Speisemeisterei, Dry Gin & Beef Club in Berlin, Catering in den VfB-Logen – mit diesen drei neuen Projekten dreht Wasenwirt Michael Wilhelmer 2024 noch weiter auf: Was treibt ihn an? Wie erklärt er seinen Erfolg? Welche Rolle spielen seine Frau und seine Söhne?
Als Michael Wilhelmer im Jahr 2019 monatelang krankheitsbedingt ausfiel, war mitunter zu hören, dies sei die Folge von zu viel Stress. Heute ist der 1970 geborene Multi-Gastronom sehr froh, dass ihn damals seine Frau Daniela Wilhelmer und sein ältester Sohn Marc-Julian mit so viel Power vertreten haben. Und heute ist er auch bereit, offen über seine Erkrankung zu reden, was er bisher nicht wollte.
„Es war eine Gefäßentzündung“, sagt der Vater von vier Söhnen, „dies hatte also nichts mit Überarbeitung zu tun.“ Seine Frau habe mit den Ärzten „beharrlich um ihn gekämpft“, worüber er ihr heute noch sehr dankbar ist.
Mit viel Sport hält sich Wilhelmer nun fit, Medikamente sorgen dafür, dass die Krankheit nicht zurückkommt, sagt er. Die Auszeit damals nutzte der Chef von 260 fest angestellten und 400 freien Mitarbeitern dazu, innezuhalten und über vieles nachzudenken. Die Familie, sagt er heute, steht für ihn an erster Stelle. Umso mehr freut ihn, dass die Familie voll mitmacht bei seiner Arbeit, seinem zweiten Lebenselixier.
Seinen vier Söhnen (Marc-Julian und Joshua arbeiten bereits bei ihm mit) will der 53-Jährige irgendwann ein Unternehmen übergeben, das fair mit dem Personal („Das ist unser Kapital“) umgeht. Eine brummende Firma, die er selbst von seiner 2022 verstorbenen Mutter Erika Wilhelmer übernommen und immer weiter ausgebaut hat. Eine Firma, die so gut aufgestellt ist, dass man Dauerkrisen meistern kann.
Michael Wilhelmer ist ein offener Typ, der viel lächelt und mit allen rasch ins Gespräch kommt, er strahlt positive Energie aus, man spürt bei ihm auch ohne Worte: Das Leben ist schön, und wenn’s mal dicke kommt, werden wir das schon meistern. Wir müssen das Leben genießen, lautet seine Botschaft.
Bald startet er als Caterer der VfB-Logen
Alles spricht dafür: 2024 wird sein Jahr. Anfang Februar hat er das Zwei-Sterne-Restaurant Speisemeisterei mit Stefan Gschwendtner, dem besten Koch von Stuttgart, vom vormaligen Besitzer Harald Panzer übernommen. Wenig später eröffnete er in der Hauptstadt den Dry Gin & Beef Club im neuen Stadtquartier Am Tacheles, einem neuen Kultur-Hotspot von Berlin. Und bald startet er als Caterer in den VIP-Logen des VfB in der MHP-Arena.
Dazu führt Wilhelmer sechs Lokale in Stuttgart (vom Amici bis zur Ampulle), das Schweinemuseum im Osten, ist als Caterer gefragt (unter anderem bei den Jazz Open und beim SWR-Sommerfestival), macht beim Weindorf und Weihnachtsmarkt mit und will im Herbst als Wasenwirt in der Schwabenwelt, im größten Zelt des Cannstatter Volksfestes, das er seit 2009 führt, erneut punkten.
Wie schafft er das alles? Hat bei ihm ein Tag mehr als 24 Stunden? Michael Wilhelmer ist ein Typ, der selbst in der größten Hektik ruhig bleibt. „16 bis 18 Stunden am Tag arbeite ich schon“, sagt er, als sei dies nichts Besonderes. Es mache ihm halt Spaß. Der gebürtige Stuttgarter ist ein Gastronom, der unternehmerisch denkt, der viele Bereiche und viele Zielgruppen abdeckt und Synergieeffekte nutzt. Wer viel macht, hat immer etwas, was gut läuft – und sollte mal etwas nicht laufen wie gedacht, kann man sich davon trennen.
Wilhelmer, den der „Schlemmeratlas“ 2022 zum „Gastronomen des Jahres“ gekürt hat, zum besten Wirt von Deutschland, hat ein Gespür für Trends und weiß, wie wichtig das Personal dafür ist. Seine Mitarbeiter will er nicht nur ordentlich bezahlen, sondern ihnen auch persönlich beiseitestehen, wenn sie private Probleme haben. Wenn seine Gastro-Kollegen darüber klagen, dass die Bundesregierung die Steuer-Reduzierung der Corona-Zeit beendet, nimmt er dies als „Challenge“, will neue Attraktionen schaffen, damit die Leute weiterhin kommen. Dann sei es auch egal, „wenn sie eine Flasche Wein weniger bestellen“.
„Ich bin Unternehmer, kein Unterlasser“
Ist nach seinen drei neuen Großprojekten für 2024 irgendwann das Ende der Fahnenstange erreicht? „Ich bin Unternehmer, kein Unterlasser“, lautet Wilhelmers Antwort. Ein Kollege sagt über ihn, er hätte „wahnsinnig Respekt“ vor seinem Können, viele Dinge nebenher koordinieren zu können und dabei stets aufs Neue kreativ zu sein.
Seine Mutter Erika Wilhelmer, die ihn alleine groß gezogen und das Unternehmen vor 50 Jahren gegründet hat, dürfte stolz von oben herunterschauen. Die Vorstellung gefällt ihm. Seine Eltern hatten sich früh getrennt. Sein Vater, der nichts mit Gastronomie zu tun hat, lebt in Berlin. Ihn trifft er nun wieder öfter, weil der 53-Jährige einmal die Woche bei seinem Dry Gin & Beef-Restaurant an der Spree weilt.
In seinem Genussclub hat er über 600 Gin-Sorten vorrätig. „Vor allem Frauen trinken Gin als Mixcocktails sehr gern“, sagt Wilhelmer. Nach der Eröffnung mit Promis wie Andrea Berg, Natalie Wörner und Hardy Krüger jr., schrieb die „BZ“, wer sich im neuen Berliner Reich des Stuttgarters umschaue, komme zu dem Schluss, dass von Krise in der Gastronomie keine Rede sein könne.
Michael Wilhelmer will mit seiner Frau und seinen älteren Söhnen alles dafür tun, dass die Krise fern und der Genuss erhalten bleibt. Der jüngste Sohn besucht gerade eine Gastronomie-Fachschule in der Schweiz und wird in Kürze in das Familienunternehmen dazu stoßen.
Die Wilhelmers haben Spaß daran, manchmal die Bayern zu überraschen. Als sie im vergangenen Herbst Münchner Promis zum „Südgipfel“ in die Schwabenwelt auf dem Cannstatter Wasen einluden, staunten die Wiesn-Stammgäste nicht schlecht: Stuttgart könne ja wirklich top feiern! Michael Wilhelmer lebt es vor: In Stuttgart ist genug Ehrgeiz, aber auch Leichtigkeit vorhanden, damit dies so bleibt.