Was nach einem Fest von Winzern klingt, war schon immer vor allem von Gastronomen geprägt: Aber beim Stuttgarter Weindorf betreiben diesen Sommer mehr als ein halbes Dutzend Weingüter eigene Lauben.
Als Timo Saier im August 2016 nach Stuttgart kam, konnte er es nicht fassen: „Ein Weindorf in der Stadt, und das städtische Weingut ist nicht dabei?“, wunderte er sich. „Ganz verzweifelt“ hatte er dort nach der Laube seines künftigen Arbeitgebers gesucht – ohne Erfolg. Was nach einem Fest der Winzer klingt, wurde von Anfang an vor allem von Gastronomen bespielt. Die Wilhelmers sind mit ihrem Stuttgarter Stäffele zum Beispiel von Anfang an dabei oder Helli Schmieg, die früher die Vereinsgaststätte vom VfB betrieb und erst später zu ihrer Besenwirtschaft kam. Doch mittlerweile steigt die Zahl der Produzenten mit jeder Ausgabe des Weindorfs. Diesmal sind wieder zwei neue dabei. „Ein Weingut lebt von Veranstaltungen“, sagt Timo Saier. Seit er die Leitung übernommen hat, ist der Betrieb der Stadt Stuttgart leicht auf dem Weindorf zu finden.
Zwei Voraussetzungen für die Teilnahme
Für die Teilnahme erfüllen die meisten Weingüter allerdings nicht die Voraussetzung. „Man braucht die Ausstattung und das Personal“, erklärt Andreas Zaiß, dessen Familie seit der ersten Ausgabe dabei ist. Und das liegt vor allem an ihrer Weinstube, die sie jahrzehntelang in Bad Cannstatt führten. Maultaschen und andere schwäbische Spezialitäten aufzutischen, ist für Andreas Zaiß Routine. Das Gleiche gilt für die Currles vom Dreimädelhaus, die ihre Laube bald zum 50. Mal aufbauen. Andere Besenwirte wie Tilman Ruoff oder die Rienths waren viele Jahre mit von der Partie ebenso wie Peter Mayer vom Jägerhof und Wilhelm Bauer vom Weingut Bauer Boskoop. „Der Wein steht absolut im Mittelpunkt“, sagt Andreas Zaiß, „aber es ist Pflicht, dazu Essen anzubieten.“
Timo Saier dachte, er hält den Aufwand in Grenzen, wenn das städtische Weingut nur eine Laube bespielt. Trotzdem musste er alles, zum Beispiel Kühlschränke, neu anschaffen. Die Speisen bereiteten erst die eigenen Mitarbeiter zu, dann sprang die Rathauskantine ein und schließlich wurden die Aufgabe an einen Caterer ausgelagert. „Das ist nicht unsere Kernkompetenz“, sagt der Betriebsleiter. Er will sich nämlich auf eine Sache konzentrieren: den Ruf des Stuttgarter Weins. Vom städtischen Weingut schenkten die Gastronomen auf dem Weindorf früher nur Trollinger halbtrocken aus, erklärt er und verzieht das Gesicht. Jetzt steht auf der Karte, was er aussucht. Und damit konnte Timo Saier auf dem Fest neue Kundschaft gewinnen: „Viele wussten weder, dass es uns gibt, noch kannten sie unseren Weinstil.“
Gute Gelegenheit, um sich in der Stadt zu präsentieren
Die Gelegenheit ist einfach zu gut, um sich nicht zu nutzen, befanden auch die Genossen vom Weinfactum Bad Cannstatt. Im vergangenen Sommer sind sie beim Weindorf eingestiegen – wie der Untertürkheimer Wengerter Thomas Diehl, der mit dem Cateringunternehmen Weller und Birgit Grupp vom Wirtshaus Paulaner die Stadtlaube betreibt. „Wir fanden es schade, dass dort überwiegend Gastronomen und weniger Weingüter und keine Genossenschaften vertreten sind“, sagt Weinfactum-Geschäftsführer Joachim Kölz. Die Genossenschaft möchte außerdem stärker in der Stadt gesehen werden. Das Personalproblem beim Weindorf lösen die Mitglieder. Das Essen wird von einem Partner geliefert. „Wir wollen zeigen, was wir beim Wein alles können“, sagt er. Für Joachim Kölz lohnt sich das Engagement, denn die Absatzzahlen beim Weinfactum legen zu. Abgesehen davon mache es allen Beteiligten Spaß.
Adrian Beurer und Johannes Bauerle haben sich vermutlich am meisten vorgenommen. „Wir wollen den Weinberg nach Stuttgart bringen“, sagt der Sohn des Remtäler Biowinzers Jochen Beurer. Die Premiere ihrer Winzerlaube am Weinbrunnen fällt jedoch kleiner aus als geplant, weil sie noch von der Baustelle für das Haus des Tourismus beschränkt wird. Ihre Präsenz werden sie künftig auf vier bis sechs Lauben ausbauen. Auf dem Weindorf solle es zuallererst um Wein aus der Region gehen, finden sie, das Kochen überlassen sie ebenfalls Profis wie Ben Benasr vom Ritzi oder dem Lib-Room. Und die Weinauswahl könnte ihrer Meinung nach durchaus etwas großstädtischer sein. „Unser Wein wird auf allen Kontinenten der Welt verkauft“, sagt Adrian Beurer, in Stuttgart will er ihn jetzt den Stuttgartern noch näherbringen. Für ihn befindet sich die Karo-Tischdecke sowieso auf dem Rückzug mit Wirten wie das Gasthaus Bären und Schillers Mitte. „Die Leute haben Lust darauf“, sagt er über „die jungen Konzepte“.
Der Veranstalter wünscht sich mehr Wengerter
Für Bärbel Mohrmann geht mit der Entwicklung eigentlich ein Wunsch in Erfüllung. „Mehr Wengerter dabei zu haben, finden wir wichtig“, sagt die Geschäftsführerin vom Verkehrsverein Pro Stuttgart. Wein sei schließlich Kultur in Stuttgart, die besser präsentiert und vermarktet gehört. Aber sie weiß auch, dass der große Aufwand viele Weingüter abschreckt. Manche seien schon mit der Weinlese beschäftigt, die wegen des Klimawandels früher stattfinde. Die Spitzenweingüter könnten sich den Weindorfstress ersparen, weil sie sowieso von den Gastronomen ausgeschenkt werden. Um das Weinsortiment breiter aufzustellen, ist deshalb der Verkehrsverein erstmals in die Wirtrolle geschlüpft: In der Kulturlaube am Eingang des Weindorfs schenkt Bärbel Mohrmann die Tropfen von 16 verschiedenen eher kleineren als größeren Weingütern aus.