Seit dem trockenen Sommer 2018 sei es wieder besonders schlimm mit den Erschütterungen, sagt die Anwohnerin. Foto: Tilman Baur

Oft schreckt sie frühmorgens auf, weil wieder einmal das Haus wackelt, erzählt eine Frau aus Stuttgart-Degerloch. Grund dafür sind die Busse, die viel zu schnell unterwegs seien.

Degerloch - Flott prescht der gelbe Linienbus an einem sonnigen Nachmittag unter der Woche die Albstraße hinauf – mindestens 60, eher 70 Kilometer in der Stunde dürfte der Tacho anzeigen. Andrea Herkersdorf kennt das. Die Busse seien mitunter viel schneller unterwegs als erlaubt, sagt sie. Vor allem frühmorgens, wenn die Straßen frei sind. In Zweierkolonnen jagten sie vom ZOB am Albplatz Richtung Schule und zurück.

Überall sind Risse im Haus

Herkersdorf und ihre Nachbarn leiden darunter: unter dem Lärm, vor allem aber unter den Erschütterungen, die der Schwerlastverkehr in den Häusern verursache. Dabei sehen die Straßenschäden auf den ersten Blick eher harmlos aus. Von offensichtlichen Schlaglöchern kann man nicht sprechen. Das sieht auch die 56-jährige Bibliothekarin so. Trotzdem: Durch das hohe Gewicht der Busse spüre sie es jedes Mal, wenn einer vorbeifährt – je nach Geschwindigkeit mal stärker, mal schwächer. Tempo 50 sei hier auch noch zu viel.

„Die Zeiten einer erholsamen Nachtruhe sind vorbei“, sagt Herkersdorf. Oft schrecke sie frühmorgens auf, weil wieder einmal das Haus wackele. Schon vor zehn Jahren trat das Problem auf. Damals hatte sie die Schäden – auch im Auftrag der Nachbarn – der Stadt gemeldet, die Verwaltung hatte zügig reagiert und die Straße ein Jahr später ausgebessert. Die Erschütterungen hätten sich dann eine Zeit lang in Grenzen gehalten. Doch seit dem vergangenen, trockenen Sommer sei es wieder schlimm. Und nicht ohne Folgen für die Bausubstanz der Häuser, wie sie demonstriert: Sie deutet auf Risse in der Treppe am Hauseingang, Risse in der Decke im Treppenhaus, Risse in der Wand ihrer Dachwohnung.

Die Fliesen der Frau leiden

Die Fliesen in Flur und und Küche musste die Degerlocherin bereits wieder herausreißen, weil sie durch die ständigen Mini-Erdbeben zersprungen waren. Auch im Bodenmosaik im Badezimmer, ein Unikat aus dem Iran, zeigen sich feine Sprünge. Die Häuser, gebaut in den 1930er Jahren, seien auf diesen Verkehr nicht ausgerichtet, sagt Herkersdorf, während gerade wieder ein Bus vorbeifährt und den Deckenleuchter wackeln lässt.

Die Nachbarn und sie selbst hätten schon viel Geld und Eigenleistung in den Altbaubestand investiert. „Und die Busse fahren alles wieder kaputt.“ Was sie fordert? „Tempo 30 auf der ganzen Straße, und natürlich muss der Belag dringend gemacht werden“, sagt sie. Bereits jetzt gilt eine Tempo-30-Regelung. Allerdings beginnt diese erst auf Höhe der Wurmlinger Straße im Bereich der Schulen.

Im oberen Bereich gilt Tempo 50 – doch auch das nur theoretisch, denn die meisten Busse führen deutlich schneller, so die Anwohnerin. Mit ihrer Sichtweise steht sie nicht allein da. 19 direkte Nachbarn haben ihren Brief an Bezirksvorsteherin Kunath-Scheffold unterzeichnet, den sie in der vergangenen Sitzung des Bezirksbeirats an die Anwesenden verteilt hat.

Auch eine Nachbarin klagt

Eine direkte Nachbarin, die gerade vorbeikommt, berichtet davon, große Angst um ihre Kinder gehabt zu haben, als diese noch kleiner waren, weil die Autos und Busse hier so rasant unterwegs seien. Auch eine Frau, die in der Nähe ein Geschäft betreibt und anonym bleiben will, findet, dass sich etwas ändern muss. Sie plädiert für eine Fahrbahnerneuerung und für die Einführung einer Geschwindigkeitsbegrenzung: „Das würde helfen, dass die Busse nicht so runterbrettern“, sagt sie.

Immerhin: die Stadt hat bereits signalisiert, dass sich etwas tun könnte. So sagte Roland Petri vom Tiefbauamt bereits in der Sitzung des Bezirksbeirats zu, die Sache noch einmal prüfen zu wollen. „Die Albstraße steht schon lange auf der Agenda“, so Petri. Allerdings seien die bestehenden Konzepte nicht mehr aktuell, neue Pläne müssten her. Außerdem müsse man erst prüfen, „ob das subjektive Verkehrsempfinden der Anwohner mit dem objektiven übereinstimmt“, so Petri.

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