Gut gelaunter Veranstaltungsgast im Hof des Opernhauses: Marco Goecke gab am Mittwoch Einblick in seine Arbeit und seine neue Choreografie „Nachtmerrie“. Foto: Stuttgarter Ballett/SB

Nach Edward Clug und Christian Spuck war Marco Goecke der dritte Gast bei den Probeneinblicken, die das Stuttgarter Ballett derzeit im Opernhaus-Hof bietet. Sonnenschein gab es nicht nur am Abendhimmel.

Stuttgart - Nach zwei Veranstaltungen, bei denen immer wieder bange Blicke nach oben gingen, lachte am dritten Abend tatsächlich ein Stück blauer Himmel über dem Innenhof des Opernhauses. Hier feiert das Stuttgarter Ballett seit Montag den kulturellen Neustart und gibt auf einer Minibühne Einblick in die Proben zur nächsten Premiere „New/Works“; Edward Clug und Christian Spuck waren die ersten Gäste.

 

Dass sich am Mittwochabend alle Gewitterwolken verzogen hatten, durfte man durchaus auch symbolisch sehen. Als dritter Gast setzte sich nämlich Marco Goecke auf das Podium. Zur Erinnerung: Im Sommer 2017 hatte die Trennung des damals frisch designierten Intendanten Tamas Detrich vom langjährigen Hauschoreografen des Stuttgarter Balletts dunkle Sturmwolken über der Kompanie aufziehen lassen, bei beiden hatte der Vorgang für Kränkungen gesorgt.

Den Intendanten macht Goeckes Rückkehr stolz und dankbar

Doch nun war nicht nur oben Sonnenschein, sondern auch auf der Bühne viel gute Laune. Schon im vergangenen Jahr hatten Goecke, der in der zweiten Spielzeit das Ballett an der Staatsoper Hannover leitet, und Detrich die unschöne Trennung überwunden und eine neue Zusammenarbeit möglich gemacht; Goeckes Uraufführung zum neuen Ballettabend ist der erste Schritt. Ein Jubiläum ohne den Künstler, der von 2005 an die Kompanie mit seiner einzigartigen Bewegungssprache mitgeprägt hat und von hier aus die Ballettwelt eroberte? Das wäre wirklich schade gewesen.

„Sie können sich nicht vorstellen, wie stolz und dankbar ich bin, dass Marco Goecke hier ist“, sagt denn auch Tamas Detrich zur Begrüßung. Und wer Marco Goeckes Schilderung hört, wie er als junger Künstler das Video seiner ersten Choreografie hunderte Male verschickt hatte und nur aus Stuttgart von Fritz Höver und der Noverre-Gesellschaft eine Antwort erhielt, der versteht, welche Bedeutung diese Stadt für den Choreografen hat – sie war der richtige Ort zur richtigen Zeit, als er im April vor zwanzig Jahren ein Zimmer am Marienplatz bezog. „Der Abschied war eine unheimlich schmerzhafte Angelegenheit und vielleicht habe ich damals überreagiert“, blickt Goecke zurück. Als Tamas Detrich dann angerufen habe, „war da ein unheimlicher Friede, das hat mich sehr berührt“, sagt Marco Goecke in seiner unverwechselbaren, direkten Art.

Goecke arbeitet mit zwei jungen Tänzern

Und so ehrlich ist der Choreograf auch in der Zusammenarbeit mit den beiden jungen Tänzern, die im Anschluss an die Gesprächsrunde auf die Bühne kommen. „Nicht zu brav, seid wilder, härter“, ermuntert er die Amerikanerin Mackenzie Brown und den Schweden Henrik Erikson tiefer in den angebotenen Bewegungen zu schürfen. Ein Duett steuert Goecke zu „New/Works“ bei, mehr ließ das Zeitbudget des gefragten Künstlers nicht zu, der zeitgleich einen Beitrag für die nächste Gauthier-Dance-Produktion „Swan Lakes“ erarbeitet.

Lesen Sie in unserem Plus-Angebot: Stuttgarter Ballett tanzt draußen (1): Edward Clug probt im Opernhaus-Hinterhof

Mit einer ganz jungen Generation von Tänzern arbeitet er dieses Mal; und das Paar gibt alles und setzt immer wieder an, um die kantigen, schwierigen Bewegungen mit eigenen Gefühlen zu füllen. „Ich merke sofort, wenn etwas leer ist und mir nichts erzählt“, sagt Goecke zum eigenen hohen Anspruch – auch wenn er heute damit großzügiger sei, wie er gesteht, als zu Beginn. Sein frühes Solo „Äffi“ führt er als Beispiel für den eigenen Kampf an, etwas Ungesehenes zu gestalten. „Ich wollte nichts kopieren, es anders als alle anderen machen und etwas schaffen, das nur mir gehört“, erklärt Goecke die Originalität seiner Ästhetik, für die er viele Anstrengungen auf sich und die Tänzer nimmt.

Was uns im Inneren beweg

„Es ist ein großer Wunsch, den Körper zu überwinden und das sichtbar zu machen, was uns im Inneren bewegt“, sagt Marco Goecke an diesem Abend über seine Arbeit. Mit ihr balanciert er immer an einem Abgrund entlang. „Nachtmerrie“ heißt sein Duett, das holländische Wort für Alptraum gefällt Goecke, der viele Jahre lang mit dem Scapino Ballet in Rotterdam verbunden war.

Lesen Sie in unserem Plus-Angebot: Stuttgarter Ballett tanzt draußen (2): Christian Spuck trifft im Opernhaus-Hof auf „Bolero“

Kein Alptraum, aber sicherlich groß ist der Druck auf die jungen Tänzer, das spürt man. Doch es gelingt ihnen, etwas von sich selbst in das Duett zu legen und die Intensität von Keith Jarretts Klavierklängen in ihre Begegnung zu übertragen. Von den aggressiven Momenten einer Beziehung erzählt „Nachtmerrie“ mit explodierenden Bewegungen und krampfhaft zurückgehaltenen Attacken, aber auch von der Sehnsucht grenzenloser Nähe in einer Umarmung. Insofern ist dieses Duett auch ein schönes Bild für die Leidenschaft, die Marco Goecke und das Stuttgarter Ballett verbindet.

Infos zur Premiere

Der Ballettabend „New/Works“ umfasst Uraufführungen von Christian Spuck, Marco Goecke und Edward Clug sowie die deutsche Erstaufführung von William Forsythes Choreografie „Blake Works“. Die Premiere am 19. Juni ist ausverkauft, für die weiteren Vorstellungen am 20. Juni (nachmittags und abends), 24., 25., 26. und 27. Juni gibt es noch viele Karten. Nach aktuellen Planungen dürfen 600 Zuschauer (getestet, geimpft oder genesen) ins Opernhaus; der Vorverkauf hat bereits begonnen. Eine Zusammenstellung aller Hygiene-und Sicherheitsmaßnahmen findet sich unter www.stuttgarter-ballett.de/service/aktuelles.