Steht die Menschheit an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter? Ein Zeitalter, in dem Autos autonom fahren, die Medizin alte Geißeln besiegt und Maschinen Bewusstsein entwickeln? Foto: dpa (Carsten Koall)/Imago (Christian Ohde, Knut Niehus, Mario Aurich, imagebroker)

Klimawandel, Krieg, Krankheiten – der Mensch neigt dazu, das Schlechte zu betonen. Der Stuttgarter Zukunftsforscher Lukas Bessis sagt, dass die Menschheit sich auf die Zukunft freuen kann. Und dass die Region Stuttgart gut vorbereitet ist für das neue Zeitalter.

Kein Stau mehr, Fleisch wird gezüchtet, die Medizin besiegt Krebs und Menschen können hunderte Jahre alt werden – der Stuttgarter Zukunftsforscher Lukas Bessis ist überzeugt, dass die Menschheit an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter steht. Ein Zeitalter, in der dank Technologie und vor allem künstlicher Intelligenz bald Durchbrüche möglich werden, die heute nach Science Fiction klingen. Bessis hat für seine Forschungen Dutzende Wissenschaftler, Mediziner und Experten von Technologiekonzernen wie Apple und Google interviewt.

 

Herr Bessis, keine ganz einfache Frage für den Anfang, aber sie muss sein: Ist der Mensch gut oder böse?

Der Mensch ist gut und kann böse sein. Wenn er seine Familie oder sein soziales Umfeld verteidigt, wenn er um Ressourcen oder Territorien kämpft, kann er schreckliche Dinge tun. Aber prinzipiell sind Menschen soziale Wesen, die sich umeinander kümmern.

Lukas Bessis Foto: privat

Die Frage musste am Anfang stehen, weil Sie eine ungewöhnlich positive Sicht auf die Entwicklung der Menschheit haben – das merkt man schnell, wenn man Ihre Vorträge verfolgt oder Ihren Podcast anhört. Woher kommt diese Überzeugung?

Der Glaube, dass der Mensch böse sei, ist sehr alt. In der Bibel oder im Koran geht es immer auch um das Prinzip: Wir gegen die. Darum, die eigenen Reihen gegen einen Feind zu schließen. Auch im Mittelalter war das so, wenn die christlichen Könige in Europa, obwohl sie sich untereinander oft spinnefeind waren, zusammen gegen einen noch größeren Feind, die Muslime, gekämpft haben. Vordergründig ging es in diesen Kriegen um Religion, tatsächlich aber darum, sich selbst und der eigenen Gruppe Vorteile zu verschaffen.

Das hat sich bis heute nicht geändert.

Doch, weil wir immer unabhängiger von Ressourcen werden. Unsere Abhängigkeit von Gas und Öl nimmt ab, dank der Erneuerbaren Energien und des technischen Fortschritts, der zunehmenden Effizienz. Wir müssen heute nicht mehr unsere Nachbarn überfallen, weil die mehr Vieh auf der Weide haben, wir müssen Ressourcen nicht mehr gewaltsam erobern. Wir haben gelernt, dass es uns mehr bringt, wenn wir zusammenarbeiten.

Das ist schwer zu glauben angesichts der Krisen auf der Welt.

Statistisch nimmt die Zahl der kriegerischen Konflikte ab. Wir leben in den friedlichsten Zeiten, die es je gab. In der Zeit des höchsten Wohlstands, wir sind so gesund wie nie, werden so alt wie nie, hatten nie weniger Hunger auf der Welt. Millionen Chinesen sind in den vergangenen Jahren aus bitterster Armut herausgewachsen, das Gleiche passiert gerade in Indien.

Und trotzdem hat Russland die Ukraine überfallen. Was soll da besser geworden sein?

