Spielplan unter Finanzdruck: Das Stuttgarter Staatstheater steht vor einer großen Herausforderung, die am Montag auch den Verwaltungsrat des Hauses beschäftigen wird.
Stuttgart - Das hat es noch nie gegeben: Kurzarbeit am Stuttgarter Staatstheater! Verantwortlich dafür ist Corona – und Corona diktiert auch die Bedingungen, unter denen der sechzehnköpfige Verwaltungsrat des Hauses am Montag tagen und ausnahmsweise nur am Rande über die Opernsanierung reden wird. Um Abstand zu halten, trifft sich das paritätisch von Stadt und Land besetzte Aufsichtsgremium im großen Sitzungssaal des Rathauses, wo es sich, erraten, mit der Kurzarbeit am Theater beschäftigt: Kurzarbeit als Folge erheblicher, durch Corona bedingter Mindereinnahmen, was auch Auswirkungen auf den Spiel- und Wirtschaftsplan des größten Dreispartenhauses Europas hat. Was am Montag herauskommen und zwei Tage später, am Mittwoch, bei der offiziellen Spielplanvorstellung dem Publikum präsentiert werden könnte, lässt sich schon jetzt ahnen: Die nächste Saison wird merklich schlanker als ursprünglich geplant ausfallen, unabhängig von allen Unwägbarkeiten der Pandemie.
Kosminski prescht vor
Wie zu hören ist, hat der am 13. März verordnete Lockdown in der laufenden Spielzeit 19/20 ein einstelliges Millionendefizit verursacht. In der kommenden Spielzeit 20/21 rechnet das Haus aufgrund des vermutlich weiterhin reduzierten Vorstellungsbetriebs gar mit einem Defizit in zweistelliger Millionenhöhe, was selbst bei einem stolzen Jahresetat von 110 Millionen Euro – 95 Millionen kommen als Zuschuss von Stadt und Land, die restlichen 15 Millionen werden an der Kasse erwirtschaftet – ein Loch in den Haushalt reißt, das gestopft werden muss. Deshalb also rückwirkend seit Monatsbeginn die Kurzarbeit, die das Staatstheater zur notwendig gewordenen Kostenersparnis gerne schon früher angeordnet hätte, aber im Gegensatz zu anderen Theatern mit anderen Trägern nicht anordnen konnte. Erst als die Tarifgemeinschaft deutscher Länder den Weg dafür ebnete, konnte auch der Geschäftsführende Intendant Marc-Oliver Hendriks zu diesem Instrument greifen: eine unverschuldete Verspätung, die das Defizit im Theaterhaushalt zu allem Übel weiter erhöhen wird.
Wenn jetzt zahlreiche Mitarbeiter nach Hause geschickt werden, hat das Folgen für die Angebote des Theaters. Welche genau, wollte auch das Land als Träger dieses „kulturellen Leuchtturms“ wissen. „Wir haben die Staatstheater gebeten, rasch zu prüfen, ob Kurzarbeit eingeführt werden kann“, sagt Petra Olschowski, Staatssekretärin für Kunst im Wissenschaftsministerium, im Gespräch mit dieser Zeitung. Tatsächlich ist ihr Prüfauftrag auch rasch erhört worden, was Ende vergangener Woche dann aber doch zu heftigen Irritationen bei der Politik, beim Publikum und wohl auch im Theater selbst führte. Mit Hinweis auf die Kurzarbeit verkündete der zuletzt weltweit gefeierte Intendant der Schauspielsparte, Burkhard Kosminski, dass er einen Großteil seines bis zu Saisonende geplanten Restprogramms streichen müsse.
Erst Vollgas, dann Vollbremsung – und das Haus schlingert
Wie bitte? Eine Vollbremsung wenige Tage nach dem Versprechen, die Saison mit voller Kraft, soweit es Corona erlaubt, zu Ende zu bringen? Das war schon verstörend, um so mehr, als es sich bei Kosminiskis überraschendem Vorpreschen, mit dem die Einführung der Kurzarbeit überhaupt erst publik wurde, um einen Alleingang gehandelt haben dürfte. Das Haus, sonst nach außen so geschlossen auftretend wie ein Ozeandampfer, der von einem Kapitän souverän über die Weltmeere gesteuert wird, kam da kurzzeitig von seinem Kurs ab und geriet ins Schlingern. Ob Absagen auch aus der Oper von Viktor Schoner folgen würden, war mehrere Tage lang unklar. Hinter den Kulissen wurde aber offensichtlich darüber nachgedacht, drei Konzertabende aus dem Beethoven-Zyklus von Cornelius Meister zu streichen. Dazu ist es nicht gekommen. Im Gegenteil: die Oper sagt nichts ab und erhöht sogar die Platzkapazität im Beethovensaal. Es gibt wieder Karten!
Dass das Staatstheater am Ende dieser Woche wieder erfreuliche Nachrichten verkündet hat, darf generell als gutes Zeichen gewertet werden. Die von der Kurzarbeit erhitzten Köpfe: abgekühlt. Und das Krisenmanagement: nach einem kurzen Aussetzer wieder intakt.
Doch ganz beruhigt ist das Intendantenquartett – Hendriks, Kosminski, Schoner und last, not least, Tamas Detrich vom Ballett – wohl noch nicht. Wie zu hören ist, befürchten sie, dass die Defizite durch Kurzarbeit allein nicht aufzufangen sind, es sei denn um den Preis eines mehr als schlanken Angebots, von dem sie glauben, dass es dem Publikum nicht zumutbar sei und ihnen als Kunstproduzenten auch nicht. Sie haben schließlich Ambitionen und hoffen auf einen Sonderzuschuss der Theaterträger.
Kommt die Corona-Nothilfe?
Ob das Dreispartenhaus die gewünschte Corona-Nothilfe bekommt, ist freilich alles andere als ausgemacht. „Wir stehen hinter dem Staatstheater und seinem hervorragenden künstlerischen Programm“, sagt die Kunststaatssekretärin Petra Olschowski, „dennoch planen wir derzeit nicht, den Zuschuss zu erhöhen.“ Stattdessen verweist sie auf den im Theater vorhandenen Bilanzgewinn in Höhe von 10 Millionen Euro, der zunächst für die Deckung des Defizits in dieser Spielzeit eingesetzt werden sollte. Und sie fügt hinzu: „Das Staatstheater ist ein von Stadt und Land hochsubventioniertes Haus. Es müssten auch Spielräume vorhanden sein, um erste Folgen der Krise aufzufangen. Wir stehen zur verlässlichen Finanzierung des Staatstheaters.“
Noch ist das letzte Wort also nicht gesprochen. Noch wird hinter den Kulissen verhandelt, in „konstruktiver Atmosphäre“, wie es auf beiden Seiten heißt. Ob und wie Kurzarbeit die Kunst am Staatstheater beschädigen wird, muss sich weisen: erst im Verwaltungsrat am Montag, dann bei der Spielplankonferenz am Mittwoch.