Das SWR-Funkhaus in Stuttgart: Zwischen den Senderstandorten Stuttgart, Mainz und Baden-Baden herrscht nicht immer Harmonie. Foto: SWR/Jürgen Pollak

Am kommenden Donnerstag entscheidet sich, wer den SWR in Zukunft leiten wird: Welche Probleme kommen auf den Nachfolger des SWR-Intendanten Peter Boudgoust zu? Und in welchen Bereichen steht der Sender im ARD-Vergleich gut da?

Stuttgart - Wir werden in fünf bis zehn Jahren das lineare Programm primär als Schaufenster nur noch nutzen für das, was dann non-linear abgerufen wird.“ Mit dieser Aussage hat der scheidende SWR-Intendant Peter Boudgoust möglicherweise bereits im Februar eine Marschrichtung vorgegeben für seinen Nachfolger. Am kommenden Donnerstag werden der Verwaltungs- und Rundfunkrat des SWR ihn küren.

Unabhängig davon, ob nun Kai Gniffke, erster Chefredakteur bei „ARD-aktuell“ in Hamburg, oder Stefanie Schneider, SWR Landessenderdirektorin in Stuttgart, zum Zuge kommen: Bevor sie als Modernisierer im Sinne Boudgousts agieren, müssen sie sich erst einmal als Friedensdiplomat versuchen – um ein Problem in den Griff zu bekommen, das es in dieser Form in keiner anderen Landesrundfunkanstalt der ARD gibt. Der SWR-Verwaltungsdirektor Jan Büttner, der ursprünglich auch Intendant werden wollte, seine Kandidatur fürs Hochamt aber später zurückzog, schrieb dazu in einem Brief an die Rundfunk- und Verwaltungsräte: Das „Gegeneinander von Direktionen und Standorten“ – also Stuttgart, Mainz, Baden-Baden – habe „in den letzten Jahren stark zugenommen.“ Während etwa der Vier-Länder-Sender NDR mit Hamburg einen eindeutigen Hauptstandort hat, ist die Frage beim Zwei-Länder-Sender SWR mehr als 20 Jahre nach der Fusion zwischen Süddeutschem Rundfunk (SDR) und Südwestfunk (SWF) für viele immer noch nicht geklärt.

Das „Gegeneinander von Standorten“ beziehungsweise die Animositäten zwischen SWR-Führungskräften unterschiedlicher regionaler Lager bekommen manchmal auch freie Filmemacher zu spüren. „Ich habe lieber die Kämpfe im Irak und Syrien miterlebt als die Auseinandersetzungen, in die ich in erster Linie beim SWR Stuttgart hineingeraten bin“, sagt der bis 2016 für den Sender tätige Dokumentarfilmregisseur Ashwin Raman.

Meinungsstärkster Sender der ARD

Trotz solcher strukturellen Defizite hat sich der SWR zu einer herausragenden Adresse für dokumentarisches Fernsehen entwickelt. Die 2018 bei Arte und in der ARD ausgestrahlte internationale Dokuserien-Produktion „Krieg der Träume“, bei der der SWR federführend war, war eines der interessantesten Geschichts-TV-Projekte der jüngeren Vergangenheit. Stephan Lambys mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichneter Dokumentarfilm „Bimbes – Die schwarzen Kassen des Helmut Kohl“ (2017) ist ein enorm wichtiger Beitrag zur jüngeren innenpolitischen Geschichte der Bundesrepublik. Und ein formal außergewöhnlicher Dokumentarfilm wie Regina Schillings „Kulenkampffs Schuhe“, der mehrere Preise bekam, wäre in manch anderem Sender gar nicht möglich gewesen. Autor Lamby lobt die Freiheit, die Dokumentarfilm-Autoren beim SWR genießen: „So wünsche ich mir öffentlich-rechtliches Fernsehen.“

In diesem Bereich findet Boudgousts Nachfolger also keine Baustellen vor. Das dürfte auch für das Kinder- und Jugendfernsehen gelten, in der entsprechenden Kategorie des Grimme-Preises erhielt der Sender in diesem Jahr zwei von drei Auszeichnungen.