Putin kommt aus dieser alten territorialen Denke. Russland hat Gas – und ansonsten Probleme ohne Ende. Davon versucht Putin abzulenken und er hat deshalb einen klassischen Territorialkrieg begonnen. Aber diese Kriege werden seltener, weil es dabei nichts mehr zu gewinnen gibt.

Wenn die Menschheit unabhängiger von Ressourcen wird: Warum vernichtet sie weiterhin ihre eigene Lebensgrundlage? Der Klimawandel ist real.

Das stimmt. Aber die Menschheit hat es immer geschafft, für Probleme Lösungen zu finden, das ist unsere Stärke. Anfang des 20. Jahrhundert waren Pferdeäpfel ein großes Umweltproblem in Städten. Die Verschmutzung war so schlimm, dass sich Krankheiten ausbreiteten, Menschen starben. Dann kamen Autos, die Pferde und die Pferdeäpfel verschwanden.

Und es kamen neue Probleme.

Wir sind dabei, sie zu lösen. Ich war als Kind mit meinen Eltern in Athen, da haben meine Augen getränt, so schlimm war der Smog. Auch an manchen Straßen in Stuttgart hat man damals kaum Luft bekommen. Wir haben mit Technik, etwa mit Katalysatoren, darauf reagiert, und bald werden wir Autos fahren, die nahezu klimaneutral sind.

Ist der Glaube, dass Fortschritt alle Probleme löst, nicht naiv?

Das ist kein Glaube, das basiert auf Wissenschaft. Veränderung macht Menschen Angst, was verständlich ist. Aber wir haben in der Vergangenheit von technischem Fortschritt profitiert und werden das auch in Zukunft tun. Unser aller Leben wird sich bald ändern – und ich bin überzeugt, dass es viel besser wird.

Wie konkret?

Wir stehen am Beginn einer neuen Ära. Künstliche Intelligenz wird den Fortschritt auf ein neues Level heben. Wir werden beispielsweise schon bald neue Möglichkeiten in der Medizin bekommen, von denen wir früher nur träumen konnten.

Sie sagen in Ihrem Podcast, dass Krebs besiegt werden könne. Auch das klingt zu schön um wahr zu sein.

Die Medikamente werden kommen, nach und nach. Was bereits möglich ist, hat die Coronapandemie gezeigt. Biontech hatte zuvor schon viele Jahren an der mRNA-Technik gearbeitet. Ein Unternehmen mitten in Deutschland, und kaum jemand außerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft kannte es. Dann kam die Pandemie, und innerhalb von wenigen Monaten bekamen wir, auch dank Biontech und der mRNA-Technologie, einen Impfstoff. Diese Geschwindigkeit wäre früher undenkbar gewesen. Die Wissenschaftscommunity ist inzwischen global vernetzt, auf der ganzen Welt haben Forscher kooperiert, um das Virus zu besiegen.

Was kann KI in der Medizin bewirken?

KI ist ein Quantensprung und ermöglicht völlig neuartige pharmakologische Entwicklungen. Forscher in den USA haben kürzlich einer blinden Patientin ein mithilfe von KI entwickeltes Protein ins Auge injiziert – die Frau kann jetzt nach 60 Jahren wieder sehen. KI macht es möglich, Proteine zu designen, die eine ganz bestimmte Funktion im Körper erfüllen, etwa defekte Teile eines DNA-Strangs reparieren. Diese Proteine bestehen aus Aminosäuren, sie können bis zu 200 Millionen verschiedene Formen annehmen. Auf klassischem Weg ist es sehr schwierig, Vorhersagen über ihre Funktionsweise zu treffen: man muss ausprobieren, umbauen, neu probieren – sehr langwierig. Mit KI ist es möglich, das Verhalten von Proteinen gezielt zu verändern.

Weltweit fließen Milliarden in die Langlebigkeitsforschung – wie weit ist man auf diesem Feld?

