchstens vom Bett zum Sofa, zum Kühlschrank und wieder zurück.“

Großes Verantwortungsbewusstsein

Gabi Erbis, Pädagogin und Familientherapeutin an der Uniklinik Tübingen, sieht bei vielen Jugendlichen aber auch ein „unglaublich großes Verantwortungsbewusstsein“. Das stehe im Widerspruch zur Lebenssituation ohne das Coronavirus, die sie so beschreibt: „Was kostet die Welt?!“ Wie sollten die Jugendlichen Grenzen austesten, wenn schon ein Treffen mit zwei Freundinnen nicht erlaubt ist und auch noch eine gesundheitliche Gefahr für andere darstellen kann? Die Folge sei eine „unheimliche“ Zunahme von depressiven Stimmungen. „Viele haben keine Energie und Kraft mehr, sich ständig selbst zu motivieren.“ Gabi Erbis arbeitet seit 20 Jahren in der Kinder- und Jugendmedizin und sie sagt, dass noch nie so viele Jugendliche im Gespräch mit ihr so konkrete suizidale Gedanken geäußert hätten wie in den vergangenen Wochen.

Anna geht es unterdessen besser. Die Diagnose war die Chance für die ganze Familie, sich mit der Depression auseinanderzusetzen und in der Folge auch mal über andere Dinge zu reden als nur über Corona, wie die Mutter sagt. Sie hat Glück gehabt. Im Mädchengesundheitsladen lag die Wartezeit auf ein Erstgespräch vor Corona bei maximal zwei Wochen. Jetzt sind es im Schnitt vier bis sechs.