Die Tunnelbohrmaschine Suse macht sich für Stuttgart 21 bald wieder auf den Weg. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Beim Bau des Fildertunnels wird die 120 Meter lange Tunnelbohrmaschine bald wieder durchs Erdreich geschickt. Zuvor wird die gut 2000 Tonnen schwere Vortriebsmaschine noch von Schaulustigen bewundert.

Stuttgart - Die stählerne Riesin schlummert friedlich. Wie Suse, die Tunnelbohrmaschine, am Freitag so vor dem Tunnelportal beim Echterdinger Ei liegt, kann man sich höchstens vage vorstellen, welche Kraft die gut 2000 Tonnen schwere und 120 Meter lange Vortriebsmaschine entfalten kann, wenn sie losgelassen wird. Aber Suse, wie die Bahn-Verantwortlichen sie auf Vorschlag unserer Leser benannt haben, kann ganz sicher gefräßig sein, wenn sie durch ihre 20 000-Volt-Leitung Energie bekommt. Das hat sie beim Bau des Fildertunnels für S 21 schon bewiesen. Und Mitte Mai bekommt sie ihren zweiten großen Einsatz. Zweite Schildfahrt heißt das bei Tunnelbauern.

Eine 4,1 Kilometer lange Röhre hat Suse von November 2014 bis November 2015 auf dem Weg von der Autobahn Stuttgart-München in Richtung Innenstadt schon gegraben. Sie kam bis Stuttgart-Hoffeld. Dabei entstand ein Teil der Oströhre des 9,5 Kilometer langen Fildertunnels. Danach wurde Suse im Tunnel samt Schneidrad demontiert, in Richtung Filderportal zurück gebracht und wieder komplettiert. Nun ist sie bereit für vier Kilometer der Weströhre zwischen Autobahn und Hoffeld. Wenn sie dort in zehn Monaten ankommen wird, soll schon ein 1150 Meter langer Zwischenabschnitt Richtung Innenstadt fertig sein, der ab der ersten Maiwoche in konventioneller Technik mit Sprengstoff und Bagger gegraben wird.

Im Mittelstück wird konventionell gearbeitet

Der Grund dafür ist, dass in den dortigen Erdschichten Gipskeuper vorhanden ist, der quellen kann. Deshalb muss Wasser, wie es bei der Vortriebsmaschine zum Einsatz kommt, vermieden werden. Dieses Zwischenstück ist auch der Grund für den komplizierten Einsatzplan von Suse.

Hinter dem Mittelstück beginnt die dritte Schildfahrt, die bis Ende 2017 dauern und Suse unter Tage bis in die Nähe des Gebhard-Müller-Platzes in Stuttgarts Innenstadt führen wird. Dann soll sie in einer Wendekaverne, einem großen unterirdischen Raum, drehen und sich wieder Richtung Hoffeld hocharbeiten. Das wird die vierte und letzte Fahrt sein, mit der Suse bis Ende 2018 den Rohbau der Röhren beendet.

Das Erdmaterial, das sie auf Etappe vier zurücklassen wird, soll in der Röhre zur Kaverne im Zentrum hinuntergebracht, von dort aber nicht oberirdisch über die Logistikstraßen für die Bahnhofsbaustelle weggekarrt werden.

Aushub kommt auf die Fildern

Die rund 750 000 Tonnen von Suses vierter Schildfahrt werden von der Kaverne durch die Weströhre des Fildertunnels auf die Filder geschafft – und von dort in diverse Steinbrüche. Dadurch, erklärt die Projektgesellschaft am Freitagmittag vor Journalisten, werde die City logistisch entlastet und vor Staub und Schadstoffen bewahrt. In der Nähe des Filderportals hat die Stadt zusätzliche Lagerfläche bereitgestellt. Außerdem wartet die Bahn auf eine Genehmigung, vorab auf künftige Logistikflächen für den Gleisbau beim Flughafen zurückzugreifen.

Martin Herrenknecht, von dessen gleichnamigem Unternehmen die Vortriebsmaschine stammt, ist sich am Freitagmittag völlig einig mit Walter Wittke, den die Bahn als Bauingenieur und Experten für Felsmechanik zugezogen hat: Bei der zweiten Schildfahrt werde man auch keine baulichen Probleme wegen der Geologie bekommen. Bei der ersten Etappe sei alles glatt gegangen. „Und in 40 Meter Entfernung wird die Geologie gleich sein“, sagen Herrenknecht und Wittke. Beide sind zudem überzeugt, dass man den Tunnelbau auch beherrsche, wenn es in den Gipskeuper geht. Man baue ja Abdichtungsbauwerke an strategisch wichtigen Stellen zwischen Tunnelröhren und umgebendem Erdreich.

250 Gäste lauschen Tunnelbauexperten

Den Erklärungen der Tunnelbauer lauschen am Freitagabend rund 250 Gäste, die von der Projektgesellschaft und dem Verein Bahnprojekt Stuttgart-Ulm sozusagen unter Tage geführt werden. Neben dem Filderportal erhalten sie von sechs Experten tiefschürfende Erläuterungen zum Faszinosum Tunnelbau. Und Moderator Jörg Hamann, Pressesprecher des Projekts, entlockt vor allem Herrenknecht und Wittke auch viele persönliche Anekdoten – während hundert Meter weiter Suse schlummert.

Auch diesen Samstag, wenn am Filderportal beim Fasanenhof Tag der offenen Baustelle ist, wird man sie so sehen. Scheinbar brav, aber irgendwie auch lauernd.

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