SWR-Intendant Peter Boudgoust bei der Präsentation einer neuen App Foto: SWR

Gute Krimis, gute Moderatoren, gute Umfragewerte für die Öffentlich-Rechtlichen: der SWR-Intendant Peter Boudgoust schaut wieder zuversichtlicher auf die medienpolitische Debatte. Und fordert prompt, die Höhe des Rundfunkbeitrags neu bestimmen zu lassen.

Stuttgart - Öfter mal Heike Makatsch im „Tatort“, dafür weniger Ärger mit den Zeitungsverlegern über die Online-Auftritte des SWR – der Intendant Peter Boudgoust zeigt sich gerade recht zufrieden mit der Medienwelt. Aber ist sein Haus innovativ genug?

Herr Boudgoust, die letzten zwei ­„Tatort“-Fälle und der letzte „Polizeiruf“, also alle drei Fälle vor der Sommerpause drehten sich um die neue Nazi-Szene. Kam das nicht ein bisschen dicke daher?
Der Tatort beschäftigt sich traditionell mit Problemen in der Gesellschaft. Dazu gehören auch Phänomene wie die sogenannten Reichsbürger. Die Menschen bewegt, politisiert und polarisiert das. Solange es ein gesellschaftlich relevantes Thema ist, finde ich es wichtig, dass wir uns dem auch widmen und es von ­allen Seiten beleuchten – in der Tagesschau, aber eben auch im „Tatort“.
Aber muss man da als Zuschauer nicht glauben, ganz Deutschland wird von Neonazis belagert? Ist das nicht verzerrt?
Wenn der ein oder andere unserer Zuschauer diese thematische Häufung als übertrieben empfindet, kann ich das nachvollziehen. Grundsätzlich ist das aber eine aktuelle Thematik, die sich zu Recht auch in unseren Programmen spiegelt.
Das heißt, auch bei den nächsten SWR-­„Tatorten“ geht es so weiter?
Die Redaktion entscheidet selbst, welche Themen sie in den kommenden Folgen aufgreifen will. Sicher ist aber: Wir wollen immer wieder gesellschaftlich wichtige Themen ansprechen. Wir probieren aber auch künstlerisch etwas aus: Beim SWR-„Sommerfestival“ in Stuttgart haben wir jüngst den neuen Fall der beiden Kommissare Lannert und Bootz gezeigt. Darin wird ein klassischer Kriminalfall aus der Sicht des Täters erzählt, ein innovativer Ansatz, der für den Stuttgart-Tatort typisch ist, wie beispielsweise ja schon in der Folge „Stau“.

Heike Makatsch darf gern noch häufiger ermitteln

Ist Heike Makatsch noch öfter dabei?
Wir sind sehr glücklich mit ihr als „Tatort“-Kommissarin, die erst in Freiburg und im vergangenen Fall in Mainz ermittelt hat. Die Zusammenarbeit mit ihr ist aber ganz bewusst nicht regelmäßig, sondern für besondere Ausgaben geplant. Aus Sicht des SWR kann es gerne noch weitere Folgen mit ihr geben.
Der nächste Schwarzwald-Tatort wird wieder ohne den Darsteller Hans-Jochen Wagner auskommen, der wegen Krankheit ausgefallen ist. Wie geht es denn mit Kommissar Berg weiter?
Bei den nächsten Dreharbeiten ist er wieder dabei – er ist schließlich einer der Hauptdarsteller und zentral für die weitere Geschichte des Schwarzwald-Tatorts.
Beim „Tatort“ ist der SWR inhaltlich und formal sehr experimentierfreudig – und bei den Shows kommen jetzt die uralten „Montagsmaler“ zurück. Ist das innovativ?
Den Beweis, dass wir Innovationen gerne den Platz bereiten, haben wir oft genug geliefert. Bei diesem Thema war es ganz einfach so, dass uns sehr viele Menschen gefragt haben, warum wir dieses wunderbare Format in unseren Archiven verstecken. Das ist kein Zeichen von mangelnder Fantasie. Manche Formate sind einfach so gut, dass sich viele daran liebevoll erinnern.