Es ist Forschern bereits gelungen, Mäuse zu verjüngen. Experten gehen davon aus, dass wir schon bald in der Lage sein werden, Frischzellenkuren für Menschen zu entwickeln. Man geht in eine Klinik, bekommt eine Spritze, und kommt zwei Jahre jünger wieder raus. Ray Kurzweil, der Leiter der technischen Entwicklung bei Google und Vordenker auf diesem Gebiet, rechnet damit, dass es schon 2030 so weit ist. Andere sind zurückhaltender und gehen davon aus, dass es noch einige Jahre länger dauert. Aber viele sind sich darin einig, dass wir irgendwann eine sogenannte Singularität erreichen, eine Langlebigkeitsfluchtgeschwindigkeit, de facto: unsterblich werden.

Klingt nach schöner neuer Welt – und damit weniger nach Utopie als nach Dystopie. Wie soll die Menschheit alle ihre unsterblichen Menschen ernähren?

Wir haben noch viel Platz. Als wir Kinder waren, lebten vier Milliarden Menschen auf der Erde, jetzt sind es mehr als acht – und der Hunger geht trotzdem zurück. Außerdem sinkt mit steigendem Bildungsniveau die Fortpflanzungsrate, die Gesellschaften in Europa schrumpfen schon lange, und dieser Trend wird sich global fortsetzen. Am wichtigsten aber ist, dass wir auch in der Landwirtschaft vor gewaltigen Umwälzungen stehen.

Inwiefern?

Große Flächen unseres Planeten werden heute für die Viehwirtschaft genutzt, was schlecht für die Umwelt und ineffizient ist.

Also kommt in Zukunft kein Fleisch mehr auf den Teller?

Doch, aber das Fleisch kommt nicht mehr aus der Natur, sondern wird künstlich hergestellt, auf Basis von Proteinen.

Das werden überzeugte Fleischesser nicht gerne hören.

Warum nicht? Wenn es gut schmeckt, gesund ist und günstig, wird es sich durchsetzen.

Dann gehen wir in Zukunft also nicht mehr ins Restaurant und genießen handgemachtes Essen?

Es gibt auch heute keinen vernünftigen Grund, ins Restaurant zu gehen. Oder ins Kino. Das ist teuer, und zu Hause kann ich die gleichen Filme schauen, in allerbester Qualität. Wir machen es trotzdem, weil wir soziale Wesen sind, und das wird sich nicht ändern.

Wird über die Zukunft spekuliert, dann, zumal in Deutschland, oft über die Zukunft der Mobilität. Wie also werden wir uns in 20 Jahren fortbewegen? Wie wird eine Stadt wie Stuttgart, stark geprägt von Autoverkehr, dann aussehen?

Nicht dramatisch anders als heute, weil Veränderungen der Infrastruktur sehr lange brauchen. Es wird immer noch viele Straßen geben, nur werden dort autonom fahrende elektrische Autos unterwegs sein. Wir brauchen keine Ampeln mehr, weil alle Fahrzeuge miteinander kommunizieren. Auch keine Zebrastreifen, weil die Autos den Fußgängern automatisch ausweichen. Und wir benötigen viel weniger Parkplätze.

Warum?

Autos stehen die meiste Zeit nur rum, werden nicht genutzt, und dafür benötigen wir viele Parkplätze. Ein autonom fahrendes Auto kann mich in der Stuttgarter Innenstadt absetzen und sich dann selbst einen Parkplatz suchen, irgendwo im Parkhaus oder auch auf den Fildern, ganz egal, es fährt ja klimaneutral. Und wenn ich es wieder brauche, holt es mich ab. Die ewig langen Parkplatzreihen entlang der Straßen brauchen wir nicht mehr. Den Platz können wir den Menschen zurückgeben.

Gegen autonomes Fahren gibt es viele Vorbehalte. Grundlegende rechtliche Fragen sind ungeklärt. Und viele fahren auch einfach gerne selbst.

