So sieht jemand aus, kurz bevor er explodiert: der Präsident des PEN-Zentrums Deutschland, Deniz Yücel, der, kaum bestätigt, von diesem Amt wieder zurücktrat. Foto: dpa/Martin Schutt

Das PEN-Zentrum Deutschland steht eigentliche für den Schutz des freien Wortes und den Frieden in der Welt. Neuerdings ist es aber auch die erste Adresse für wüste Schlammschlachten unter Intellektuellen.

Aufmerksamkeit – genau das war es, was sich die Schriftstellervereinigung mit den drei Buchstaben immer gewünscht hat. Sie stehen für Poets, Essayists, Novelists – konnten aber zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung wie so vieles mit großer Vergangenheit nur allzuleicht als Synonym für etwas in die Jahre Gekommenes, ja Verpenntes gelesen werden. Um für seine respektablen Anliegen, den Kampf für die Meinungsfreiheit, den Einsatz für verfolgte Schriftstellerinnen und Schriftsteller mehr Wirkung zu erzielen, wurde im letzten November mit dem Journalisten Deniz Yücel ein neuer Hauptdarsteller als Präsident ins Rampenlicht geschoben. Was Autoren in autoritären Regimes droht, hat er während seiner Haft in der Türkei am eigenen Leib erfahren, und die Kampagne #FreeDeniz war vermutlich erfolgreicher als alle Wortmeldungen des Clubs der mahnenden Dichter zuvor. Zumindest was die Aufmerksamkeit angeht, läuft der Laden inzwischen wie geschmiert.

 

Seit der Jahrestagung in Gotha am vergangenen Wochenende steht der Name PEN für die erste Arena intellektuellen Schlammcatchens in Deutschland, mit Bratwürsten, Krawall und allem, was dazugehört, spektakulären Auf- und Abtritten samt Kraftausdrücken, wie man sie eher in Kreisen halbseidener Box-Promoter als unter Poeten, Essayisten oder Novellisten vermutet hätte. Mit dem gebrüllten Satz Yücels: „Ich möchte nicht Präsident dieser Bratwurstbude sein, ich trete zurück!“ endet eine kurze Amtszeit. Gleichzeitig wird dieses Zitat in die Geschichte der Institution eingehen, in deren präsidialer Ahnengalerie sich so ehrwürdige Namen wie Erich Kästner, Heinrich Böll, Walter Jens und sogar zwei Frauen finden. Zwei in knapp 70 Jahren – das könnte nun tatsächlich darauf hindeuten, dass hier etwas viel von dem im Spiel ist, was man seit einiger Zeit toxische Männlichkeit nennt, die gerne mit verkrusteten Strukturen, Besitzstandsdenken und selbstzufriedener Gestrigkeit einhergeht.

Showdown in Gotha-City

Doch so einfach zwischen gut und böse, modern und verschmockt sind die Rollen im großen Showdown von Gotha-City nicht verteilt. Auch dann nicht, wenn nun übergangsweise mit Josef Haslingerwieder ein Präsident die Geschäfte führt, der dies vor zehn Jahren schon einmal getan hat. Je mehr man zu verstehen versucht, was sich hier entladen hat, desto ungläubiger wendet man den Kopf von einer Seite zur anderen. Wer gerade noch als Bad Guy erschien, bekommt im nächsten Moment einen hinterhältigen Nackenschlag verpasst – und umgekehrt.

Schon kurz nach Deniz Yücels mit großer Mehrheit erfolgter Präsidentenkür machte die Schriftstellerin Petra Reski einen E-Mail-Wechsel öffentlich, der statt des erhofften frischen Windes – zum Beispiel für das wichtige Programm „Writers in Exile“ – vor allem durch einen polemischen, aggressiven Tonfall auffiel. Von „Elefanten“, „Flusspferden“ und „Silberrücken“ war darin die Rede mit Blick auf den Generalsekretär Heinrich Peuckmann und die „Writers in Exile“-Beauftragte Astrid Vehstedt. In einem konspirativ vorbereiteten Tribunal sollten sie zum Rücktritt gezwungen werden. Wer wie Yücels Vorgängerin Regula Venske sein Vorhaben anfangs unterstützte, den PEN in Richtung einer NGO stärker zu positionieren, zeigte sich bald irritiert.

Hauptsache, das Verfahren stimmt

Zu den Mobbingvorwürfen kam das Entsetzen gleich fünf ehemaliger Präsidenten über Yücels Forderung einer Flugverbotszone für die Ukraine bei der Lit.Cologne. Er habe damit gegen die Grundüberzeugung des PEN verstoßen, sich für das Ideal einer in Frieden lebenden Menschheit einzusetzen, und müsse deshalb zurücktreten. Was Yücel mit dem Vorwurf der Bratwursthaftigkeit des Vereins quittierte. Damit war die Leitmetapher der folgenden Auseinandersetzungen in der Welt. Und dass sie nicht ganz aus der Luft gegriffen ist, darauf deuten in Gotha die Modalitäten, in denen während stundenlanger Abstimmungen über Abstimmungsverfahren gestritten wurde, eine Art realsatirisches Vorglühen für die hitzig-vulgären Wortgefechte auf allen Seiten, die folgen sollten – siehe oben. Yücels Vorstand wurde abgewählt, er selbst bestätigt – und räumte trotzdem zornig das Feld.

Viele, die für eine zaghafte Verjüngung des PEN stehen könnten, wenden sich entsetzt von dem Spektakel ab. Die Autorin Julia Franck überlegt, zum Exil-PEN zu wechseln.

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In welchem ruinösen Zustand auch immer der deutsche Ableger der Schriftstellervereinigung sich befunden haben mag, nach den Vorfällen und dem wütenden Nachtreten in ersten Interviews wird man Yücel nicht zu nahe treten, ihm eher das Temperament einer Abrissbirne als das eines geduldigen Versöhners zu bescheinigen. Nun wird es darauf ankommen, die Trümmer zu etwas Neuem zusammenzufügen, einer Vereinigung, die das Ideal des friedlichen Umgangs nicht nur in steifen Statements vor sich herträgt, sondern an sich selbst beherzigt.