Für Geschmacksfragen im Brennhäusle zuständig: Eberhard Schneider und Robert Clauss (rechts) von der Weilergenossenschaft Rüdern. Foto: Ines Rudel

1775 wurde das Brennhäuschen im Esslinger Stadtteil Rüdern erstmals erwähnt – und die Mitglieder der örtlichen Weilergenossenschaft möchten die Tradition im Fluss halten.

Esslingen - Ab und zu gönnen sie sich kleine Raffinessen. Eine Mischung aus Most und Anis etwa. Dieser Mix mundet bestens, weiß Robert Clauss: „Das ist ein schwäbischer Ouzo.“ Doch abseits von geschmacklichen Plänkeleien nehmen der Vorsitzende und die 65 Mitglieder der Weilergenossenschaft Rüdern ihr Ehrenamt und ihren selbst gestellten Auftrag 100-prozentig ernst. Sie betreiben das schmucke Brennhäusle im Paradiesweg in dem Stadtteil, brennen unter strengen Auflagen für Mitbürger Schnaps oder Gin und sind auch beim „Tag des offenen Denkmals“ am Sonntag, 12. September, mit dabei. Denn Öffentlichkeitsarbeit, Erhalt der Tradition, ein Weiterführen der historischen Wurzeln „ihres Stadtteils“ und die Vermittlung ihres Wissens an jüngere Generationen sind für sie Auftrag, Wunsch, Mission und Verpflichtung zugleich. Durch ihren Einsatz sollen auch die vielen Streuobstwiesen um Rüdern herum erhalten werden, ergänzt der Brennereileiter Eberhard Schneider.

 

Die Herren des guten Geschmacks

Jetzt, im Sommer, brennt ihnen der Zeitdruck nicht unter den Nägeln. Die Anlage im Brennhäusle in Rüdern wird wenig genutzt, Robert Clauss und Eberhard Schneider haben Muße für ein Schwätzchen. Sie kennen sich in ihrem Metier aus, lieben das Fachsimpeln, können die Zusammenhänge aber auch verständlich erklären. Ihre Hauptarbeitszeit ist zwischen Oktober und April, erklären die beiden Mitglieder der Weilergenossenschaft. Zwei Brennereileiter hat der Verein, doch vier Mitglieder wurden zu ihrer Entlastung zusätzlich ausgebildet. Ihr Geschmack, ihre Erfahrung, ihre Zungenfertigkeit ist gefragt, denn sie geben dem Endprodukt die richtige Geschmacksnote. Ihre Vorgänger haben sie eingelernt, und die Universität Hohenheim bietet einwöchige Brennerkurse an. Versuchen dürfen sie auch. Aber nur eingeschränkt: Ein Tröpfchen auf der Zungenspitze muss genügen.

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Stofflieferanten statt Kunden

Einfach loslegen – das geht natürlich nicht. Ihre Kunden müssen sich im Voraus anmelden und für die Maische selbst sorgen. Das Obst wird dann zwischen sechs und zehn Wochen in einem Fass oder anderen Behältnissen gelagert, sodass sich der Zuckergehalt in Alkohol verwandeln kann. „Wir sind Puristen“, versichert Eberhard Schneider. In die Maische sollte daher nur Hefe zugegeben werden. Aber die Mitglieder der Weilergenossenschaft helfen ihren Kunden natürlich schon im Vorfeld mit Rat, Tat und Tipps weiter. Allerdings sprechen sie nicht von „Kunden“, sondern von „Stoffbesitzern“ oder „Stofflieferanten“. Denn die Mitbürger besitzen den zu verarbeitenden Stoff und liefern die Maische ins Brennhäusle an. Zuvor muss der Brennvorgang beim Zoll angemeldet und genehmigt werden. Mitarbeiter der Behörde schauen unangemeldet vorbei und kontrollieren, ob auch alles seinen bürokratisch vorgeschriebenen Gang geht.

Tradition und Moderne

Natürlich geht er das, versichern Robert Clauss und Eberhard Schneider: Sie würden peinlich genau auf die Einhaltung der Vorschriften achten. Nach ihrer Anlieferung wird die Maische in die Anlage geleert, erhitzt und gebrannt. Von 7.30 bis 18 Uhr sind die Brenner dann am Werk, pro Tag schaffen sie etwa vier Brände. Früher, so erläutert Robert Clauss, hatten sie eine mit Holz betriebene Destillieranlage, die für Rauch und entsprechende Gerüche sorgte. Doch 1993 wurde die neue Erdgas-Anlage angeschafft, und alle Probleme waren beseitigt. Jeder Brennvorgang muss vom Stofflieferanten bezahlt werden. „Wir erwirtschaften aber keinen Gewinn“, betont der Vorsitzende der Weilergenossenschaft. Fixkosten für Strom, Wasser oder Gas sind das ganze Jahr über zu bezahlen, auch wenn die Anlage nicht in Betrieb ist. Zudem werden Rücklagen für mögliche Reparaturen gebildet. Ein Vereinsleben gibt es auch. Doch Mitglied kann nur werden, wer in Rüdern wohnt, mindestens 25 Jahre alt ist und Grund und Boden besitzt. Und – als inoffizielles Kriterium – ein edles Tröpfchen zu schätzen weiß. Natürlich in Maßen. Und in selbst getesteter höchster Qualität. So ist es Brauch in Rüdern. Und dass es so weitergeht, ist der Weilergenossenschaft ein drängendes, ja brennendes Anliegen.

Der Tag des offenen Denkmals und das Brennhäusle

Die Tradition
Das Brennhäusle in Rüdern wurde 1775 erstmals erwähnt, 1842 wurde es neu errichtet. Ab 1876 wurde es von der Brennhausgesellschaft Rüdern betrieben, bis 1923 die Weilergenossenschaft Rüdern übernahm. Im 16. Jahrhundert, so weiß Robert Clauss, gab es vier Brennhäusle in dem Stadtteil, und das gemeinschaftliche Brennen hat dort eine lange Tradition: Die Bürger verwerteten so ihre Erzeugnisse, zumeist aus den eigenen Streuobstwiesen. Die Weilergenossenschaft ist Mitglied im Obst- und Gartenbauverein RSKN und informiert auf dessen Homepage über ihre Tätigkeit.

Die Veranstaltung
Alle technischen Finessen erfahren Besucher am „Tag des offenen Denkmals“ am Sonntag, 12. September. Von 11 bis 17 Uhr werden je nach Nachfrage und Bedarf Führungen durch das Brennhäusle im Paradiesweg 13 in Rüdern angeboten. An einem Stand vor dem adretten Gebäude werden verschiedene Destillate zur Verkostung präsentiert, in einem Zelt kann bei kleinen Snacks und Getränken Geselligkeit gepflegt werden. Nach 2018 beteiligt sich die Weilergenossenschaft zum zweiten Mal an der Veranstaltung – immer vorausgesetzt, dass Corona den Plänen keinen Strich durch die Rechnung macht.

Mehr unter https://www.obstundgartenbauverein-rskn.de/streuobstwiesen/obsternte-und-n%C3%BCtzliches/