Auf einen Antrag von René Niess im Gemeinderat hin werden in Salach Stolpersteine und die Hindenburgstraße zum Diskussionsthema.
Salach - Stolpersteine für Opfer des nationalsozialistischen Herrschaft und die Umbenennung der Hindenburgstraße in Georg-Elser-Straße hat René Niess im Salacher Gemeinderat beantragt. Der Neuling, der 2019 für die Wählervereinigung Salach Ökologisch Sozial (SÖS) ins Gremium gewählt wurde, hat damit Wellen geschlagen. Wobei Niess bei seinen Ratskollegen weniger auf komplette Ablehnung gestoßen ist. Die örtliche CDU und die SPD wären nur gerne im Vorfeld mit eingebunden worden.
Bürgermeister Julian Stipp sieht in dem Antrag von Niess einen „Impuls“, ein Konzept für die Salacher Erinnerungskultur zu erstellen. „Es ist gut, wenn Salach auf die Zeit von 1933 bis 1945 blickt“, sagt der Bürgermeister. Es stelle sich die Frage: „Was ist ein gutes Format, um Gedenken auszuüben? Es lohnt sich, das Thema grundsätzlich zu denken.“ Er will keinen „Schnellschuss“. Stipp denkt an die 400 Zwangsarbeiter in Salach. Auch die Geschichte der Firma Schachenmayr sei nicht immer ruhmreich gewesen.
Wessen soll gedacht werden?
Stipp nennt auch die Mechanische Weberei Neuburger. Auf deren Fläche ist das Ortszentrum mit Markt und Sparkasse entstanden. Die jüdische Eigentümerfamilie Neuburger konnte im August 1941 im letzten Augenblick fliehen, berichtet Hans Paflik. Ab September 1941 wurden die württembergischen Juden zusammengesperrt, erklärt der Salacher Archivar. Ende November begann die Deportation in die Vernichtungslager. Die Familie Neuburger kam nach dem Krieg zurück und hat die Weberei noch einige Zeit weiterbetrieben. Später folgten der Abriss und die Neubebauung des Ortskerns.
Für Rathauschef Julian Stipp stellen sich die Fragen „Wen wollen wir bedenken?“ und nach dem Konzept. „Das können auch Stolpersteine sein.“ Mit Niess habe er gesprochen, er kündigt weitere Gespräche an. In der nächsten Woche soll sich zum Beispiel eine Runde mit Archivar Paflik treffen. Dem früheren SPD-Gemeinderat kommt eine Schlüsselrolle zu, hatte doch die CDU-Fraktion darauf hingewiesen, dass Paflik gerade den Zeitraum 1930 bis 1950 aufarbeitet. Daher solle die grundlegende Diskussion nach der Aufarbeitung geführt werden.
So lange will Niess nicht warten. „Wir hatten seit 1945 Zeit. Wir brauchen keine einheitliche Erinnerungskultur.“ Die Stolpersteine seien ihm schon im Kommunalwahlkampf ein wichtiges Anliegen gewesen. „Die Stolpersteine nehmen die Würdigung anderer Opfer nicht weg“, sagt Niess. Er schlägt Steine für drei Opfer aus Salach vor, die nach Grafeneck deportiert und umgebracht wurden.
Auch der Archivar zögert
Der Archivar Paflik will vor den Gesprächen eigentlich nicht übers Thema reden. Er sagt aber, dass es nicht erforderlich sei, auf die Aufarbeitung der Epoche zu warten. Bei den Stolpersteinen des Künstlers Gunter Demnig ist er sich unsicher. Auch jüdische Familien seien sich da nicht einig, weil doch auch auf die Messingklötzchen getreten werde.
„Hindenburg ist schwieriger“, findet Paflik. Er vermutet, dass viele Salacher nicht wissen, wer Paul von Hindenburg war. Die Straße in Salach sei im Mai 1933 nach dem früheren Reichspräsidenten, der Hitler zum Kanzler ernannt hat, benannt worden. Damals erhielten in der Gemeinde verschiedene Straßen Namen von Nazigrößen. Die US-Amerikaner hätten dann 1946 alle NS-Straßen wieder umbenannt. Hindenburg sei damals wohl noch anders bewertet worden, meint Paflik. Eine Umbenennung bedeutet eine Adressänderung für die Anlieger. Das sei früher schon bei Straßen geschehen, sagt der Archivar, auch bei einem früheren Teil der Hindenburgstraße.
Bürgermeister Stipp möchte bei dem Thema das Gespräch mit den Anwohnern suchen, um deren Meinung zu sondieren. Aus seiner Sicht stellt sich die Frage, ob die Vergangenheit gelöscht wird, um ein Zeichen zu setzen. Stipp kann sich auch vorstellen, mit einer Informationstafel über die Person aufzuklären. „Ein Infoschild reicht nicht. Ein Straßenname ist immer eine Ehrung“, findet Niess. Er würde den Widerstandskämpfer Georg Elser würdigen. „Es wäre nicht die erste Straße, die umbenannt wird.“