Edward Snowden wurde am Sonntagabend im Stuttgarter Theaterhaus live zur Verleihung des Friedenspreises zugeschaltet. Foto: dpa

Ex-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden hat am Sonntagabend den Stuttgarter Friedenspreis erhalten. Und war per Internet dabei. Eine Geschichte wie aus einem James-Bond-Film.

Stuttgart - Um 17.27 Uhr brandet am Sonntagabend im Stuttgarter Theaterhaus Applaus auf. 440 Besucher im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal jubeln. Ines Pohl, Chefredakteurin der „taz“, die eben noch am Rednerpult gesprochen hatte, dreht sich aufgeregt um. Mitten in ihrer Laudatio auf Edward Snowden erscheint er leibhaftig: der US-Amerikaner Snowden, Ex-Geheimdienstmitarbeiter, Whistleblower und, wie Pohl später sagt, „unser Held“.

Gut, persönlich im Saal anwesend ist der 31-Jährige natürlich nicht. Vielmehr wird er hereingeschoben – ein Laptop auf einem Rollschrank, darauf zu sehen Snowdens Gesicht, live zugeschaltet aus dem russischen Exil. Begeisterung bei den Gästen, Erleichterung bei den Organisatoren vom Stuttgarter Bürgerverein Die Anstifter. Sie verleihen Snowden an diesem Tag den Stuttgarter Friedenspreis 2014. Und sind nun heilfroh, dass die Übertragung per Internet klappt, denn zu Beginn hatte es noch technische Probleme gegeben. Die Preisverleihung musste ohne Snowden anfangen.

Hören und sehen kann der im vergangenen Jahr mit seinen Enthüllungen über die weltweiten Machenschaften der Geheimdienste berühmt gewordene Amerikaner das Stuttgarter Publikum offenkundig nicht. Auch nicht die vielen Plakate, die die Gäste vorher für ihn geschrieben haben. „Thank you, Edward“, steht darauf, „Welcome“ oder „Freiheit statt Angst“. Die Blätter werden später symbolisch in einen Koffer gepackt, den man Snowden irgendwie zukommen lassen will.

Zwölf Minuten Dankesrede

Der Held des Abends bedankt sich höflich für „die unglaubliche Ehre“ und entschuldigt sich für die Umstände seines Auftritts. Im Saal könnte man eine Stecknadel fallen hören. Zwölf Minuten lang spricht Snowden über seine Motive und schildert, wie schwierig die Entscheidung gewesen ist, sein bisheriges Leben aufzugeben, um als Enthüller an die Öffentlichkeit zu gehen. Freunde hätten ihm geraten, „an meine Familie zu denken und daran, wie es wohl ist, 30 Jahre im Gefängnis zu verbringen“. Das bleibt ihm zwar wohl erspart, aber ein Gefangener ist er im russischen Exil irgendwie trotzdem.

Bereut hat Snowden seine Entscheidung dennoch nicht. Er habe Informationen herausgegeben, „die alle bekommen mussten“, sagt er. Die Diskussionen, die sich danach entwickelt haben, „ändern die Art, wie wir über Freiheit denken“. Die Geheimdienste beschränkten dauerhaft grundlegende Rechte, was selbst mit der Bedrohung durch Terroristen nicht zu rechtfertigen sei. Wenn man auf diese Rechte verzichte, verschwinde das, was die Demokratien stark gemacht habe. „Regierung und Demokratie sind auf Vertrauen gegründet“, sagt Snowden und schickt einen Appell hinterher: „Es kommt auf unsere Stärke als Gesellschaft an, aufzustehen und eine bessere Welt zu erschaffen.“ Tosender Applaus, der Bildschirm wird schwarz, die Übertragung ist beendet.

Ob und wie lange Snowden überhaupt zugeschaltet sein würde, war lange unklar. Und doch hat die Aktion ein enormes Interesse ausgelöst. Obwohl der Stuttgarter Friedenspreis bereits zum zwölften Mal vergeben wird, haben sich am Sonntag deutlich mehr Fotografen und Kamerateams angesagt als sonst. Nachrichtensender und Presseagenturen bundesweit interessieren sich für die Verleihung. Und viele Besucher. Die 440 Plätze reichen nicht aus, deshalb wird das Ereignis ins Internet übertragen. Als man den Saal gebucht hatte, war noch nicht klar, wie groß der Rummel werden würde.

