Tarifauseinandersetzung in der Metallindustrie Metaller in der Komfortzone

Von Klaus Köster 

In der Tarifauseinandersetzung der Metallbranche geht es außer um Tarifprozente auch um die Arbeitszeit Foto: dpa
In der Tarifauseinandersetzung der Metallbranche geht es außer um Tarifprozente auch um die Arbeitszeit Foto: dpa

Die deutsche Wirtschaft befindet sich seit Jahren im Dauer-Boom. Die Fabriken stehen unter Volldampf, die Wirtschaftsleistung ist im vergangenen Jahr so stark gewachsen wie seit sechs Jahren nicht. Für die Gewerkschaft IG Metall könnte die aktuelle Tarifrunde gar nicht besser laufen. So scheint es jedenfalls.

Der anhaltende konjunkturelle Rückenwind hat für die Gewerkschaft aber auch seine Nachteile. Denn in Zeiten, da die Fachkräfte immer knapper werden, entsprechen hohe Lohnsteigerungen der Logik von Angebot und Nachfrage – sie sind kein Erfolg mehr, für den sich die Unterhändler feiern lassen könnten. Seit 2012 sind die Metaller-Gehälter um satte 20 Prozent gestiegen. Ein Facharbeiter in der Metallindustrie darf heute brutto mit einem Anfangsjahresgehalt von 46 000 Euro rechnen und ist damit an manch einem Akademiker vorbeigezogen. Bei Arbeitskämpfen stehen die Mitarbeiter zwar wie eine Eins, doch der Organisationsgrad und damit die Bindekraft der Gewerkschaftsbewegung bröckelt.

Es war daher ein kluger Schritt der IG Metall, ihre Mitglieder zu befragen, was ihnen neben hohen Lohnsteigerungen noch wichtig ist. Eine Konsequenz daraus ist nun die Tarifforderung nach einem individuellen Recht der Beschäftigten, die eigene Arbeitszeit jahrelang zu verkürzen. Doch je stärker die Gewerkschaft ihren Einfluss über die Lohnfindung hinaus ausbaut, desto klarer wird, dass sich ihre Ziele nicht immer zu einem harmonischen Ganzen verbinden.

Die Kerze brennt von beiden Seiten

Je mehr Mitarbeiter die Möglichkeit einer kürzeren Arbeitszeit nutzen, desto leichter müsste es die Gewerkschaft den Firmen machen, die Lücken zu füllen – schließlich muss es auch noch Leute geben­, die Geld in die Kassen der Unternehmen und auf die Konten der Mit­arbeiter schaufeln. Doch was soll ein kleiner Betrieb tun, wenn noch mehr Fachkräfte kürzertreten? Mit Neueinstellungen wird ein Ausgleich kaum gelingen – welche Ingenieurin hat es schon nötig, sich auf eine befristete Teilzeitstelle zu bewerben? Solche Lücken lassen sich, wenn überhaupt, allenfalls durch Leiharbeit oder durch die Fremdvergabe von Aufträgen schließen. Doch Arbeitgeber, die dies versuchen, begegnen erneut der Gewerkschaft – und ihrem Vorwurf, auf prekäre Arbeitsverhältnisse umsteigen zu wollen.

Dabei spricht die Gewerkschaft mit dem Thema Zeitsouveränität ein gesellschaftspolitisches Thema an, dessen Bedeutung gar nicht überschätzt werden kann. Immer mehr Menschen haben pflegebedürftige Angehörige. Doch müssen Firmen diesen Beschäftigten für ihre Arbeit deshalb auch mehr bezahlen? Einerseits kämpft die Gewerkschaft gegen jede Form der Lohndiskriminierung, andererseits strebt sie selbst Diskriminierungen an zwischen Menschen, die etwa wegen pflegebedürftiger Angehöriger ihre Arbeitszeit reduzieren, und solchen, die dies nicht tun. Diese faktische Bestrafung für Vollzeitbeschäftigte steht in einem klaren Widerspruch zur Zeitsouveränität der Mitarbeiter, die die Gewerkschaft so vehement einfordert.

Welche Rolle spielen E-Auto und Digitalisierung?

Das Risiko des anhaltenden wirtschaftlichen Erfolgs ist die Gewöhnung. Sie macht blind für Gefahren. Digitalisierung und E-Mobilität dürften neue, spezialisierte Hersteller ins Rennen bringen – und die deutschen Belegschaften harter Konkurrenz aus Staaten aussetzen, die es gar nicht erwarten können, den Deutschen ihre Führungsrolle abzunehmen. Doch die Themen, über die in Tarifverhandlungen gesprochen wird, deuten darauf hin, dass Deutschland gedanklich noch tief in der Komfortzone verwurzelt ist.

klaus.koester@stuttgarter-nachrichten.de

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