Massive Fliegerangriffe am 2. März 1944 verwandelten viele Straßenzüge in Hedelfingen – wie hier die heutige Lonseer Straße – in ein Trümmerfeld. Foto: Archiv Altes Haus Hedelfingen (z)

Hedelfingen und Wangen waren am 2. März 1944 Ziel eines alliierten Luftangriffes. Eine Stunde genügte, um viele Straßenzüge dem Erdboden gleich zu machen.

Hedelfingen - Eine Stunde genügte vor 75 Jahren, um viele Straßenzüge von Hedelfingen und Wangen in Schutt und Asche zu legen: In der Nacht vom 1. auf den 2. März 1944 waren die beiden Stadtbezirke sowie die Stuttgarter Innenstadt das Ziel schwerer Luftangriffe. In Hedelfingen und Rohracker kamen 14 Menschen im Bombenhagel ums Leben. Die Bewohner erlebten eine Nacht voller Angst und Schrecken.

„Es war eine grauenvolle Nacht“ erinnert sich Lore Jung, geborene Will, an die Kriegszeit. „Wie so oft haben wir damals in unserem Keller Schutz gesucht“, berichtet die damals 16-Jährige. Ihr Elternhaus lag gegenüber der Genossenschaftskelter in der Heumadener Straße. Es waren bange Stunden für die im Keller ausharrende Familie. Bomben heulten, die Erde bebte und erst, als das unheimliche Heulen leiser wurde oder gar verstummte, trauten sich die Hedelfinger wieder ins Freie.

Ihnen bot sich dann ein Bild der Verwüstung: Die Kelter stand in Flammen. Gegen Ende des Krieges waren dort Bürger aus der Innenstadt untergebracht worden, die ihre Wohnungen verloren hatten. Mit Matratzen, gesammelten Stühlen und Tischen hatten sie sich provisorisch eingerichtet. Die Möbelstücke wurden ein Opfer der Brandbomben. Die Kelter brannte lichterloh. Die Flammen drohten auf andere Gebäude überzugreifen. Mit nassen Tüchern und Decken versuchten, die Hedelfinger die Brände zu löschen.

Beklemmende Stimmung im Bunker

Waltraud Bücheler war damals ein fünfjähriges Mädchen. Wie in vielen anderen Familien auch war der Vater im Krieg. Ihr Großvater war der einzige Mann im Haus. Eigentlich war ihm und seiner Familie der Schutzbunker in der heutigen Oberen Heckenstraße – unterhalb der Steinenbergschule – zugeteilt. „Jeder hatte dort einen sehr kleinen Bereich. Es ging eng zu. Es war gerade noch Platz, um den Koffer, den man noch schnell mit Habseligkeiten und Papieren gepackt hat, unter die Bank zu schieben“, erinnert sich Bücheler. In dem in den Berg gegrabenen Raum hörte man die Detonationen, spürte die Erde beben, die Luft wurde mit jeder Minute stickiger. Die Angst der Einzelnen übertrug sich auf die Gruppe. Eine beklemmende Stimmung. „Deswegen hat mein Großvater entschieden, dass künftig die ganze Familie im Keller unseres Hauses Schutz sucht, und wenn eine Bombe das Haus treffen sollte, man eben gemeinsam verschüttet werde.“

Erschütterungen waren zu spüren

Auch in jener Nacht am 2. März 1944. Es war eine eisige Winternacht. Als der Großvater über dem Himmel von Hedelfingen die „Leuchttürme“ erblickte, mit denen die Piloten das Abwurfgebiet markierten, schickte er die Familie in den Keller. Er war mit Strohsäcken ausstaffiert. Die Situation war aber kaum weniger beängstigend als im Bunker. Das Sirenengeheul, das Pfeifen und die Erschütterung waren auch im Keller zu vernehmen. Welch Glück sie hatten, erfuhr Waltraud Bücheler erst später. „In unmittelbarer Nachbarschaft lag eine Möbelschreinerei. Sie wurde von einer Bombe getroffen. Das Lager brannte ab. „Weil das Löschwasser damals ausging, wurden die Flammen mit der Lache gelöscht“, erfuhr Bücheler aus Erzählungen. Denn die Fünfjährige war ermattet im Keller eingeschlafen. „Vor lauter Löschen und Schäden beheben, hat mein Großvater sogar fast vergessen, dass ich im Keller noch schlief“, erzählt Bücheler.

Ganzer Straßenzug zerstört

Das Ausmaß der Zerstörung offenbarte sich für viele erst im Laufe des Tages. Viele Häuserzeilen „im Sand“, der heutigen Lonseer Straße, waren dem Erdboden gleich gemacht. Sie lagen in Schutt und Asche. Auch das Backhäusle war völlig zerstört und eine gewaltige Luftmine ließ vom Haus der Familie Walz nichts übrig. „Unsere Ziegen, die Hühner und des Nachbars Schweine lagen tot auf dem Boden. Die Bombe hatte ihre Lungen zerrissen“, erzählte Else Binder, geborene Walz, noch vor 15 Jahren. An vielen Häusern waren die Dächer teilweise abgedeckt und die Fenster zerborsten. Sie wurden provisorisch geflickt. Die Ausgebombten kamen in der Nachbarschaft unter. Man war eine Leidensgemeinschaft. Immerhin kamen durch die Fliegerangriffe acht Menschen in Hedelfingen und sechs in Rohracker ums Leben. Insgesamt, so schreibt Hans Bardua in seinem Buch, waren bei diesem Luftangriff 557 Bomber im Einsatz. Sie legten zwischen 2.57 und 4.01 Uhr einen Bombenteppich über die Innenstadt, Bad Cannstatt und die Neckarvororte. Insgesamt wurden 121 Tote und 510 Verwundete registriert. Das Neue Schloss erlitt schwere Zerstörungen.

Keller wäre zum Grab geworden

Auch in Wangen hinterließ der Angriff eine Spur der Verwüstung. Rund um den Marktplatz, in der Kuchener Straße, in der Ulmer Straße und am Bärenplätzle wurden einige Häuser zerstört, erinnert sich Ortschronist Martin Dolde auch anhand von Fotos. Er selbst war zwei Jahre alt. „Aber ich erinnere mich an die Zeit im Bunker. Es war beklemmend und die Luft stickig. Wir liefen durch eine Schlucht. Erst später bemerkte ich, dass es sich um aufgetürmte Koffer handelte.“ Roland Glemser erzählt von der Bombennacht im elterlichen Haus. Auch der Teenager saß mit seiner Familie im Keller. Dort hörten sie die Einschläge. Die erste Bombe schien weit entfernt. „Die zweite, so haben wir nachträglich erfahren, hat das Gemeindehaus getroffen. Die dritte detonierte am Kelterplatz – nur wenige Meter von uns entfernt. Wir wussten, die nächste könnte unser Haus treffen“, so Glemser. Bange Sekunden und Minuten – glücklicherweise ohne weitere Detonationen. „Als junger Mensch hat man es nicht so dramatisch empfunden. Heute weiß ich, der Keller war nicht bombensicher, sondern wäre unser Grab gewesen.“

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