SPD-Fraktionschef Andreas Stoch rügt die Landesregierung wegen Untätigkeit bei der Weiterbildung. Und er regt einen Fonds an, mit dem kleine und mittlere Firmen bei der Qualifizierung der Mitarbeiter unterstützt werden. Ist das der Auftakt zu einer neuen Strategiedebatte?
Stuttgart - Anlässlich des IG-Metall-Aktionstags an diesem Freitag in Stuttgart warnt SPD-Fraktionschef Andreas Stoch die Unternehmen vor Personalabbau. „Man sollte sich in den Chefetagen dringend klar darüber sein, die Beschäftigten auch in schwierigen Situationen zu halten, weil man sie wieder braucht, wenn es sich wieder zum Positiven wendet“, sagte er unserer Zeitung. Man müsse die konjunkturelle Abschwächung nutzen, „um die Mitarbeiter so weit zu qualifizieren, dass wir nachher mit ihnen wieder erfolgreich sind“. Ziel müsse es sein, die Wertschöpfung am Standort zu erhalten. Da stünden Politik und Unternehmen in der Pflicht.
Angesichts des Wandels der Arbeitswelt wirft der Fraktionschef der Landesregierung Untätigkeit auf dem Feld der Weiterbildung vor. Bei Grün-Schwarz herrsche die Denke, dies sei Sache der Unternehmen. Große Firmen versuchten auch, den Transformationsprozess durch interne Qualifizierung zu begleiten. Bei den kleinen und mittleren Firmen mache er ein „riesengroßes Fragezeichen“. Dort habe er immer wieder die Haltung erlebt: die Auftragsbücher sind voll, wir haben keine Zeit für Weiterbildung – und wenn wir es brauchen, haben wir keine Instrumente dafür. „Da fängt die landespolitische Verantwortung an“, sagt Stoch, der mit der Strategiedebatte in eine Lücke stößt – was dem Vernehmen nach bei den Grünen durchaus Akzeptanz findet. Denn bisher hat keine Partei im Land ein schlüssiges Gesamtkonzept zur Weiterbildung erarbeitet.
Weiterbildungsfonds mit 20 Millionen Euro
Die SPD fordert nun die Einrichtung eines Weiterbildungsfonds – einen Topf, der die Maßnahmen der kleinen und mittelständischen Unternehmen mit beispielsweise 50 Prozent cofinanziert. Es wäre ein Anreiz für diejenigen Firmen, die sich bisher nicht damit beschäftigt hätten, gerade Automobilzulieferer. Zunächst einmal will Stoch den Fonds mit 20 Millionen Euro bestücken. Die Rücklage für den vor gut zwei Jahren gestarteten „Strategiedialog Automobilwirtschaft Baden-Württemberg“ – mit dem die Regierung den Transformationsprozess auf mehreren Feldern unterstützen will – sei da deutlich umfangreicher. „Die legen 26 Millionen Euro in einem Topf und sagen nicht wofür“, meint er.
Ferner spricht sich Stoch für ein Recht auf Qualifizierung aus, sofern der Arbeitsplatz von der Digitalisierung bedroht ist. Es würde dem Mitarbeiter das Mandat geben, dem Arbeitgeber zu sagen: Ich komme mit meinem Wissen nicht weiter und würde mich gerne weiterbilden. „Dann wäre der Arbeitgeber verpflichtet zuzustimmen“, sagt der Sozialdemokrat. „Aber er hat ja auch was davon: Eine Qualifizierung auf seine spezifischen Bedürfnisse.“ Damit könne ein Recht auf Freistellung verbunden sein, denn es sei nicht in allen Betrieben möglich, dass der Mitarbeiter seine Fortbildung in der Arbeitszeit absolviert. Wenn eine externe Maßnahme nötig sei, müsste das über eine Freistellung erfolgen. Auf bestimmte Regeln möchte sich Stoch noch nicht festlegen. Da könne es unterschiedliche Modelle geben, sagt er.
Neue Definition des Bildungsbegriffs gefordert
Generell fordert er eine neue Definition des Bildungsbegriffs im 21. Jahrhundert. „Wir werden uns an den Gedanken gewöhnen müssen, dass man sich auch mit absolvierter Ausbildung und Studium eventuell noch während des Berufslebens komplett neu orientieren muss.“ Dazu bräuchte es ein Bildungssystem, dass Menschen zwischen 40 und 50 Jahren die Möglichkeit gibt, eine komplett neue Qualifikation zu erwerben oder auf die bestehende Qualifikation eine andere draufzusetzen. Damit erhielten die Hochschulen, die entsprechende Angebote machen müssten, eine andere Rolle. Ebenso müssten IHK und Handwerkskammer die Beschäftigten ein ganzes Leben lang mit Weiterbildungsangeboten begleiten.
Zum Fördern gehört für den SPD-Landesvorsitzenden aber auch die Bereitschaft der Beschäftigten mitzumachen: „Qualifizierung muss jeder ein Stück weit für sich auch als Verpflichtung verstehen“, sagt er. Man könne nicht nur über Veränderung jammern, sondern müsse sehen, wie sie bewältigt werden kann. „Der Arbeitgeber muss die Chance einräumen – aber der Arbeitnehmer muss die Chance auch nutzen.“ Jeder Beschäftigte sollte erkennen: wenn er nichts tut, erleidet er Nachteile. „Diese moralische Pflicht muss dann auch von Gewerkschaften und Betriebsräten innerhalb der Belegschaften so kommuniziert werden“, mahnt Stoch.