Katrin Beißert trifft sich einmal die Woche mit einem Kommilitonen für ein Mensamenü im Park. Foto: privat

Studieren im Jahr 2020 ist ziemlich einsam. Wegen Corona ist nun schon das zweite Semester ins Digitale umgezogen. Technisch hat sich die virtuelle Lehre an der Universität Hohenheim inzwischen gut eingespielt. Doch das ist eben nicht alles.

Hohenheim - In den Hörsaalreihen vor Johannes Steidle hocken Pappfiguren. Gerade hat der Hohenheimer Professor seine dritte Vorlesung vor den Attrappen gehalten. Er hat die Kartonstudenten ins Auditorium gesetzt, „damit ich auch mal jemanden anschauen kann“, sagt er. Was der Insekten-Experte referiert, wird als Video mitgeschnitten und in die Studentenbuden übertragen. So geht Studieren im Jahr 2020. Kein Getuschel in den hinteren Reihen, stattdessen Videochat mit der Option, störende Teilnehmer notfalls zu muten, also stummzuschalten.

Hätte man im April mit Johannes Steidle, 58, gesprochen, vielleicht hätte sich der Leiter des Fachgebiets Chemische Ökologie weniger entspannt angehört als jetzt im November. Es ist das zweite Semester, das – bis auf Weiteres – ins Virtuelle umgezogen ist. Zu Beginn der Corona-Zeit war es „nicht ohne“, gibt Steidle zu. Im Frühjahr habe er Vorlesungen teils bis in den Abend hinein vertont. Inzwischen sei Routine eingekehrt.

Auch Katrin Beißert hat sich an die Situation gewöhnt. Die 30-jährige Frau aus Filderstadt studiert in Hohenheim Nachwachsende Rohstoffe und Bioenergie im sechsten Fachsemester. Fünf Prüfungen hat sie noch und die Bachelorarbeit. Zwei der Prüfungen hätte sie im Sommersemester ablegen sollen, doch sie hat sie verschoben. Schlicht, weil sie es neben all dem Corona-Stress nicht geschafft hätte.

Eine neue Dimension der Selbstdisziplin

Als die Pandemie im Februar und März ihren Lauf nahm, haben Universitäten und Hochschulen den Semesterstart um zwei Wochen nach hinten verlegt. Die Extra-Wochen habe es gebraucht, um alles zu organisieren, erzählt Katrin Beißert. „Vor allem diese neue Dimension der Selbstdisziplin“, sagt sie, habe es ihr anfangs schwer gemacht. Sie beschreibt sich als zielstrebig und gut organisiert, doch es sei etwas völlig anders, sich an einem Raster von Präsenzveranstaltungen, Kaffeetreffen und Lerngruppen entlang zu hangeln als auf sich gestellt zu sein. „Und ich habe mich ein bisschen eingesperrt gefühlt.“

Für Katrin Beißert ist es das zweite Studium. Sie hat bereits Soziale Arbeit studiert. Damals habe sie sich ausgelebt, mit Partys, Zusammenhocken – eben dem lottrigen Studentenleben. Heute ist die 30-Jährige verheiratet und vermisst Feten am wenigsten. Wenn sie an die jetzigen Erstsemester denkt, „tun die mir aber echt leid“. „Die ersten Wochen sind entscheidend, das Soziale steht an vorderer Stelle.“ Man lernt Leute kennen, schließt Freundschaften, verliebt sich. Katrin Beißert hat ihren heutigen Mann über eine Kommilitonin kennengelernt. Ob das in Corona-Zeiten auch passiert wäre?

Sie rechtfertigt sich gleich dafür

Lena Conzelmann ist mit 29 Jahren fast gleich alt wie Katrin Beißert. Auch sie hat bereits ein Studium hinter sich, BWL. Jetzt ist sie im fünften Semester Ernährungswissenschaft an der Uni Hohenheim. Inzwischen wohnt sie in Sielmingen, doch sie sei trotzdem noch gern in die Thomas-Müntzer-Scheuer und auf Partys gegangen. „Ich würde einfach gern mal wieder tanzen“, sagt sie. Im nächsten Satz rechtfertigt sie sich gleich dafür. Sie weiß, dass es Menschen gibt, die nicht verstehen, warum jungen Leuten das Feiern fehlt. „Es geht nicht nur um Party“, sagt Lena Conzelmann, „es geht auch um soziale Kontakte“. Die direkte Interaktion fehle zurzeit einfach komplett.

Not macht erfinderisch. Katrin Beißert schnuppert einmal die Woche trotzdem Uniluft. Sie trifft sich sich mit jemandem auf dem Campus, sie holen sich „Mensaessen to go“ und setzen sich in den Park. „Ich habe gelernt, wie ich mir meine Kontakte suche und halte. Man muss kreativ werden und darf die schönen Dinge im Leben nicht schleifen lassen.“

Wie schnell die Uni Hohenheim die Lehre im Frühjahr ins Virtuelle verlegt hatte, hat Katrin Beißert beeindruckt, sagt sie. „Nach zwei Wochen lief das Ganze.“ Das würde der Professor Johannes Steidle sofort unterschreiben. Anfangs habe er vor allem herumprobiert, was die Plattformen und Programme alles könnten. Kleinere Veranstaltungen „funktionieren erstaunlich gut“, sagt er.

Die Grenzen der digitalen Lehre

Doch die digitale Lehre stößt an Grenzen. Zum Beispiele dann, wenn eigentlich Laborarbeit angesagt ist. Neulich zum Beispiel sollten die Studierenden Insekten bestimmen. Normalerweise bekommen sie die Krabbeltierchen dann auf die Hand; diesmal gab es nur Fotos. „Die Ergebnisse in den Klausuren waren im Sommersemester deutlich schlechter“, sagt der Professor.

Leidet die Lehre? Johannes Steidle sagt Ja. „Die Studierenden lernen einfach weniger.“ Wichtige Präsenzkurse in den Laboren – die wegen des Schutzes der Mitarbeiter ohnehin umstritten seien – müssten in Kleinstgruppen gesplittet werden, die Zeit sei deshalb knapp, also stampfe man das Programm zusammen.

Lena Conzelmann, die angehende Ernährungswissenschaftlerin, hätte im Juni ein einwöchiges Laborpraktikum gehabt. Das wurde auf einen Nachmittag eingedampft, erzählt sie. Corona hat ihr trotzdem nicht das Sommersemester vermiest, „es war bisher mein erfolgreichstes Semester“, sagt sie. Vielleicht gerade wegen der Ruhe im heimischen Hörsaal.

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