Berufseinsteiger sind jünger denn je. Doch wer noch wie ein Student aussieht, wird in der Arbeitswelt häufig nicht ernst genommen. Zu der Stuttgarter Stilberaterin Lidija Kondruß kommen immer mehr Männer, die älter wirken wollen.
Stuttgart - Im digitalen Zeitalter ändert sich vieles – auch der Dresscode deutscher Wirtschaftsbosse. Siehe Dieter Zetsche: Früher trug der Daimler-Vorstandsvorsitzende Anzug, Krawatte und Budapester – passend zum konservativen Image seines Traditionsunternehmens. Dann ging es los mit Turnschuhen zum Smoking. Mittlerweile ist Zetsche bei Vintage-Sneakers, Röhrenjeans, offenem Hemdkragen und betont lockerem Jackett angekommen. Die Botschaft hinter dem neuen Outfit: Mercedes ist keine Automarke für rüstige Rentner, sondern für lässige Hipster.
Modisch betrachtet liegt der Spitzenmanager Zetsche damit voll im Trend. In der Geschäftswelt ist die formale Kleiderordnung passé, die Business-Player präsentieren sich auch bei offiziellen Anlässen gerne – wie es in der Fachsprache heißt – „casual“ (frei übersetzt: „zwanglos“). Das jugendliche Outfit ändert indes nichts daran, dass Zetsche so alt aussieht, wie er ist: Schon allein aufgrund seines stark dezimierten Haupthaars und seines grauen Schnauzers ist und bleibt er ein Mittsechziger.
Der Jugendwahn, der die westliche Gesellschaft befallen hat, ist ein oberflächliches Phänomen. An der Macht sind nach wie vor ältere Herrschaften – auch wenn sie sich heutzutage jung geben. Die allermeisten Entscheider in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik gehören der sogenannten Babyboomer-Generation an, wurden zwischen 1955 und 1969 geboren. Viele von ihnen nehmen – bewusst oder unbewusst – Arbeitskollegen, die ihre Kinder sein könnten, nicht sonderlich ernst. Zumal Berufseinsteiger durch das achtjährige Gymnasium, den Wegfall des Wehrdienstes und Verkürzungen der Studienzeit heute jünger sind denn je.
Diplom-Ingenieur mit 25 Jahren
Théo Martin war noch keine 25 Jahre alt, als er bereits den Titel „Diplom-Ingenieur“ trug. Martin hatte an der Université de Bordeaux sein Studium begonnen und war nach wenigen Semestern ans Karlsruher Institut für Technologie gewechselt, weil er meinte, dass er in Deutschland (noch) bessere Autos konstruieren könne als in seiner französischen Heimat. Seine Diplomarbeit trug den Titel „Datenverarbeitung bei Daimler“, und tatsächlich wurde der Jungakademiker sofort in einem Stuttgarter Entwicklungsbüro angestellt, das für den schwäbischen Weltkonzern tätig ist.
Als Kind hatte Théo Martin seine Eltern schier zur Verzweiflung gebracht, weil er jedes Hausgerät auseinanderschraubte, um selbst herauszufinden, wie es funktioniert. Später konzentrierte sich seine Neugier auf Computer und Motorräder. Früher hätte man junge Männer wie ihn als „technikbegeistert“ beschrieben, heute nennt man sie: Nerds.
„Nerds sind meine Stammkundschaft“, sagt Lidija Kondruß, 55. Seit zwei Jahrzehnten hilft die Stilberaterin in ihrem Studio in Stuttgart-Gablenberg wohlhabenden Damen, die einen prall gefüllten Kleiderschrank haben und trotzdem klagen: „Ich finde nichts zum Anziehen.“ Oder Herren, die proper aussehen wollen, aber Kaufhäuser als große Folterkammern empfinden. Oder Menschen, deren Leben sich plötzlich geändert hat – neue Stadt, neuer Job, neuer Partner – und die das Gefühl haben, dass sie sich selbst nun auch anders darstellen sollten. Doch seit einiger Zeit bedient Lidija Kondruß eine neue Hauptzielgruppe: Jungakademiker, die älter wirken wollen, als sie sind.