„Normalerweise vergeben wir den Preis an nichtprivilegierte Menschen und Projekte, die in der Öffentlichkeit wenig Gehör finden“, sagt Peter Grohmann. Dem Vorsitzenden der Anstifter und Initiator des Preises schwante aber bereits, was da ins Rollen kommen könnte, als er den Namen Snowden auf der Liste der 22 von den Mitgliedern vorgeschlagenen Personen sah: „Da war klar, dass er der Favorit sein würde.“ 24 Prozent der Anstifter entschieden sich bei der Abstimmung schließlich für den Amerikaner.

Und brachten die Organisatoren damit ein kleines bisschen in die Bredouille. Denn im Normalfall nehmen die Geehrten die Auszeichnung nebst 5000 Euro Preisgeld persönlich entgegen. In Snowdens Fall war das unmöglich, denn eine Reise nach Deutschland wäre wohl gleichbedeutend mit der Auslieferung an die USA. Also entstand die Idee, den Ex-Geheimdienstmitarbeiter zumindest virtuell dabei zu haben.

Einfach anrufen und fragen ging natürlich nicht. „Vom Verein Digitalcourage, der schon einmal einen Preis an Snowden verliehen hatte, bekamen wir den Tipp, uns an seinen deutschen Anwalt Wolfgang Kaleck in Berlin zu wenden“, erzählt Anstifter-Geschäftsführer Fritz Mielert. Daraufhin ging der Mail-Verkehr lange hin und her, „erstaunlicherweise unverschlüsselt“, wie Mielert schmunzelnd betont. Wo und wie die Mails verschlüsselt worden sind, wer am Ende direkten Kontakt zu Snowden hatte – bei den Anstiftern weiß es keiner. „Wir haben nicht genau nachgefragt. Je weniger man weiß, desto besser“, sagt der Geschäftsführer.

Preisgeld geht auf Konto in Russland

Irgendwann hieß es, man bekomme eine Videobotschaft. Und plötzlich war eine Live-Schaltung im Gespräch. Ob die funktionieren würde, wo in Russland Snowden sich zu diesem Zeitpunkt aufhalten würde – alles unklar. Das Preisgeld zumindest, das stellte sich heraus, kann auf ein Konto in Russland überwiesen werden.

Snowdens kurzer virtueller Auftritt fasziniert die Gäste am Sonntagabend. Auch die auf der Bühne. Ines Pohl erhebt Snowden zum „derzeit bekanntesten Anstifter zum Widerstand gegen die Inszenierungen der Macht“ und feiert ihn „als einen Kämpfer für die Freiheit“. Doch damit will sie es nicht bewenden lassen. Sie fordert ein Whistleblower-Gesetz in Deutschland. Und findet Unterstützung bei Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos-Computer-Clubs. Die Geheimdienste müssten endlich kontrolliert werden, fordert sie und kritisiert: „Wir haben ein Parlament, das bisher weder technisch noch rechtlich in der Lage dazu ist.“

Snowdens Auftritt in Stuttgart löst noch weitere Reaktionen aus. Die Deutsche Journalisten-Union der Gewerkschaft Verdi fordert, ihm politisches Asyl in Deutschland zu gewähren. Davon rät Geschichtsprofessor Josef Foschepoth, Verfasser des Buches „Überwachtes Deutschland“, jedoch dringend ab: „Das würde schiefgehen. Er würde noch am Flughafen an amerikanische Behörden weitergereicht.“ Man müsse endlich den Schutz solcher Leute wieder im Grundgesetz verankern.

Anstifter Grohmann sieht dahin nur einen Weg: „Wir bräuchten Parlamentarier, die das erkennen und vorantreiben.“ Ansonsten bleiben Edward Snowden auch weiterhin nur virtuelle Besuche. Wenngleich selbst die Whistleblower-Fieber auslösen.

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