Lars Kanzian und Benny Reichert (re.) im Proton Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Eigentlich hätten sie wieder aufmachen dürfen. Doch weil die Landesregierung die Alarmstufe II bis mindestens 1. Februar verlängert hat, müssen Clubs geschlossen bleiben. Die Betreiber verzweifeln zunehmend.

Stuttgart - Aufmachen, nicht aufmachen, aufmachen, nicht aufmachen. Für die Betreiber von Clubs und Discos ist die Coronaverordnung mittlerweile wie das Rupfen der Blüten von Gänseblümchen. Obwohl die maßgeblichen Parameter wie der Hospitalisierungsindex und die Auslastung der Intensivbetten gesunken waren und so das Land eigentlich aus der Alarmstufe II gerutscht wäre, verlängerte das Land wegen der Gefahr von Omikron die Alarmstufe II bis mindestens 1. Februar. Sprich, die Clubs müssen geschlossen bleiben.

 

Nicht nachvollziehbar

„Das ist einerseits verständlich“, sagt Colyn Heinze, stellvertretender Vorsitzender des Club Kollektiv, des Zusammenschlusses der Clubbetreiber und Nachtarbeiter der Stadt. Aber zunächst Zahlen zu formulieren, Grenzwerte festzulegen und die Konsequenzen daraus, was Schließungen und Öffnungen betrifft, und dies auf die Schnelle wieder einzukassieren, „wirkt willkürlich und ist für uns nicht mehr nachvollziehbar“. Auf was solle man sich denn verlassen, wenn nicht auf das Regelwerk, das die Landesregierung aufgestellt hat.

Keine Perspektive

„So fehlt nun endgültig die Planbarkeit und die Öffnungsperspektive“, sagt Heinze. Während man im ersten Lockdown zahlreiche Aktionen gestartet habe unter dem Motto: Hey, wir sind noch da, sich im zweiten Lockdown mit Durchhalteparolen Mut gemacht habe, greife im dritten Lockdown nun die Resignation um sich. „Den Leuten fehlt Kraft und Energie. Lohne es sich noch durchzuhalten? Wie lange müsse man durchhalten? Bekommen wir noch Personal? Wie lange reicht das Geld? Fragen, auf die es derzeit keine Antwort gebe.

Psychisch belastend

Fragen, die sich auch Femke Bürkle, Betreiberin der Bar Romantica an der Hauptstätter Straße in der Innenstadt auch stellt. Dass sie im April wieder aufmachen kann, hofft sie. Wobei die Betonung auf „hofft“ liegt. Doch eines sei auch klar, wenn die Politik ewig wartet, „werden wir das nicht überleben“. Hätten sie sich nicht in den zweieinhalb Monaten der Öffnung ein „kleines Fettpolster angefressen, wäre jetzt Schicht im Schacht“.

So wie es Heinze für etliche Clubs prophezeit. „Ich fürchte, dass wir noch die eine oder andere böse Überraschung erleben, es werden nicht mehr alle aufmachen.“ Auch für Femke Bürkle habe sich die Sinnfrage immer wieder gestellt, andererseits „wollen wir auch nicht aufgeben, was wir uns über Jahre aufgebaut haben“. Aber es sei gerade sehr schwer, es gehe vor allem psychisch an die Schmerzgrenze.

Wie geht es weiter?

Keine Perspektive zu haben, das zehrt auch an den Nerven von Benny Reichert, Eventmanager und Booker im Proton. Den Club hat Lars Kanzian für 700 000 Euro umgebaut. Der Neustart im Sommer sei gut gelaufen, sagt Reichert, man habe sich gerade wieder bekannt gemacht, dann sei Ende November Schluss gewesen.

Man habe zwar noch anderthalb Wochen mit der Maskenpflicht auf der Tanzfläche weitergemacht, obwohl man das für wenig sinnig halte. „Aber wir hatten zwei Events, die Leute aus ganz Deutschland angezogen hatten.“ Und da wären auch Hotelbuchungen hinfällig gewesen, hätte man abgesagt. Deshalb habe man das durchgezogen. Das sei ja auch etwas, was die Politik offensichtlich unterschätze. Man brauche eine Perspektive der Psyche wegen, aber auch wegen des nötigen Vorlaufs.

„Man muss das Personal wieder zurückholen und oftmals neu finden, man muss Künstler buchen, das geht nicht so hopplahopp“, sagt Lars Kanzian. Und er hofft auf klare Ansagen von den Behörden. Man habe schon das Gefühl, zum Spielball zu werden, sich auf nichts mehr verlassen zu können, weiter rätseln und abzählen zu müssen: Aufmachen, nicht aufmachen, aufmachen, nicht aufmachen.