Christian Spucks Ballette sind raumfüllend und dynamisch. Auf der kleinen Bühne im Opernhaus-Hof gab der Choreograf (Mitte) deshalb in einem Gespräch mit Vivien Arnold (rechts) und Tamas Detrich Einblick in seine Arbeit. Leider können nur knapp 40 Zuschauer dabeisein. Foto: Stuttgarter Ballett/SB

Zum schnellen Neustart gibt das Stuttgarter Ballett im Innenhof des Opernhauses Einblick in seine Probenarbeit. Zu Gast war auch der ehemalige Hauschoreograf Christian Spuck.

Stuttgart - Christian Spuck ist einer der musikaffinsten Choreografen, den das Stuttgarter Ballett bislang hervorgebracht hat. Er füllt die Bühne aber nicht nur mit einer Flut dynamischer Bewegungen, sondern hat sich für „Lulu“ auch das größte Bühnenbild der Kompanie ausgedacht, nach dessen Maßen wurde die Probebühne in der neuen Cranko-Schule konzipiert. Genau hier erarbeitet Christian Spuck sein Stück „Cassiopeia’s Garden“, das am 19. Juni im Rahmen des Ballettabends „New/Work“ uraufgeführt wird.

Verständlich, dass die Mini-Bühne, die das Stuttgarter Ballett im Innenhof des Opernhauses für einen schnellen Neustart im Freien aufgebaut hat, Christian Spucks Bewegungsdrang nicht gerecht wird. Deshalb gibt es am Dienstagabend in der Reihe der Probeneinblicke, die Lust auf den neuen Ballettabend machen sollen, auch nur ein Gespräch mit Spuck. Für Tanzimpulse sorgt im Anschluss Anna Osadcenko. Die Solistin frischt in einem beeindruckenden Dialog mit Ballettintendant Tamas Detrich ihr „Bolero“-Solo auf, das raumsparend auf einem Tisch getanzt wird; Béjarts Publikums-Hit wird bei einer weiteren Premiere Ende Juni einer von mehreren Höhepunkten sein.

Neue Herausforderungen jenseits des Handlungsballetts

Doch zuerst blickt Christian Spuck gewohnt freundlich, klug in den Formulierungen und völlig uneitel im Auftreten auf die knapp zehn Jahre zurück, in denen er sich seit dem Abschied aus Stuttgart in Zürich mit Erfolg als Ballettdirektor etabliert hat. Neue Tänzer, neues Publikum, neuer Beruf: „Ich musste mich in Zürich ganz neu positionieren. Nach fünf Jahren hatte ich dann die Kompanie, die ich haben wollte“, sagt Christian Spuck im Gespräch mit Vivien Arnold, der Kommunikationsdirektorin des Stuttgarter Balletts. Weil sich viele Anfänge in seinem Leben mit „Romeo und Julia“ verbinden, hatte er dieses Stück auch für seinen Start in Zürich neu choreografiert, inzwischen sucht er neue Herausforderungen jenseits des Narrativen, auch wenn er, wie er sagt, das erzählende Ballett liebe.

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Botschaften aus dem Weltall

Ganz abstrakt wird Christian Spucks neues Stuttgarter Stück sein. „Cassiopeia’s Garden“ heißt es, weil den Choreografen der Name der Figur aus der griechischen Mythologie schon lange reizte, um dann bei Recherchen festzustellen, dass das gleichnamige Sternbild besonders starke Radiowellen aussendet. „Vor unendlicher Zeit gab es dort ein gigantisches Ereignis, das bis heute hörbar ist.“ Diese Radiowellen werden im Tanzstück erklingen, mit diesem Echo tanzt, so Spuck, die Frage mit: „Was bleibt? Welche Erinnerungen trägt man mit sich? Vielleicht ein ganzes Leben?“ Ein Männer-Duett durchzieht als Fragment das Stück, in der Musik Bachs spiegelt sich das Werk älterer Komponisten, elektronische Musik sorgt für ein kosmisch-lautes Ereignis: Wer will, kann die Geschichte des Stuttgarter Balletts von seiner Gründung durch John Cranko an in „Cassiopeia’s Garden“ hineininterpretieren, „im Endeffekt ist es aber eine abstrakte Produktion“, betont ihr Urheber.

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Was das Stuttgarter Ballett auszeichnet

„Ein wahnsinniger Spaß“: Diese Formulierung fällt öfter im Gespräch mit dem Choreografen; und wer seine Stücke kennt, die mit großer Lust Musik in Tanz verwandeln, weiß, dass Christian Spuck die gute Laune aus dem Ballettsaal auch auf die Bühne bringt. Das Stuttgarter Ballett hat für ihn ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal im Konzert der großen Kompanien. „Hier gibt es eine Tradition und ein Interesse daran, Choreografie als Kunst anzusehen. Es geht Choreografen nicht nur darum, Tänzer toll aussehen zu lassen, sondern ihre Kunst weiterzuentwickeln.“ Christian Spuck freut sich sichtlich, Teil dieser Tradition und nun zurück zu sein, um mit einer Traumbesetzung zu arbeiten.

Der Donner grollt im passenden Moment

Wie toll sie sind, macht Anna Osadcenko klar. Ohne jede Vorbereitung lässt sie sich in Béjarts „Bolero“ fallen und umarmt selbst in einer Probe die schwierige, sperrige Abfolge von Bewegungen wie einen geliebten Menschen. Schere, gekreuzte Arme, Krabbe, Brigitte Bardot: Jede Sequenz hat einen Namen; Anna Osadcenko lässt uns dieses Solo neu sehen und gibt alles auch dann, wenn das Treten auf halber Spitze für Wadenkrämpfe sorgt. Da ist sogar der Wettergott beeindruckt, schickt im passenden Moment ein Donnergrollen – und hält den Regen zurück.

Infos zur Premiere

Der Ballettabend „New/Works“ umfasst Uraufführungen von Christian Spuck, Marco Goecke und Edward Clug sowie die deutsche Erstaufführung von William Forsythes Choreografie „Blake Works“. Die Premiere am 19. Juni ist ausverkauft, für die weiteren Vorstellungen am 20. Juni (nachmittags und abends), 24., 25., 26. und 27. Juni gibt es noch viele Karten. Nach aktuellen Planungen dürfen 600 Zuschauer (getestet, geimpft oder genesen) ins Opernhaus; der Vorverkauf hat bereits begonnen. Eine Zusammenstellung aller Hygiene-und Sicherheitsmaßnahmen findet sich unter www.stuttgarter-ballett.de/service/aktuelles.

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