Das bundesweite Aushängeschild des SWR-Journalismus ist „Report Mainz“, 2017 und Jahr 2018 bundesweit das erfolgreichste Politikmagazin (2,83 Millionen Zuschauer; Marktanteil: 10,8 Prozent). In diesem Jahr sind die Mainzer mit 2,69 Millionen Zuschauern (Quote: zehn Prozent) ARD-intern leicht zurückgefallen hinter den „Report München“ und „Fakt“ vom MDR. Qualitativ hat die Sendung aber etwas zugelegt, sie fiel in diesem Monat mit starken Recherchen in zumindest teilweise auch eigener Sache auf: Mit Hilfe von Dokumenten, die ein Berliner Historiker aufgetan hatte, wiesen zwei Autoren nach, dass sich der frühere SWF-Chefredakteur (und „Report“-Mitarbeiter) Hans Gresmann in den 1980er Jahren vom Apartheid-Regime in Südafrika hatte instrumentalisieren lassen – wie rund 100 andere deutsche Journalisten und Politiker auch. Die Recherche-Zusammenarbeit von „Report Mainz“ und „Spiegel“ zu den Spendenaffären der AfD sticht ebenfalls heraus – obwohl das Thema zuletzt unverständlicherweise erst im letzten Beitrag der Sendung platziert wurde.

In einer Hinsicht ist der SWR der meinungsstärkste Sender der ARD. In der Rangliste der „Tagesthemen“-Kommentatoren lag er 2018 mit 51 Kommentaren (die sich auf 13 Journalistinnen und Journalisten verteilten) vorn. Trotz dieses quantitativen Erfolgs: An „Tagesthemen“-Kommentatoren mit einem besonderen Profil oder eigenem Tonfall, wie sie der WDR in Georg Restle und Isabel Schayani und der Bayerische Rundfunk in Natalie Amiri haben, fehlt es beim SWR allerdings.

Reform des Dritten

Als Sorgenkind gilt intern das dritte Programm. Die Quote fällt seit 2015. Der bisherige Marktanteil in diesem Jahr (6,2 Prozent im eigenen Sendegebiet) liegt zwar etwas höher als im gesamten vergangenen Jahr – der Sender bleibt aber Vorletzter im Ranking der sieben Dritten, nur der RBB steht noch schlechter da.

Laut einer aktuellen Studie des Medienkritikers Fritz Wolf, entstanden im Auftrag der AG Dokumentarfilm, beträgt der Anteil dokumentarischer Sendungen im SWR Fernsehen zwölf Prozent. Das ist angesichts des Informationsauftrags des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erst einmal löblich. Der WDR, der größte ARD-Sender, kommt demnach nur auf acht Prozent, und in den Hauptprogrammen von ARD und ZDF ist der Anteil minimal (drei bzw. zwei Prozent).

„Dokumentarisch“ ist allerdings ein dehnbarer Begriff. Er umfasst auch Reportagen wie „Tütensuppe und Co – Neues aus der Hexenküche“ und „Deutschland, Deine Döner – Was essen wir da eigentlich?“, die zur besten Sendezeit in der Reihe „Betrifft“ laufen. Ob sich die Öffentlich-Rechtlichen um solche Themen überhaupt kümmern sollten, ist eine andere Frage – die stellt sich anhand ähnlicher Beispiele aber für die gesamte ARD.

Für kleine Reformen im Dritten Programm könnten eine neue Intendantin oder ein neuer Intendant durchaus einen Anstoß geben. Verglichen mit der Herausforderung, die Disharmonie zwischen den Standorten einzudämmen, dürfte das allerdings eine eher leichte Aufgabe sein.

  
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