Guido Cantz führt die Generationen zusammen

Und dass Urgestein Guido Cantz dieses Revival moderieren wird?
Guido Cantz moderiert mit „Verstehen Sie Spaß?“ eine der wenigen Samstagabendshows im deutschen Fernsehen, die Generationen verbinden – und das sehr erfolgreich. Für die „Montagsmaler“ als Unterhaltungsformat ist er schlicht der Beste.
Was macht denn der Moderatoren-Nachwuchs beim SWR?
An vielen Stellen im Fernsehen und im Radio sind die jungen SWR-Kolleginnen und -Kollegen dabei: Ob das sehr erfolgreiche Online-Format „Kurz erklärt“, das auch in den „Tagesthemen“ läuft, oder zahllose Beispiele auf unserer jungen öffentlich-rechtlichen Plattform funk oder im Radio – ich sehe viele Junge vor der Kamera und am Mikrofon. Das gilt für die Sportberichterstattung genauso wie in den Nachrichten oder in der Landesschau. Andererseits gilt aber natürlich auch: Allein das Alter ist kein Qualitätskriterium. Wir fördern junge Talente, aber auch erfahrene Kolleginnen und Kollegen haben ihren Platz im SWR.
Sie bauen Ihre Angebote über Apps und im Internet immer differenzierter aus. Das finden vor allem jüngere Menschen gut. Aber ob diese Jüngeren deshalb auch lieber als bisher ihre 17,50 Euro Rundfunkbeitrag pro Monat zahlen werden?
Wir stellen fest, dass gerade die jungen Menschen mehr und mehr den Wert eines öffentlich-rechtlichen Angebots erkennen. Wir wissen aus Umfragen, dass die Jungen inzwischen sagen: Ja, der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist wichtig, weil nicht alles, was sonst im Internet steht, gut recherchiert und nachgeprüft ist. Das vor knapp zwei Jahren gestartete funk kommt beispielsweise sehr gut an. Wie und wo Menschen unsere Programme nutzen, ist ja völlig egal. Wir wollen es ihnen in Zukunft noch leichter machen, unsere exzellenten Beiträge auch zu finden. Deshalb startet beispielsweise bald unsere verbesserte und erweiterte ARD Mediathek, in der alle Angebote des SWR, der anderen Landesrundfunkanstalten sowie von Das Erste und den anderen Gemeinschaftsprogrammen gebündelt zu finden sind. Audios aus der gesamten ARD gibt es seit vergangenem Herbst in der ARD Audiothek.

Die Volksabstimmung in der Schweiz hat dem Populismus Grenzen gesetzt

Der jüngst politisch neu beschlossene Telemedienauftrag gestattet es dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, seine Filme künftig länger im Netz anzubieten, beim Textangebot bleiben die Sender dagegen eingeschränkt. Wie zufrieden sind Sie damit?
Wir müssen bis Ende des Jahres zu einer Lösung kommen, was der neue Tele­medienauftrag im Konkreten für unsere Arbeit bedeutet. Schon heute unterscheiden sich unsere Angebote im Netz ja von denen der Printkollegen, denn unser Schwerpunkt liegt auf unseren Audios und Videos. Auch von Seiten der Zeitungen und Zeitschriften gibt es ja immer mehr Bewegtbild im Netz – das ist vollkommen in Ordnung, aber kann ja für uns nicht gleichzeitig das Zeichen sein, uns weniger Platz zu lassen. Zufrieden sind wir aber vor allem damit, dass endlich eine Lösung für die jahrelangen Diskussionen gefunden wurde, die es zwischen Verlegern und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk gab.
Die No-Billag-Entscheidung in der Schweiz, bei der sich die große Mehrheit dafür entschieden hat, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu bewahren, wird auch Sie hier in Deutschland erfreut haben. Können Sie nun selbstbewusster gegenüber der Medienpolitik auftreten?
Ich glaube, die Volksabstimmung hat vor allen Dingen eines gezeigt: Die Menschen lassen sich nicht von populistischen Forderungen beeindrucken. Die Schweizer haben mit ihrer eindeutigen Entscheidung gezeigt, wie wichtig es gerade in politisch bewegten Zeiten wie diesen ist, dass es ein System gibt, das allen gehört und nicht wirtschaftlichen Interessen folgt. Ein System, das die Vielfalt der Gesellschaft zeigt. Einen Rundfunk, dem alle Menschen gleich wichtig sind, weil er der Gesellschaft gehört und nicht Profitinteressen hinterherjagt. Wir sind mit mehr Kritik konfrontiert als noch in der Vergangenheit – wir nehmen aber auch durch zahlreiche unabhängige Umfragen und Studien wahr, dass unser Programm sehr geschätzt wird.

