Die Spiegel-Ausstellung „Physical Conversation“ mit Fotos von Ballettstar Friedemann Vogel ist im Museumsgarten am Stadtpalais zu einem neuen Anziehungspunkt geworden. Foto: Oliver Kröning

Was wird aus der Satire-Skulptur zu S 21? Die Rathausspitze entscheidet später als geplant, Stadtpalais-Chef Torben Giese fühlt sich missverstanden. Spiegelbilder von Ballettstar Friedemann Vogel sind derweil im Museumsgarten die neue Attraktion.

Stuttgart - Kein Mensch wird so oft angelächelt wie ein Spiegel – und keine anderen Spiegel werden so oft fotografiert wie die vom Stadtpalais. Auf Rasen machen sich die auffällig klaren Spiegel (es wird oft nachgeputzt) sehr gut. In Coronazeiten muss Kultur meist digitale Wege gehen. Analoges Erleben ist selten. So wundert es nicht, dass der Außenbereich vom Stadtpalais mit reflektierendem Glas zum Anziehungspunkt geworden ist.

Der Fotograf Oliver Kröning, Mitgründer der Galerie Kernweine, hat Ballettstar Friedemann Vogel, mit dem er befreundet ist, an ungewöhnlichen Orten in Szene gesetzt. Ein Ausnahmetänzer findet überall seine Bühne. Aus den Aufnahmen, die etwa in einem Parkhaus oder auf Sand entstanden sind, ist „Physical Conversation“ geworden, zunächst für 300 limitierte Boxen. Nun hat Kröning fürs Stadtpalais die Bilder auf Spiegelwänden befestigt. „Spiegel spielen im Ballett eine wichtige Rolle“, sagt der 40-Jährige, „der Tanz wird in Spiegelsälen einstudiert.“

Die Fragmente fordern Fantasie heraus

Coronagerecht sind die Stelen mit den Fotos im Freien aufgestellt. Der Museumsgarten wird damit zum Selfie-Paradies. Dank unzähliger Spiegelungen bieten sich besondere Aufnahmen an, über die sich nicht nur Kunst- und Tanzfreunde freuen, sondern auch Passanten, die zufällig vorbeikommen. Die einen haben den Hund dabei, andere ihre Kinder, aber fast alle zücken das Handy. Oft sieht man auf den Spiegelbildern nur einzelne Körperteile von Vogel, einem der besten Balletttänzer der Welt. Die Fragmente fordern Fantasie heraus. Den Betrachtenden macht es Spaß, sich die Geschichte, die dahintersteckt, selbst zusammenzureimen.

Der Tanz ist der Spiegel des Lebens, sagt man. Man könnte es auch so formulieren: In jedem Spiegel träumt ein Leben.

Die Vielfalt der Stadt breitet sich rund ums Museum aus

Über dem Palais-Eingang hängt ein riesengroßes Transparent mit dem Regenbogen von #wirsind0711. Dieses Symbol steht seit der Querdenker-Demo für die Vielfalt der Stadt. Die Vielfalt breitet sich rund ums Museum wohltuend aus. Die filigrane Schönheit des Tänzers gesellt sich zur oft derben Wahrheit von nackten Protagonistinnen und Protagonisten des Bahn- und Immobilienprojekts Stuttgart  21 – das eine wie das andere lockt Fotografen an.

An der neun Meter hohen Skulptur von Peter Lenk, des Künstlers von Bodensee, scheiden sich die Geister. Nur bis Ende Juni soll der „Schwaben-Laokoon“ an dieser Stelle bleiben. Dann werden auch die Spiegelstelen mit den Ballettfotos abgebaut. OB Frank Nopper, so hört man, will erst Ende Mai (nicht vor Pfingsten, wie zunächst geplant) verkünden, ob sich für die „Chronik einer grotesken Entgleisung“ ein neuer Platz in Stuttgart findet oder ob die als Leihgabe angebotene Skulptur dankend zurück an den Bodensee geschickt wird.

Online-Petition für die Skulptur am Stadtpalais

Eine Initiative will mit einer Online-Petition erreichen, dass die satirische Installation mit 150 Figuren, darunter Kretschmann und Merkel, über Juni hinaus vor dem Stadtpalais bleibt. Die Fraktion von Linke, SÖS und Co. beantragt dies im Gemeinderat. Die Grünen konnten sich nicht dazu durchringen, sich dem anzuschließen. Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle (Grüne) ist ein Fan der Skulptur und sagt, nun zeige sich, ob Stuttgart humorarm ist.

Giese stellt klar: „Mir gefällt die Skulptur!“

Stadtpalais-Chef Torben Giese fühlt sich missverstanden. Der Museumschef bedauert, dass er das Lenk-Werk in einem Interview mit dem „Südkurier“ als „vulgär“ bezeichnet hat. Nun glaubten nicht wenige, er lehne die Satire-Kunst ab. „Das stimmt aber gar nicht“, stellt er klar, „mir gefällt die Skulptur, sonst hätten wir sie nicht zu uns geholt.“ Immer sei klar gewesen, dass sie nur temporär bleiben könne. Der Platz vor dem Eingang müsse für neue Projekte, für neue Impulse, frei gemacht werden. Für Sommer sei etwa „Stuttgart am Meer“ geplant. „Dafür reicht der Museumsgarten“, findet Doris Zilger von der Lenk-Initiative. Obendrein würden die Umbaumaßnahmen am Stadtpalais erst Anfang 2022 beginnen – mindestens so lange könnte die Skulptur bleiben.

Vorerst also sind die Spiegelfotos und das „Lenkmal“ ein doppelter Besuchsmagnet. Unweit des hektischen Verkehrsknotens Charlottenplatz lässt sich momentan erleben, was Stuttgart ausmacht: Autos, Staus, Streit über S 21, ein Ballettwunder. Einer Stadt wird der Spiegel vorgehalten. Ein Hoch auf die Vielfalt von 0711!

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