Théo Martin ist hoch motiviert und top ausgebildet – aber auch extrem unauffällig. Vier Jahre lang fuhr er morgens mit seiner Honda ins Büro. Am Schreibtisch zog er die Lederjacke aus, setzte sich in verwaschenen Jeans und labbrigen T-Shirts vor den Computerbildschirm und entwickelte bis zum späten Nachmittag Software. Dipl.-Ing. Martin war stets kreativ und fleißig, und doch kletterten seine Kollegen die Karriereleiter hoch, während er auf der untersten Sprosse sitzen blieb. „Früher dachte ich, dass man allein durch seine Arbeitsleistung überzeugen muss, um voranzukommen“, sagt er. „Irgendwann wurde mir klar, dass es mindestens genauso wichtig ist, wie man sich präsentiert.“
Optisch eher ein Praktikant als eine Führungskraft
An diesem Punkt suchte Théo Martin bei Lidija Kondruß Hilfe, was – wie die Stilberaterin sagt – „für einen Mann ein mutiger Schritt ist, weil sich Männer grundsätzlich ungern helfen lassen“. Am Beginn jedes Coaching steht die Problemanalyse: Warum ist Théo Martin beruflich nicht so erfolgreich, wie er es gerne wäre, und was hat sein äußeres Erscheinungsbild damit zu tun? Kondruß’ Antwort: Mit seinen 1,70 Meter Körpergröße, dem Milchgesicht, dem kurz geschnittenen Pony und dem T-Shirt-Jeans-Look sieht er noch immer eher wie ein unbedarfter Praktikant aus denn wie eine potenzielle Führungskraft. Die Kompetenz, die Martin zweifellos besitzt, strahlt er nicht aus.
Was kann man dagegen tun? „Viele junge Männer glauben, dass sie einfach Anzug und Krawatte anziehen können und damit ihr Autoritätsproblem gelöst ist“, sagt Kondruß. „Doch dann sehen sie entweder wie ihr eigener Vater oder ein Konfirmand aus. Oft ist auch noch das Sakko zu lang, wodurch die Beine von kleinen Männern noch kürzer wirken.“
Um einen solchen Fehlkauf zu vermeiden, begleitet Lidija Kondruß ihren Kunden in die Herrenabteilung von Breuninger. Gut zwei Stunden und einen vierstelligen Euro-Betrag investiert Théo Martin in die Shoppingtour samt fachkundiger Kommentare seiner persönlichen Stilberaterin. Das Resultat beschreibt Lidija Kondruß auf ihrer Facebook-Seite so: „Für den jungen Mann haben wir ein ungefüttertes und gut kombinierbares Sakko aus Jersey gefunden, das optimale Bewegungsfreiheit garantiert und im Sommer nicht zu warm ist. Darin fühlt er sich wohl und zeigt Kontur.“
Faltenfreie Haut, volles Haar, flachen Bauch
Ein paar Tage später sitzt Andreas Ginger in Kondruß’ Studio, neben ihm ein leerer Kleiderständer, hinter ihm ein Spiegel. Ginger ist 28 Jahre alt und besitzt all das, wovon Männer jenseits der 40 meist nur noch träumen können: faltenfreie Haut, volles Haar, flachen Bauch. Wäre er Schauspieler, könnte man ihn problemlos die Rolle eines Abiturienten spielen lassen. In Wirklichkeit hat er in Heilbronn einen Bachelorabschluss in Software-Engineering gemacht, anschließend Berufserfahrung in einem mittelständischen Distributionsbetrieb gesammelt und sich vor drei Jahren als Projektmanager selbstständig gemacht.
