Dieter Zetsche gibt in der nächsten Woche auf der Hauptversammlung die Führung des Daimler-Konzerns ab. Als Vorstandschef war er sehr ungewöhnlich: mal Sparkommissar, mal Scherzbold.
Stuttgart - Diese Fragen gefallen Dieter Zetsche erkennbar nicht. „Gehen Sie wehmütig? Hätten Sie heute gerne zum Abschluss eine andere Bilanz vorgelegt? Der Gewinneinbruch ist ja doch relativ stark. Vielleicht können Sie uns ein bisschen Einblick in Ihr Seelenleben geben“, will ein Journalist im Februar vom Daimler-Chef bei dessen letzter Jahrespressekonferenz in der Carl-Benz-Arena wissen. Zetsche lacht gequält und macht sich damit zunächst etwas lustig über diesen Wunsch nach Einblick in sein Inneres: „Ich weiß nicht, wie groß das Interesse an meinem Seelenleben ist.“ Dann folgt eine Wortwahl, die ganz untypisch ist für Zetsche: „Ich kann Ihnen trotzdem ganz klar offen sagen, dass ich mit mir total im Frieden bin.“
Total im Frieden? In den vergangenen Jahren, so erläutert Zetsche, seien vom gesamten Team sehr viele sehr gute Grundlagen für die Weiterentwicklung des Unternehmens geschaffen worden. Zudem sei er zutiefst davon überzeugt, „dass wir ein exzellentes Team in die nächsten Jahre schicken können. Und das bestimmt meine Gefühlslage“ – und nicht, ob er mit einem Spitzenergebnis abtrete oder nicht. In der kommenden Woche übergibt Zetsche nach der Hauptversammlung das Steuer an den bisherigen Entwicklungschef Ola Källenius.
Zetsche galt bei Daimler als „Mann für alle Fälle“, dem man viel zutraute
Auch wenn das Geschäft bei Daimler derzeit nicht so richtig rundläuft, der Konzern in eine Vielzahl von rechtlichen Auseinandersetzungen rund um den Verdacht der Abgasmanipulation verwickelt ist und seine letzte Bilanz alles andere als goldgerändert ist – zum Abschluss seiner langen Managerkarriere erhält Zetsche von vielen Seiten viel Lob. Mehr als 40 Jahre war der promovierte Elektroingenieur beim Konzern mit dem Stern, galt als „Mann für alle Fälle“, dem man immer viel zutraute, war zuletzt gut 13 Jahre Chef des Stuttgarter Autokonzerns, trat in dieser Rolle mal als Sparkommissar auf, mal als Entertainer, mal als Scherzbold, war jemand, der auf die Menschen zugeht, ohne kumpelhaft zu wirken. „Zetsche hat insgesamt einen guten Job gemacht“, urteilt der Autoanalyst Frank Biller von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Große Meriten, so Biller, habe sich Zetsche mit der Abspaltung von Chrysler erworben. Zetsche habe das „unsägliche Kapitel“ Chrysler beendet, bevor Daimler in ein existenzgefährdendes Fahrwasser kommen konnte. Auch der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer lobt Zetsche als Retter des Stuttgarter Konzerns: „Daimler würde heute nicht mehr existieren, sondern wäre mit Chrysler in die Insolvenz gegangen“, sagt der Leiter des Forschungsinstituts CAR an der Universität Duisburg-Essen.
Es waren heiße Zeiten damals, als Zetsche im November 2000 zu Chrysler nach Amerika geschickt wurde, weil es dort lichterloh brannte. Zetsche fuhr einen harten Sanierungskurs, schloss Fabriken, strich viele Arbeitsplätze. Zugleich wurden neue Modelle entwickelt. „Mit unserer Modelloffensive wollen wir bis zum Jahr 2007 bei der Produktivität und der Qualität in Amerika zu den Besten in der Branche aufschließen“, kündigte Zetsche drei Jahre nach seinem Antritt an.
Im Jahr 2007 steckte Chrysler dann jedoch in einer schweren Krise. Zetsche war bereits im Herbst 2005 Mercedes-Chef geworden und löste Anfang 2006 Jürgen Schrempp an der Konzernspitze ab. Zetsche setzte die Scheidung der von Schrempp geschlossenen deutsch-amerikanischen Firmenehe um. Aus Daimler-Chrysler wurde die Daimler AG.
Zetsche hat Mercedes-Benz wieder zur Nummer eins der Premium-Marken gemacht
Wie bei Chrysler verordnete Zetsche auch bei Daimler einen massiven Stellenabbau. Kurz danach gerieten die Stuttgarter in den Sog der weltweiten Finanzkrise. Doch bald darauf gab Zetsche ein sehr sportliches Aufbruchssignal. Im Herbst 2011 kündigte er an, dass Mercedes-Benz beim Absatz spätestens 2020 BMW überholen und wieder die Nummer eins unter den Premiumhersteller würde. Viele hielten diese Ankündigung für wagemutig. „Ich war sehr skeptisch, als er dies angekündigt hat, doch das Ziel ist sogar früher als geplant erreicht worden“, sagt Wolfgang Nieke, der wie Zetsche mehr als 40 Jahre bei Daimler war; seit 2010 als Betriebsratschef des Stammwerks Untertürkheim und als Aufsichtsrat. Anfang dieses Jahres ist er wenige Monate vor Zetsche in den Ruhestand gegangen.
