Stuttgarts Umgang mit Archäologie Unterschätzte Geschichte

Von Josef Schunder 

Ausgrabungen haben in Bad Cannstatt – wie hier im Bereich Hallschlag – eine lange Tradition. Sie haben schon viele geschichtliche Zeugnisse gebracht. Foto: Annina Baur
Ausgrabungen haben in Bad Cannstatt – wie hier im Bereich Hallschlag – eine lange Tradition. Sie haben schon viele geschichtliche Zeugnisse gebracht. Foto: Annina Baur

Stuttgart sollte sich endlich besser um archäologische Funde kümmern, meint unser Redakteur Josef Schunder im Kommentar.

Stuttgart - Die Sache hat etwas von einem Krimi. Woher stammten die Toten von der Neckarvorstadt? Was hatten die mutmaßlich Reingeschmeckten aus rheinischen Gefilden hier am Neckar zu suchen? Das sind nur zwei von vielen Fragen, die sich aus den neueren Aktivitäten der Archäologen ergeben. Und wie im Krimi oder nach dem Fund des steinzeitlichen Jägers Ötzi in den Alpen soll nun mit wissenschaftlichen Untersuchungen die Herkunft der Toten ermittelt werden.

Schon was bisher bekannt war, würde gut dazu taugen, wie unter einem Brennglas eine beeindruckende Siedlungsgeschichte und wichtige Zeitsprünge zu betrachten, sie mit Fossilien und anderen Schaustücken zu illustrieren: von den Jägern in der Steinzeit über Kelten und Römer, Alamannen und Franken bis zu den württembergischen Herzögen und Königen, mit denen heute üblicherweise die Betrachtungen von Stuttgarts Aufstieg einsetzen. Die jüngsten Funde machen eine Gesamtschau noch lohnender. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass in den nächsten Monaten auch noch die Lücke der Erkenntnisse in Cannstatt zwischen dem siebten und dem zwölften Jahrhundert durch Grabungsfunde geschlossen wird. Dann könnte es geschehen, dass auch das Blutgericht von Cannstatt in neuer Weise belegt werden kann: vermutlich die brutale Ausschaltung der alamannischen Führungsschicht durch den Franken-Potentaten Karlmann.

Stuttgart tut sich schwer mit Denkmalpflege

Doch seien wir ehrlich: Stuttgart vermag aus solchen Erkenntnissen kaum etwas zu machen. Bei vielen scheint die irrige Vorstellung zu bestehen, dass Stuttgarts Geschichte mit der Erfindung des Automobils steht und fällt. Dass es erst funkte, als Bosch die Zündkerze entwickelte. Es wird verdrängt, dass besonders das heutige Cannstatt im Bereich einer Neckarfurt ein Hotspot wechselvoller Ereignisse war. Das mangelnde Interesse der Stuttgarter Stadtoberen seit Kriegsende an der Denkmalpflege ist fast schon sprichwörtlich; symptomatisch, dass man 1970 beim Bau der Schillerplatz-Tiefgarage auf archäologische Grabungen verzichtete, wie das Team des Stadtmuseums heute auf seiner Internetseite beklagt. So blieb an dem Punkt unerforscht, ob Stuttgart wirklich auf ein von Kaisersohn Luitolf gegründetes Gestüt an dieser Stelle zurückgeht. Trotzdem schmückt die Stadt ihr Wappen mit dem Rössle. Immer wiederkehrende Klagen über eine „Geschichtsvergessenheit“ in Stuttgart sind nicht unbegründet. Dass in Cannstatt nun ausgerechnet dort Wohnungen gebaut werden, wo vermutlich die Altenburg stand, ist kaum mehr zu ändern. Möglicherweise wäre es zu verhindern gewesen, wenn die Stadt sich systematisch um das Aufspüren von Bodendenkmalen kümmern würde. Ein eigener Archäologe könnte da etwas bewirken.

Das ganze Themenfeld könnte auch längst ein kleines archäologisches Museum der Stadt rechtfertigen. Gern auch in Cannstatt. Das dortige, aus privater Initiative entstandene Stadtmuseum Bad Cannstatt ist wichtig, aber den archäologischen Befunden und Funden nicht angemessen. Die minimalen Öffnungszeiten – elf Stunden pro Woche – unterstreichen das. Höchste Zeit jedenfalls, dass Stuttgarts Kulturpolitik die archäologischen Interessen endlich einbezieht.

josef.schunder@stzn.de

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