Wenn Andreas Ginger über seine Arbeit spricht, klingt er wie ein ausgebuffter Unternehmensberater. Begriffe wie Prozessanalyse, Teamentwicklung oder Fixkosten reiht er routiniert aneinander. „Beim Erstkontakt mit Kunden hatte ich dennoch das Gefühl, dass ich nicht ernst genommen werde“, erzählt er. „Schließlich sind die Leute, mit denen ich es zu tun habe, häufig länger in ihren Jobs als ich auf der Welt.“
Wie sollte sich ein ehrgeiziger Jungspund vor etablierten Abteilungsleitern präsentieren, wenn er deren Vertrauen gewinnen will? „Auf keinen Fall im Zetsche-Röhrenjeans-Turnschuh-Dress“, sagt Lidija Kondruß. Denn die lockere Managermode ist den Alphatieren der Wirtschaftswelt vorbehalten: Männern wie Dieter Zetsche, Tesla-CEO Elon Musk oder Axel-Springer-Vorstandsboss Mathias Döpfner. Wer in der Unternehmenshierarchie ganz oben steht, kann sich auch schon montags wie am Casual Friday kleiden. Aufstrebenden Jungakademikern empfiehlt Kondruß hingegen, am Arbeitsplatz niemals so herumzulaufen, als seien sie Teilnehmer einer Schüler-Klimademo. Stattdessen: „Eine Garderobe, die modern ist, aber nicht zu modisch – und die eigene Persönlichkeit unterstreicht.“
Recht gediegen und ziemlich smart
Diese Grundregel gilt für beide Geschlechter. Wobei es schwieriger ist, Frauen zu einer optischen Veränderung zu bewegen. „Junge Akademikerinnen folgen merkwürdigerweise zumeist einem traditionellen Schönheitsideal“, sagt Kondruß. Dabei verbindet wohl niemand mit einer langhaarigen Barbie-Blondine außergewöhnliche technische oder betriebswirtschaftliche Fähigkeiten. „Trotzdem wollen Frauen häufig einfach bloß hübsch sein und gefallen.“ Männer sind pragmatischer: „Die meisten Kunden wünschen sich, dass ich ihnen eine Auswahl an Kleidungsstücken zusammenstelle, die sie beliebig miteinander kombinieren können – damit sie morgens beim Anziehen nicht denken müssen.“
Andreas Ginger zählt zu Kondruß’ Musterkunden. Seine neue Dienstkleidung erinnert an die Outfits, mit denen sich die britischen Prinzen William und Harry bei inoffiziellen Anlässen in der Öffentlichkeit zeigen: einerseits recht gediegen und andererseits ziemlich smart. „Auf eine Krawatte haben wir bewusst verzichtet“, sagt Ginger, „damit ich nahbar wirke.“ Mittlerweile trägt er auch in seiner Freizeit gerne ein Tweed-Sakko zur Hose aus Schurwolle. „Ich habe Gefallen an meinem eigenen Stil gefunden.“ Für Lidija Kondruß ist die Beratung damit erfolgreich abgeschlossen.
Anders sieht es im Fall Théo Martin aus. Der 30-Jährige hat mittlerweile seine Festanstellung als Entwicklungsingenieur aufgegeben und sucht als freiberuflicher Vermögensberater sein berufliches Glück. „Ich wollte nicht von neun bis fünf arbeiten, bis ich mit 67 in Rente gehe“, sagt er. „Es war an der Zeit für etwas Neues.“ Nun sitzt er nicht mehr mit Kollegen in einem Büro, sondern erklärt Privatleuten, wie sie ihr Geld lukrativ anlegen können. Umso wichtiger, dass er ️ sympathisch ️und vertrauenserweckend️ rüberkommt. Den Oberlippenbart, den Martin seit ein paar Wochen trägt, findet seine Stilberaterin Kondruß scheußlich. „Nicht alles, was einen jungen Mann älter macht, lässt ihn auch reifer und seriöser erscheinen“, sagt sie. Umgekehrt gilt: Nicht jeder ältere Herr wirkt in Röhrenjeans und Sneakers jung-dynamisch.