Die Latein-Formation des 1. TC Ludwigsburg rangiert in der zweiten Bundesliga. Foto: Pressefoto Baumann

Ohne sie geht beim 1. TC Ludwigsburg nichts: Rainer Schönamsgruber und Norman Beck prägen seit Jahren das Formationstanzen im Verein. Die Trainer über Vorurteile, Voraussetzungen und Vielfalt beim Tanzen.

Herr Schönamsgruber, Sie zählen zu den Urgesteinen des Clubs. Wie begegnen Sie dem Vorurteil, das Lateintänzer in der Formation nicht sauber tanzen?
Schönamsgruber: Das kann ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Auch bei uns ist bis in den kleinen Finger alles definiert, ist eine unglaubliche Dynamik notwendig. Das sieht man etwa an den Bodenschwingern.
Herr Beck, wie begeistern Sie einen künftigen Tänzer vom Standardtanz, wenn er das einengende Gefühl von Frack und Fliege gar nicht prickelnd findet ?
Beck: Gar nicht. Die meisten kommen ja zu uns und probieren erst mal alles aus. Und wer als Jugendlicher erst mit 16 dazu stößt, der beginnt zu 99,9 Prozent der Fälle mit Latein und entscheidet sich dann vielleicht wieder um. Das sehen wir beide eher locker und feilschen nicht um die guten Tänzer.
Schönamsgruber: Es gibt diverse Schnittstellen, weil ich auch natürlich auch viel mit seiner Frau (Anm. d Red.: Dagmar Beck) im Jugendtraining zusammenarbeite und wir entwickeln auch gemeinsame Ideen. Es läuft also nicht nebeneinander her.
Beck: Das wäre auch fatal. Die Grundzüge in der Ausbildung was Körper-und Haltungspunkte angeht sind absolut identisch. Körperaufbau und die grundtypische Bewegung ist im Standard genauso wie im Latein. Es sieht halt nur anders aus.
Egal ob Standard- oder Latein, welche Voraussetzungen muss ein Formationstänzer mitbringen?
Schönamsgruber: Das hört sich komisch an, aber die brauchen schon das Formationsgen. Wir hatten schon viele gute Tänzer in der Truppe, die dann sagten, das ist nicht mein Ding. Es gehört viel Disziplin dazu. Eine Formation funktioniert nicht, wenn das Ich hintansteht, denn nur das Wir zählt.
Beck: Hinzu kommt, dass eine Formation ein Mannschaftssport ist. Paartänzer sind Individualisten und die kennen und sehen nur sich, was ich schade finde. Das ist der krasse Unterschied. Deshalb muss man Teamgeist mitbringen und sich unterordnen können.
Die letzten Vorbereitungen auf die deutschen Meisterschaften laufen. Mit welchem Gefühl gehen Sie aufs Parkett?
Beck: Die Zeit war schwierig. Das Team ist so jung wie nie und wir sind erst seit September zusammen. Es gab viele Veränderungen. Wir mussten vier Athleten aus der eigenen Jugend und den 18-jährigen Ukrainer Kyrylo Grinschenko integrieren. Mir war klar, ein Himmelfahrtskommando lasse ich nicht zu. Wir gehen jetzt aber mit dem guten Gefühl von Platz drei bei den Weltmeisterschaften in den Endspurt und holen uns den letzten Schliff beim Trainingslager in der Landessportschule Albstadt.
Der ewige Rivale Braunschweig war bei der WM Zweiter. Wie wichtig wäre ein Sieg beim Heimspiel?
Beck: An Braunschweig kommen wir derzeit mit unserer jungen Truppe wohl nicht ran. Aber wir müssen Zweiter werden, sonst sind wir ein Jahr vor der WM, die von uns ausgerichtet wird, international weg vom Fenster.
Schönamsgruber: Als Aufsteiger in der ersten Bundesliga sind unsere Ansprüche niedriger. Wir peilen Platz fünf oder sechs an. Denn selbst wenn die deutschen Meisterschaften keinen direkten Einfluss auf die Bundesliga haben, so sind sie wegweisend. Wenn wir da hinten reinrutschen, wird es in der Liga schwer, weil die Wertungsrichter diesen Eindruck im Hinterkopf behalten.
Sie halten an Ihrer Choreografie „Unstoppable“ fest. Ist das ein Vorteil?
Schönamsgruber: Wir wissen, dass unsere Darbietung gut ankommen wird. Diese Sicherheit haben einige Konkurrenten, die mit neuen Einlagen starten, nicht. Wir hatten nicht so viele Wechsel wie das Standardteam und unsere Neuzugänge verfügen allesamt über große Erfahrung und helfen uns weiter.
Im Gegensatz zu ihrem Kollegen, der auf feste Paare setzt, lüften Sie erst im letzten Moment das Geheimnis, welche acht Kombinationen aufs Parkett gehen. Kann das gut gehen?
Schönamsgruber: Es stimmt, die Paare stehen noch nicht fest. Das erhöht den Konkurrenzkampf und die Flexibilität. Wer bei einer deutschen Meisterschaft bestehen will, muss mit jedem Partner klarkommen. Wir Trainer erwarten schon, dass im Vorfeld alles hinten ansteht, wissen aber, dass unsere Tänzer echte Idealisten sind, die für ihren Auftritt kein Geld bekommen – sie können sich nur beweisen, dass sie es können.
Gab es im Formationstanzen zuletzt entscheidende Veränderungen?
Schönamsgruber: Klar gibt es auch Trends. Es ist aber nicht so, dass sich schlagartig was ändert. Die Veränderungen im Einzeltanzen schlagen sich natürlich in der Formation nieder. Im Latein war die tänzerische Qualität bei uns im Club zuletzt nicht so hoch. Wir hatten eher B- und C-Klassenpaare – dieses Jahr hat sich das geändert. Wir haben ein höheres Niveau erreicht. Wenn man übers bessere Tanzen ein besseres Gehör entwickelt, wird man automatisch synchroner.
Beck: Bis Ende der 90er gab es die Formationstänzer. Wer beim Einzel nichts geworden ist, der ist in die Gruppe gegangen. Wir haben das widerlegt, indem 80 Prozent unserer Paare alle Einzel tanzen. Seit 2000 hat die Formation, den Schwerpunkt rein aufs Tanzen gelegt. Früher war das Marschieren von A nach B. Wir tanzen heute die gleichen Elemente wie im Einzel, die Musikalität und der Ausdruck fußt auf dem, was im Einzel getanzt wird. Mit dem zusätzlichen Anspruch, die müssen das mal acht und auch noch synchron bringen. Es gibt nicht diese Differenzierung zwischen Einzel und Formation. Es ist Tanzen. Fertig.
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