Ich bin auch schon im Sportwagen über die Autobahn gebrettert, und ja – hat Spaß gemacht. Aber jeder weiß: so sind die allerwenigsten Fahrten. 80 Prozent sind Pendlerfahrten, 15 Prozent sind Besorgungsfahrten, also etwa zum Supermarkt, oft im Stau – und die macht niemand gerne. Deswegen wird sich autonomes Fahren durchsetzen. Wir können die Zeit im Auto viel sinnvoller nutzen, Zeitung lesen beispielsweise.

Wenn der eigene Fahrspaß keine Rolle mehr spielt: Was bedeutet das für ein Land wie Baden-Württemberg, dessen Wohlstand stark auf dem Verbrenner und eher hochpreisigen Automarken fußt? Braucht dann ja keiner mehr?

Baden-Württemberg ist nicht bekannt für Verbrenner. Mercedes und Porsche sind bekannt für tolles Design, perfekte Verarbeitung, hervorragende Fahrwerke. Wenn ich die Wahl habe, mit einem autonom fahrenden Mercedes wie auf Wolken zum Ziel zu kommen oder in einem klapprigen Fiat, nehme ich lieber den Mercedes. Der Komfort wird wichtiger, der Motor nicht. Und beim Komfort sind die deutschen Marken meilenweit voraus. Da kann Tesla nicht mithalten.

Wenn Sie Tesla erwähnen: Tesla-Chef Elon Musk hat unlängst mit anderen Experten aus der KI-Branche eine Pause bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz gefordert. Dahinter steht die Furcht, dass diese außer Kontrolle geraten könnte. Selbst lernende künstliche Intelligenz sei inzwischen so weit fortgeschritten, dass selbst die Entwickler ihre Programme nicht mehr verstehen. Das klingt nicht gerade beruhigend.

Natürlich ist eine neue Technologie mit Gefahren verbunden. Ich sehe diese eher im Bereich der Spionage und im Datenmissbrauch. KI kann dafür genutzt werden, Computersysteme zu hacken oder Desinformation zu verbreiten. Darauf müssen wir Antworten finden. So wie wir immer Antworten finden mussten auf grundlegende Neuerungen. Aber die Sorge, dass wir die Kontrolle über die KI verlieren und diese die Macht über die Menschheit übernimmt, teile ich nicht. Auch KI wird von Menschen gemacht, von Menschen trainiert. Sie wird kreiert, um uns zu beraten und uns zu helfen, die richtigen Lösungen für Probleme zu finden. Eine künstliche Intelligenz hätte Putin sicher nicht zum Angriff auf die Ukraine geraten. Sie hätte gewusst, dass es nichts bringt. Sie weiß, dass es für alle besser ist, wenn wir zusammenarbeiten.

Sie sind Zukunftsforscher, aber der Blick in die Zukunft bringt ein Problem mit sich: Wir kennen sie nicht. Es kann auch alles anders kommen.

Ja und nein. Es gibt nicht die eine Zukunft, es gibt Möglichkeiten. Wir sind nicht gezwungen, mit KI zu arbeiten, wir können uns auch anders entscheiden. Die Vergangenheit zeigt allerdings, dass sich das, was für unser Leben einen echten Mehrwert hat, auch durchsetzt.

Der Zukunftsjäger

Autor und Redner
– Lukas Pierre Bessis, geboren 1977, arbeitet als Autor, Moderator und Redner. Bekannt wurde er mit seiner Vortragsreihe „Leben 2025“ und mit seinem Podcast „Der Zukunftsjäger“, in dem Bessis sich mit dem technologischen Fortschritt und seinen Folgen auseinandersetzt. Der Podcast wurde unlängst für den Deutschen Podcast Preis 2023 nominiert.

Zwischen Stuttgart und Berlin
– Bessis ist in Stuttgart aufgewachsen und hat dort Kommunikationspädagogik studiert. Seit einigen Monaten lebt er in Berlin. Bessis ist Vater von zwei Kindern.