Fassadenkunst in der Marktstraße 13: Die französische Künstlerin Marlène Dangelo bringt Streetart nach Ditzingen. Foto: Simon Granville

Die französische Künstlerin Marlène Dangelo aus der Partnerstadt Rillieux-la-Pape hat in der Ditzinger Kernstadt ein Gemälde erschaffen. Streetart könnte es aus Sicht der Kommune mehr geben – wenn es mehr Flächen hätte. Daher fasst sie andere Kunstträger ins Auge.

Was in der Partnerstadt Rillieux-la-Pape Tradition hat, hält auch in Ditzingen Einzug: Streetart, Kunst im öffentlichen Raum, konkret: am städtischen Gebäude in der Marktstraße 13. An der Fassade hat die französische Künstlerin Marlène Dangelo, 33, ein rund 15 Meter hohes Gemälde angebracht. „Die meisten Menschen geben uns eine positive Rückmeldung“, sagt Melanie Wenk. Sie ist bei der Stadt für Kultur und Städtepartnerschaften zuständig. Das Gemälde könne einem gefallen – oder nicht. Diskussion sei immer gut.

 

Melanie Wenk begleitete die Entstehung des Bildes, das rund um das Hafenscherbenfest am Ende der Sommerferien entstanden ist. Marlène Dangelo, Anhängerin der Hip-Hop-Kultur und Breakdancerin, malte, wohingegen Nemanja Jelacic, Koordinator des Streetart-Festivals in Rillieux-la-Pape, die Materialien und Farben besorgte – und der Künstlerin zur Hand ging. 10 000 Euro kostet das Werk. Davon übernimmt die Baden-Württemberg-Stiftung 6000 Euro.

„Die Wände sind der Wahnsinn“

Vor allem gefällt es Marlène Dangelo, – starke – Frauen hervorzuheben. In Ditzingen sind nun drei Frauen zu sehen, die ihre Power demonstrieren. Anprangern und fördern, das ist der Wille von Marlène Dangelo durch ihre Kunst, indem sie die weibliche Kraft durch große Arme und Narben symbolisiert. Frauen können Opfer, aber auch Krieger sein, lautet die Botschaft. Der Regenschirm ist ein Zeichen für Gemeinschaft.

Begonnen hat alles mit dem Besuch einer Ditzinger Delegation zum 50-Jahr-Jubiläum Rillieux-la-Papes vergangenen November. Sie bewunderte Straßenkunst an Hauswänden und in Apartments – und war begeistert. „Die Wände sind der Wahnsinn“, sagt Melanie Wenk. Solche Höhen gebe es nicht einmal in Stuttgart. Die Metropolregion Lyon, zu der Ditzingens Partnerstadt gehört, habe sich international einen Namen durch eine Vielzahl einzigartiger Streetart-Künstlerinnen und -Künstler gemacht. Vor Jahren hat Rillieux laut Wenk damit angefangen, die Hochhäuser abzureißen oder zu sanieren. In dem Zug hätten Kunstschaffende dort Platz für ihre Werke erhalten.

Auftakt zu einer Kunstreihe mit der Partnerstadt

Wieder daheim hat unter anderem Melanie Wenk mit dem international bekannten Graffiti-Künstler Jeroo einen Stadtrundgang unternommen. Die Kommune hat Kontakt zu ihm, weil er bereits am Bahnhof einen Ditzingen-Schriftzug hinterließ. Anders als Rillieux-la-Pape sei Ditzingen keine Banlieue-Stadt, kein Vorort, so Wenk, und es gebe hier auch keine großen, grauen Hochhäuser, die verschönert werden sollen. Orte für Streetart seien rar – die legal ist, wenn Künstler sie auf eigenen oder speziell dafür ausgewiesenen Flächen erschaffen.

Marlène Dangelos Gemälde ist der Auftakt zu einer Kunstreihe mit der Partnerstadt: Nächstes Jahr gibt es in Ditzingen Workshops für Jugendliche, im Oktober nimmt die Stadt am Streetart-Festival in Rillieux-la-Pape teil. Melanie Wenk sagt, in erster Linie gehe es darum, Menschen zu verbinden. Zu den Workshops sollen auch Jugendliche aus den Partnerstädten kommen. „Bei Städtepartnerschaften ist es wichtig, dass Austausch stattfindet, besonders unter jungen Leuten“, meint die Rathausmitarbeiterin. Zu integrieren, das Miteinander, den Europa-Gedanken zu fördern und Ideologien wie Rassismus und Nationalismus erst gar keine Chance zu geben, sei heute nötiger denn je. „Projekte wie Kunstworkshops sind einfach zu realisieren, bewirken aber viel.“

Von Berlin nach Ditzingen – zu Trumpf

Grundsätzlich kann sich die Stadt mehr Streetart vorstellen. „Wir sind offen und haben viele Ideen, es fehlen jedoch Flächen“, sagt Melanie Wenk. Ins Auge gefasst hat die Stadt deshalb Trafohäuschen und Wasserpumphäuser der Stadtwerke. Die würden eh oft angeschmiert. Der Wasserturm in Hirschlanden böte sich ebenfalls an. Vielleicht, sagt Melanie Wenk, kann man auch Unternehmen mit passenden Flächen ins Boot holen. Auf dem Freizeitgelände Lehmgrube darf man die insgesamt rund 70 Quadratmeter großen Wände bemalen und besprühen. Der Bauhof streicht sie einmal im Jahr weiß.

Der kunstaffine Laserspezialist Trumpf holte den Künstler Hülpman von Berlin nach Ditzingen. Der Streetart-Experte entwarf und sprayte mit Azubis und Studierenden für den Tunnel zum neuen Bildungszentrum ein Kunstwerk im Stil eines Wimmelbildes. Hierfür kaufte das Unternehmen ein komplettes Seitenteil einer alten Berliner S-Bahn. Es ist ein Projekt zur Mitarbeiterbindung. Trumpf arbeitet oft mit Künstlern zusammen, sagt der Unternehmenssprecher Manuel Thomä. In den Gebäuden sei Kunst omnipräsent. Dagegen wird es Fassadenkunst wohl nicht geben. Manuel Thomä verweist auf die preisgekrönte Architektur. „Die lässt sich durch nichts verschönern.“