Nieke hat manchen Streit mit Zetsche ausgefochten, doch sein Urteil zu den Leistungen des Daimler-Chefs fällt klar positiv aus. „Zetsche hat das Unternehmen erfolgreich nach vorne gebracht“, sagt der gebürtige Stuttgarter und fügt hinzu: „Dass wir als Arbeitnehmer nicht begeistert waren, wenn der Vorstand Sparprogramme angekündigt hat, und wir dafür gekämpft haben, dass Entscheidungen korrigiert werden, ist klar.“
Oft ist dies gelungen. „Es ist nicht so, dass Zetsche stets auf seiner Position beharrt hat, er war bereit zu Kompromissen. Man musste aber hart darum ringen“, meint der langjährige Betriebsrat. So habe Zetsche vor zwei Jahren eine Auseinandersetzung um die Produktion von Komponenten für Elektrofahrzeuge in Untertürkheim provoziert, weil er unterschätzt habe, welche Sprengkraft dieses Thema habe. „Am Ende war er bereit zu vereinbaren, dass ein eigener Antriebsstrang für E-Mobile entwickelt wird, mit dem Ziel, diesen in Untertürkheim zu produzieren“, sagt Nieke.
Wenn es gut für die Marke war, hat Zetsche auch den Kasper gespielt
Der ehemalige Betriebsratschef des Stammwerks lobt zudem, dass Zetsche einen Kulturwandel bei Daimler angestoßen habe. Dazu gehöre eine Offenheit für neue Arbeitsformen, wie etwa das mobile Arbeiten. „Früher wäre es unvorstellbar gewesen, dass Mitarbeiter daheim schaffen und diese Stunden auf ihrem Zeitkonto gutschreiben lassen. Dieser Kulturwandel ist notwendig, wenn man mit den Silicon Valleys dieser Welt mithalten will“, sagt Nieke.
Um diesen Kulturwandel anzukurbeln, fuhr Zetsche im Juli 2015 mit dem Topmanagement des Konzerns zu einem Meeting nach Kalifornien. „Das Silicon Valley ist kein Ort – es ist ein Mindset. Hier treffen sich Leute, die sich mehr für Technik als für Technikfolgenabschätzung interessieren“, sagte Zetsche, als er im Herbst des gleichen Jahres den Merkur erhielt, die höchste Auszeichnung der Stuttgarter Industrie- und Handelskammer. Zetsche wies bei der Preisverleihung darauf hin, dass Daimler bei digitalen Innovationen mehr Tempo machen müsse: „Wir müssen die Stärken eines Weltkonzerns noch enger mit den Stärken eines Start-ups verknüpfen“, so Zetsche.
Der Daimler-Chef wollte diese Start-up-Mentalität auch sichtbar machen, ließ fortan die Krawatte meist im Schrank, trat in Jeans und Turnschuhen auf – was im Kreis der an eine traditionelle Kleiderordnung gewöhnten Führungskräfte Irritationen auslöste. Zetsche hat zwar sein ganzes Berufsleben bei Daimler verbracht, war dennoch nie in althergebrachten Konventionen gefangen. Er hat auch den Kasper gemacht, wenn er meinte, es sei gut für die Marke. In seiner Zeit als Chrysler-Chef trat Zetsche in Werbespots als ulkiger deutscher „Dr. Z.“ mit großem Schnauzbart auf. Er wollte mit Witz die Botschaft rüberbringen, dass Chrysler von der Zusammenarbeit mit Mercedes-Benz profitiere. Stets mit einer Prise Humor gewürzt und völlig ungewöhnlich für den Chef eines Autokonzerns nahm Zetsche sich seit einigen Jahren auch in Weihnachtsvideos für die Mitarbeiter des Konzerns auf die Schippe. Die Videos fanden auf Youtube viele Fans, die nicht zur Firma gehörten. In seinem letzten Video geht Zetsche auf Jobsuche und übernimmt schließlich den Job des Weihnachtsmanns, der ein Angebot erhalten hat, in den Aufsichtsrat zu wechseln. „Ich sehe das als eine riesige Chance. Auch für dich ist das eine große Chance“, sagt der Mann mit dem weißen Rauschebart – worauf Zetsche mit breitem Grinsen nickt.
In zwei Jahren soll Zetsche Aufsichtsratschef von Daimler werden
Nach der Hauptversammlung scheidet Zetsche am kommenden Mittwoch bei Daimler aus. Der 66-Jährige wird dann voraussichtlich bald Aufsichtsratschef bei Tui. Beim Reisekonzern kann er für einen neuen Job bei Daimler üben. Denn nach einer Abkühlungsphase von zwei Jahren dürfte Zetsche zurückkehren – und Manfred Bischoff an der Spitze des Daimler-Aufsichtsrats ablösen.