Hohe Kosten, kaum Einnahmen – Kurzarbeit allein hilft dem Staatstheater Stuttgart nicht durch der Corona-Krise, findet „Stuttgarter Nachrichten“-Autor Nikolai B. Forstbauer
Stuttgart - Kurzarbeit im Staatstheater Stuttgart – das lässt aufhorchen. Nicht, dass dieses vor allem aus Wirtschaft und Industrie bekannte Mittel, bei akut schlechter Wirtschaftslage Arbeitsplätze zu sichern, im Kulturbereich nicht genutzt würde. Was überrascht, ist der Zeitpunkt. Die Nachricht platzt mitten in den verkündeten Neustart, mitten hinein in eine erste vorsichtige Rückkehr zum Normalbetrieb.
Nur 20 Prozent der Tickets können verkauft werden
Aber was heißt das schon, wenn bei allen Vorführungen nur knapp 20 Prozent der Tickets verkauft werden dürfen und der Neustart durch Minimalformate geprägt ist. Da werden allabendliche und von fast stets ausverkauften Begleitveranstaltungen flankierte Vorstellungen mit 1404 belegten Plätzen im Zuschauerraum des Opernhauses und 667 Plätzen im Schauspielhaus und gar die eingeübten Doppelbelegungen an Sonntagen zu Szenarien aus weit entfernter Zeit.
Selbst erwirtschaftete Gelder fehlen
Und doch garantiert nur der erfolgreiche Vollbetrieb eine Kennziffer, die mehr ist als der Ausweis hoher Nachfrage: Bis zu 20 Prozent des Jahreshaushaltes von mehr als 100 Millionen Euro (Stadt und Land finanzieren jeweils mehr als 45 Millionen Euro) erwirtschaftet das Staatstheater mit den Sparten Oper, Ballett und Schauspiel sowie mit dem Staatsorchester Stuttgart selbst. Das sichert dem Dreispartenhaus Handlungsspielräume. Nicht weniger wichtig aber: Die selbst erwirtschafteten Gelder sind ein ganz wichtiges Signal an die Bürgerinnen und Bürger in der Metropolregion Stuttgart. Ihr Vertrauen in das Staatstheater ist längst nicht mehr nur eine Frage von Programmen, sondern von zahlreichen Einfluss-Bausteinen. Kostenbewusstsein zählt unbedingt dazu.
Personalkosten belasten
Aktuell geht die Eigenerwirtschaftung gegen Null. Nicht, weil die Theatermacher nicht wollten, sondern weil nicht mehr möglich ist. Immer größer wurde und wird die Schere zwischen (Zuschuss-)Einnahmen und fixen Personalkosten. Dies provoziert Debatten. 1400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter halten das Staatstheater im Regelbetrieb unter Volldampf. Aber nun? Kosten die Spezialistinnen und Spezialisten aus Bühnen- , Handwerks- und Dienstleistungsberufen vor allem Geld. Viel Geld.
Wie stemmt sich das Staatstheater gegen die Krise?
Die Kurzarbeit verschafft Firmen Zeit, mit der Stamm-Mannschaft weiterzumachen. So nun auch das Staatstheater. Zugleich weckt die Kurzarbeit aber auch Argwohn – und provoziert Fragen. Wo kann in welcher Zeit wie viel eingespart werden? Hat das Staatstheater Stuttgart das richtige Personal an der richtigen Stelle, um sich gegen die Nachwehen der Corona-Pandemie zu stemmen und schnell effiziente Wege aus dem unverschuldeten Abseits zu finden?
Kultur ist nicht mehr unverzichtbar
Nicht zuletzt ist die Kurzarbeit im Staatstheater auch dies: Ein Zug im Ringen um den Ausgleich der für die kommende Saison vorausgesagten Verluste von mehr als zehn Millionen Euro. Öffentlicher Solidarität können sich die Theatermacher indes nicht sicher sein. Wer ehrlich ist, muss feststellen: Das Aus für zahllose Kulturangebote wird so achselzuckend zur Kenntnis genommen wie das Aus von eben noch für unverzichtbar erklärten Traditionsgeschäften.
Bekenntnis auch der Bürgerinnen und Bürger gefragt
Kurzarbeit allein hilft den Staatstheatern Stuttgart nicht. Es braucht von Landtag und Gemeinderat klar definierte Corona-Hilfen. Auch bisherige Rücklagen im Theater selbst können nicht unangetastet bleiben. Und doch geht es um noch mehr: Die Staatstheater-Vollbremsung nach wenigen Metern der Beschleunigung darf nicht zum Argument für die Bürgerinnen und Bürger werden, Oper, Ballett und Schauspiel fernzubleiben. Im Gegenteil: Bekennt Euch! – dies gilt für Politik und Publikum gleichermaßen.
nikolai,forstbauer@stuttgarter-nachrichten.de