Die ehemalige Stadtbahnhaltestelle Staatsgalerie wird zur Baugrube für Stuttgart 21. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

In 20 Teilabschnitten zwischen dem Kriegsberg und dem Kernerviertel werden Tunnel und Bahnsteighalle für Stuttgart 21 gebaut. Nun sind die letzten beiden Teilbereiche in Angriff genommen worden.

Stuttgart - Der Gebhard-Müller-Platz in der Innenstadt gehört schon unter Normalbedingungen nicht zu den lauschigen Ecken Stuttgarts. Auf der B 14 rollen unentwegt die Automassen heran, nur unterbrochen durch das Rot der Ampel, das dann den – richtig – Automassen aus dem Wagenburgtunnel erlaubt, den Platz zu passieren. Zu all dem gesellt sich derzeit ein ebenso monotones wie sonores Geräusch: Bagger brechen die ehemalige Stadtbahnhaltestelle Staatsgalerie ab, um Platz zu schaffen für einen der letzten Bauabschnitte von Stuttgart 21, der nun angegangen wurde. Zusammen mit einer im Bereich des Planetariums gähnenden Grube ist das der letzte der 20 Abschnitte, in denen für Stuttgart 21 zwischen Kriegsberg und Kernerviertel in die Tiefe gegangen wurde und wird.

 

Eng verzahnte Teilprojekte

Den Überblick in der auf den Beobachter chaotisch wirkenden Szenerie behalten Tamara Myers und Albert Leonte. Die Bauingenieurin und der Architekt sind bei der Bahnprojektgesellschaft Stuttgart-Ulm (PSU) für zwei Teilabschnitte verantwortlich, die im Bereich der ehemaligen Stadtbahnhaltestelle Berührungspunkte haben. Leonte baut dort am sogenannten Südkopf, also der Verbindung zwischen der Bahnsteighalle und den Tunneln auf die Filder und nach Ober- und Untertürkheim. Myers ist für die Stadtbahnröhren zwischen der neuen Haltestelle Staatsgalerie und dem Hauptbahnhof zuständig. „Es gibt viele Beteiligte, mit denen man sich ständig abstimmt“, sagt Myers.

Sie muss mit den letzten Tunnelmetern der Stadtbahn für das Gleis in Richtung Haltestelle Staatsgalerie warten, bis Leonte an dieser Stelle die Tunnel für die Eisenbahn gebaut hat. Das soll Ende 2022 so weit sein. Oben auf die Bahntunnel kommt dann in einem weiteren Schritt die Verlängerung des Autotunnels unter dem Gebhard-Müller-Platz. An den konkreten Plänen dafür muss nochmals getüftelt werden, nachdem die Stadt im Mai vergangenen Jahres beschloss, auf dem Tunneldeckel den Radfahrern mehr Platz einzuräumen.

Baustellenbeobachter auf dem Fußgängersteg

Bis Myers in diesem Bereich an der Stadtbahn weiterbauen kann, ist sie mit dem Abschnitt in der Schillerstraße beschäftigt. Dort sollen die neuen Tunneln an den alten SSB-Tunnel zum Hauptbahnhof anschließen. Die Grube unter dem Ferdinand-Leitner-Steg reicht zehn Meter in die Tiefe. Und auch dort ist es nicht nur schlichter Tunnelbau. An jener Stelle trennen sich die Gleise von und zur Staatsgalerie, um die Kurve vor dem Königin-Katharina-Stift mit unterschiedlichen Radien zu nehmen. Gleichzeitig soll ein drittes Gleis geradeaus führen. Die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) bauen in den bisherigen und künftig eigentlich nutzlos gewordenen Stadtbahntunnel eine kleine Abstellanlage ein.

Spätestens im März kommenden Jahres sollen wieder Autos rollen, wo heute noch in der Schillerstraße in der Tiefe gegraben wird. Das Bauen unter so beengten Verhältnissen zählt Myers zu den besonderen Herausforderungen der Baustelle. Aber auch die große Öffentlichkeit: Vom Ferdinand-Leitner-Steg aus haben Baustellenkiebitze freien Blick. „Wir bauen unter Beobachtung“, sagt die 29-Jährige und lacht.

Stadtbahnsperrung zerrt an den Nerven

Weniger spaßig finden viele SSB-Fahrgäste allerdings die nun schon jahrelang anhaltende Unterbrechung einzelner Linien wegen der Baustellen im Bereich der Haltestelle Staatsgalerie. Diese war in der Baugenehmigung einst als „Betriebspause von rund zwei Wochen“ angekündigt worden.

Ende 2023 sollen nach dem letzten Stand der Dinge die SSB-Züge wieder sämtliche Linien auf den gewohnten Wegen befahren. Der Zeitplan ist – wie an vielen Stellen von Stuttgart 21 – ambitioniert. Auch wenn man den beiden Bauexperten die Begeisterung für ihr Tun anmerkt, so ist das Ziel klar: „Wir wollen gemeinsam fertig werden“, sagt Albert Leonte.