Peter Hövelborn, der ehemalige Esslinger Stadtplaner und Denkmalpfleger, führte seine 25 Teilnehmer auf altbewährte Weise analog durch Esslingen zum Kesselwasen. Foto: Ines Rudel/Ines Rudel

Der „Tag des offenen Denkmals“ sorgte bei Kaiserwetter für ein königliches Vergnügen bei allen Freuden von Geschichte, Kultur und Historie.

Kreis Esslingen - Es gibt die unersättlichen Junkies, die Kultur pur inhalieren. „Ich habe mich zu drei Stadtführungen über den ganzen Tag verteilt angemeldet“, sagt eine Frau auf dem Marktplatz in Esslingen. Sie kann aus dem Vollen schöpfen. Beim „Tag des offenen Denkmals“ am Sonntag wurden in der Neckarstadt und im Landkreis Esslingen verschiedene Appetithappen für alle Kulturhungrigen angeboten, die sich somit in ein geschmackvolles Programm verbeißen konnten. Im Vorjahr war die Veranstaltung coronabedingt überwiegend online angeboten worden, diesmal waren wieder Präsenzveranstaltungen möglich. Esslingen ging mit einer Mischung aus analogen und virtuellen Programmpunkten an den Start.

 

Esslingen ist anders

Jürgen Zieger, Esslingens scheidender Oberbürgermeister, ließ sich von dem tief- und hintergründigen Motto zu philosophischen Höhenflügen inspirieren. Auf dem Marktplatz sagte er zur Eröffnung, die Überschrift des „Tags des offenen Denkmals“ in diesem Jahr scheine so gar nicht zu Esslingen zu passen. „Schein und Sein in Geschichte, Architektur und Denkmalpflege“ und die mittelalterlich geprägte Stadt könnten nur schwer miteinander in Verbindung gebracht werden. Doch der Schein trüge. Beispiel: Das uralt anmutende Fachwerk des Speyrer Pfleghofs stamme aus dem Jahr 1904. Sein und Schein würden aber auch bei der Villa Gruner in der Pliensauvorstadt nahe beinander liegen. Das unscheinbare Gebäude werde in die wichtige, neue Bleibe des Stadtjugendrings umgewandelt: „Wir müssen mit dem historischen Erbe unserer Stadt so umgehen, dass man die Lebenswirklichkeit des 21. Jahrhunderts darin abbilden kann.“

Denkmaltag im Landkreis

Diese Mischung aus Alt und Neu wollten verschiedene Veranstaltungen des „Tags des offenen Denkmals“ vermitteln. In Nürtingen gab es kostenlosen Eintritt ins Stadtmuseum, eine historische Stadtführung oder einen Rundgang durch das Wasserkraftwerk. In Kirchheim wurde neben Führungen oder einem Blick in den Rathausturm mächtig Dampf abgelassen. Auf dem Gelände des Vereins Historische Dampftechnik in der Boschstraße wurde die historische Zettelmeyer Straßendampfwalze von 1934 angeheizt und angeworfen. Sehenswert waren laut Veranstalter außerdem zwei Fowler-Dampfpflüge von 1909 und andere landwirtschaftliche Geräte.

Ein bergiger Gang durch die Beutau

Esslingen aber stellte vor allem seine schmucke Altstadt in den Mittelpunkt. Sechs Führungen zu unterschiedlichen Themen und 24 Objektrundgänge standen auf dem Programm. Die Kulturhistorikerin Andrea Urbansky nahm ihre 25 Teilnehmenden mit auf einen bergigen Gang hin zur Beutau. Für den sonderbaren Namen gibt es ihrer Darstellung nach zwei mögliche Erklärungen: „Bytun“ sei ein früher gebräuchliches Wort für „Wanne“ – und diese Bezeichnung würde wunderbar zur Geländeform der Beutau passen. „Batannum“ dagegen sei der lateinische Begriff für eine „Stampfmühle“. Und tatsächlich wiesen historische Dokumente auf die Existenz einer Mühle in dem Gebiet hin. Vor allem aber lebten hier die Weingärtner. Sie erfreuten sich wie ihre Mitbürger als Einwohner der freien Reichsstadt des Bürgerrechts und waren somit nicht wie ihre Kollegen im Remstal rechtlose Leibeigene.

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Das Mittelalter war nach Darstellung von Andrea Urbansky sehr pragmatisch und realitätsbezogen. Bürger, die sich einen steinernen Wohnturm leisten konnten, galten im Wortsinn als steinreich. Wer über einen Erker verfügte, der als Toilette verwendet werden konnte, war stinkreich. Das war ganz Esslingen im Mittelalter mit seinen etwa 7000 Einwohnern. Mildes Klima und Weinanbau sorgten für Wohlstand. Das Bier und der Most als schwäbisches Nationalgetränk kamen erst viel später. Nachdem eine „kleine Zwischeneiszeit“ für witterungsbedingte Umbrüche gesorgt hatte, wurde ab dem 16. Jahrhundert auf andere Getränke zurückgegriffen. Der „Tag des offenen Denkmals“ aber wollte vor allem nach Kultur Dürstende mit Wissenswertem in möglichst flüssiger Präsentationsform versorgen. Und zeigen, dass Sein und Schein oft nahe beinanderliegen.