Warum sollte es ein Immer-weniger als Prinzip geben?

Da können Sie gleich mal forsch die KEF-Kommission angreifen, die in Deutschland regelmäßig die Geschäftspläne der Sender überprüft, ihre Guthaben kritisiert und der Politik Empfehlungen gibt über die Höhe des Rundfunkbeitrags. Zweifeln Sie die Kompetenz der KEF an?
Ich zweifle nicht die Kompetenz der KEF an. Die Frage ist nur, ob das System reformiert werden kann. Im Moment müssen wir alle zwei Jahre Berichte abgeben. Wir betreiben dafür einen enormen Aufwand – Zahlen präsentieren, Zahlen prüfen. Sinnvoller wären längere Zeiträumen, die uns auch die Chance geben, Reformen umzusetzen. Reformen, die es uns ermöglichen, den Bedürfnissen der Menschen auch in Zukunft gerecht werden zu können. Das ist im jetzigen kurzfristig getakteten System nicht oder nur eingeschränkt möglich. Das Ganze wäre eine Vereinfachung und Flexibilisierung im Interesse aller Beteiligten.
Einige Bundesländer fordern von Ihnen noch stärkere Einsparungen!
Da hinterfrage ich das Ziel. Was würde das bedeuten? Wenn dahinter in Wahrheit die Forderung nach Reformen stehen würde, möchte ich gerne wissen, wo wir Reformen schuldig geblieben sind. Gerade im SWR gab es nach der Fusion von SWF und SDR eine große Zahl an Neuerungen. Umbrüche wie diese dauern und haben unsere Arbeit verändert. Die Idee, es muss prinzipiell immer weniger werden, erscheint mir völlig irrational. Es gab keinerlei Ausgleich in den vergangenen Jahren für gestiegene Preise um uns herum. Das kann so nicht funktionieren. Vor allem aber: All unsere Programme und Angebote sind erfolgreich. Wer hier den Rotstift ansetzt, wird immer jemandem etwas Lieb gewonnenes wegnehmen.

„Wir machen Programm, das die Menschen interessiert“

Und die Idee, den Beitrag je nach Inflationsrate zu erhöhen?
Das scheint mir die rationalere Vorgabe zu sein. Wir würden damit nicht überproportional begünstigt, sondern in die Lage versetzt, langfristiger zu agieren und nicht alle paar Jahren immer wieder vor neue finanzielle Tatsachen gestellt zu werden. Aber noch kennen wir das Modell nicht, das einigen Ländern hier vorschwebt.
Von wem fühlen sie sich bei Ihrer Arbeit gerade am meisten unter Druck gesetzt? Von den Ministerpräsidenten, den Verfassungsrichtern in Karlsruhe, von der KEF oder vom enttäuschten Zuschauer?
Unser Publikum schätzt uns, das wissen wir aus Umfragen. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk, wie er in Deutschland existiert, unverzichtbar ist, bestätigt uns auch die Politik. Aber wir müssen in der Tat heute öfter erklären, warum es uns gibt. Das ist ein Druck, unter dem heute alle Medienhäuser stehen. Aber das verunsichert uns nicht, denn wir haben gute Argumente. Wir stehen im ständigen Dialog mit unseren Nutzerinnen und Nutzern. Wir haben ihre Bedürfnisse im Blick. Und vor allem: Wir machen Programm, das die Menschen interessiert und das sie deshalb nutzen. Mir zeigt das immer wieder, wie wichtig wir für die Gesellschaft sind.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: