Dan Ettinger Foto: Thomas Niedermüller

Die Stuttgarter Philharmoniker haben ihr Programm für die Konzertsaison 2017/18 vorgestellt

Stuttgart - Der Chef hält sich zurück. Noch. Erst einmal hat der Intendant der Stuttgarter Philharmoniker das Wort. Genauer gesagt: der künstlerische, denn seit Anfang diesen Jahres hat das Orchester eine organisatorische Doppelspitze. Neben Michael Stille sitzt Tilman Dost, der als kaufmännischer Intendant dafür sorgen soll, dass die Kosten des Klangkörpers nicht mehr so aus dem Ruder laufen wie 2016, als ein Defizit von 360 000 Euro im Etat auftauchte und von struktureller Unterfinanzierung die Rede war.

Die Gründe dafür sind differenziert zu betrachten, und die wenigsten haben mit administrativen Fehlentscheidungen der Orchesterleitung zu tun. Ohne Stille – daran darf man ruhig einmal erinnern – hätte es den künstlerischen Aufschwung des Orchesters unter dem Chefdirigenten Gabriel Feltz nicht gegeben. Sei’s drum: Den Fehlbetrag von damals hat die Stadt geschultert – und mit Dost einen Geschäftsführer engagiert, der nicht nur Kulturmanagement, sondern auch Geige studiert hat, also auch künstlerisch denkt. Er wolle dem Orchester den Rücken freihalten für künstlerische Prozesse, sagt der Neue. So gibt es tatsächlich handfeste Gründe für die demonstrierte Einigkeit der Intendanten. Und Stilles Behauptung, „die Menge an Aufgaben“ bei den Philharmonikern sei „von einer einzelnen Person einfach nicht mehr zu schaffen“: Sie trifft sicherlich ebenfalls zu. Die aktuellen Zahlen – die Abonnentenzahl liegt stabil bei etwas 2600 – sorgen außerdem für eine gewisse Zuversicht. Und reisen wird das Orchester weiterhin: nach Mailand, nach Graz und vermehrt auch im Land. Bei den Opernfestspielen Heidenheim werden die Stuttgarter Philharmoniker zum fünften Mal Residenzorchester sein; in diesem Sommer gibt es Wagners „Fliegenden Holländer“ Open Air in der Ruine von Burg Hellenstein.

„Ich hasse Spezialisten – wir machen einfach Musik!“

Nun lobt Michael Stille zunächst die Klangqualität des Orchesters, die sich unter Dan Ettinger „toll entwickelt“ habe, und dann stellt er eine bunte Konzertsaison vor, die neben großen Werken des Klassik-Kanons (wie etwa Strawinskys „Sacre du Printemps“) viele in Stuttgart nur selten gespielte Werke birgt (wie etwa Schostakowitschs erste Sinfonie) und die zudem mit neuen Konzertformaten experimentiert: zum Beispiel mit Griegs „Peer Gynt“, wortreich dekoriert von dem Stuttgarter Slam-Poeten Timo Brunke, mit Konzerten, bei denen die Zuhörer mitten im Orchester sitzen, oder mit „Nachtschwärmer“-Abenden in Kooperation mit dem Jazzclub Bix. Viele junge Interpreten werden dabei sein, und in seiner Großen Reihe präsentiert das Orchester unter dem Titel „Junge Wilde“ frühere Werke später berühmt gewordener Komponisten. Außerdem wird Fazil Say sein „Water Concerto“ spielen, und Thomas Hampson präsentiert Bergs Sieben frühe Lieder in einer Fassung für Bariton.

Eine „super Stimmung“, sagt dann der Chefdirigent selbst, herrsche in seinem Orchester, da säßen „Menschen, die wirklich wollen“, für die das Musizieren „nicht nur ein Routinebetrieb“ sei, „und das ist ein Luxus für einen Dirigenten.“ Einen Schwerpunkt habe er mit den Philharmonikern zwar noch nicht gefunden, aber am Ende seiner zweiten Stuttgarter Saison sei dies auch noch viel zu früh. Er erinnere das Orchester „immer wieder daran, was es heißt, mit den Ohren zu musizieren und auch groß besetzte Orchestermusik immer kammermusikalisch zu denken. „Ich hasse Spezialisten – wir machen einfach Musik!“, das ist Dan Ettingers Spruch des Tages. So wie er dirigiert, nimmt man ihm das einfach so ab.

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