Vorbild für Millionen Fans – bald wohl nicht mehr: Cristiano Ronaldo könnte sein laxer Umgang mit Steuern zum Verhängnis werden. Foto: AFP

Madrids Fußballstar Cristiano Ronaldo soll knapp 15 Millionen Euro unterschlagen haben – das könnte im schlimmsten Fall sogar eine Gefängnisstrafe zur Folge ­haben.

Madrid - Das jüngste Bild von Cristiano Ronaldo stammt vom Sonntag. In Badehose stand er am Pool seiner Villa in Madrid, dazu schrieb er: „Relaxen und den Blick genießen.“ Diese Haltung ist nie verkehrt – auch wenn sich die Welt draußen überschlägt. Cristiano, der aktuell weltbeste Fußballer. Ronaldo, Pate über die Strafräume. CR7, meist verfolgter Athlet der Welt in den sozialen Netzwerken (rund 275 Millionen Fans) und eine Marke mit dreistelligem Millionenwert, wie kürzlich eine Expertenanalyse darlegte.

Hotels und Unterwäsche sind nach ihm benannt, seit März sogar der Flughafen seiner Heimatinsel Madeira. Mit so vielen Geschäften ist immer was los, und Fußball spielen wird er ja bald auch schon wieder, beim Confed-Cup in Russland. Da kann man sich nicht um alles selbst kümmern. Erst recht nicht im Privatleben.

Und so ist es seine Mutter und engste Vertraute, Maria Dolores, die portugiesischen Medienberichten zufolge dieser Tage in die USA aufbrechen wird – um die neuen Familienmitglieder abzuholen. Wie schon sein Sohn Cristiano Junior, der am Samstag sieben Jahre alt wird, soll auch dieser Nachwuchs von einer Leihmutter ausgetragen worden sein. Diesmal hat Ronaldo sogar Zwillinge gezeugt, und die Presse will bereits erfahren haben, wie sie heißen: Eva und Mateo, der Junge also kurioserweise genauso wie der zweite Sohn seines großen Rivalen Lionel Messi.

Die fehlende Steuer-Summe beträgt fast 15 Millionen Euro

Mit dem teilt er ja sowieso eine Menge. Die Jagd nach Rekorden – und seit Dienstag auch ein offizielles Steuerverfahren. Die Wirtschaftsabteilung der Staatsanwaltschaft Madrid erstattete wegen vier Delikten aus den Jahren 2011 bis 2014 eine entsprechende Anzeige beim zuständigen Gericht. Danach soll der 32-Jährige „willentlich“ und „wissentlich“ 14 768 987,40 Euro an Steuern hinterzogen haben.

Der fragliche Gesamtbetrag ist rund dreieinhalb Mal so hoch wie die 4,1 Millionen Euro, wegen denen Messi zu 21 Monaten Haft (auf Bewährung) bestraft und von der Anklage während des Prozesses als „Capo einer mafiösen Struktur“ bezeichnet wurde. Das Oberste Gericht Spaniens hatte das Urteil erst vor wenigen Wochen bestätigt – und die Staatsanwälte im Ronaldo-Verfahren berufen sich nun explizit auf „die jüngste Rechtsprechung“. Danach liege Steuerbetrug vor, wenn eine inaktive Scheinfirma im Ausland dazu genutzt werde, Einnahmen zu vertuschen.

Ronaldo soll seine Bildrechte an eine Firma auf den Virgin Islands abgetreten haben, deren einziger Gesellschafter er selbst war. Diese wiederum habe die Vermarktung der Rechte an ein anderes Unternehmen in Irland abgetreten. Laut Staatsanwaltschaft sei diese Struktur „vollkommen unnötig“ gewesen und habe „dem einzigen Ziel gedient, einen Vorhang aufzuhängen, um der Steuerbehörde den Gesamtwert der erzielten Einkünfte des Angezeigten aus Bildrechten zu verbergen.“

Steuerhinterziehung ist auch in Spanien längst kein Kavaliersdelikt mehr

Wie die Ermittler betonen, ist das Verfahren in einem breiteren juristischen Kontext zu sehen, der auch mit einem veränderten gesellschaftlichen Klima zusammenhängt. Seit der Wirtschaftskrise bringt die Bevölkerung zunehmend weniger Verständnis für das Gebaren ihrer Eliten auf. Was früher oft noch als Kavaliersdelikt hingenommen werden mochte, wird nun ernsthafter missbilligt. Am Dienstag musste sich Ministerpräsident Mariano Rajoy wegen der grassierenden Korruption im spanischen Kongress einem Misstrauensvotum der linken Oppositionspartei Podemos stellen.

Nicht erst jetzt gilt Real Madrid als Habitat dieses Establishments. In der Ehrenloge des Estadio Santiago Bernabéu geben sich die Reichen die Klinke in die Hand. Auf dem Platz wiederum ist Ronaldo das kickende Symbol des Vereins und seiner Erfolge, seiner Grandezza wie seiner Arroganz. Während die Presse in der Hauptstadt nun prominent, aber eher nüchtern die Neuigkeiten im Falle Ronaldos vermeldete, war die Berichterstattung in Katalonien geradezu triumphal. Dort sahen weite Kreise den Prozess gegen Messi als Schauspiel, um den bis vor kurzem sportlich dominanten FC Barcelona zu schwächen, und spekulierten bis zuletzt, dass Ronaldo wegen des Einflusses von Real-Präsident Florentino Pérez in Politik- und Justizkreisen verschont bleiben würde. Danach sieht es nun nicht mehr aus – auch wenn das Gericht das Verfahren natürlich erst noch einleiten muss.

Ronaldo steht sinnbildhaft für die entrückte Kickerbranche

„Ich werde wie ein Verbrecher behandelt“, klagte Ronaldo kürzlich in einem Rundumschlag gegen seine Kritiker. Anders als Messi könnte er sogar tatsächlich ins Gefängnis wandern. Der Argentinier wurde für jedes seiner drei Delikte (2007 bis 2009) mit je sieben Monaten Haft bestraft, was die Gesamtdauer von 21 Monaten erklärt. Bei identischer Mathematik des Gerichts würde allein das für Ronaldo wegen vier betrügerischer Steuererklärungen eine Strafe von 28 Monaten bedeuten. Und nur Haftstrafen von bis zu zwei Jahren können in Spanien zur Bewährung ausgesetzt werden. Das Interesse dürfte das an dem Verfahren gegen den Argentinier noch übertreffen. Keiner steht so stellvertretend für die scheinbar entrückte Kickerbranche mit ihren immer opulenteren Reichtümern. 83 Millionen Euro soll Ronaldo allein letztes Jahr verdient haben.

Kürzlich beim Champions-League-Finale in Cardiff lobte sein Trainer Zinédine Zidane noch die Vorbildwirkung seines Stürmers: „Auf dem Platz ist er ein geborener Leader, daneben ein guter Mensch, der sich um alle kümmert“.

Im Falle eines Steuerprozesses wird Ronaldo nichts verstecken können. Schon bei Messi wollte das Gericht letztlich nichts von der Schutzbehauptung wissen, „um die Kohle kümmert sich mein Vater“. Ronaldo steht diese Verteidigungsstrategie erst recht nicht offen. „Viele Fußballer wissen nicht, was sie nach ihrem Karriereende machen wollen“, sagte der Starkicker vor ein paar Jahren. „Ich schon: Ich will meine Marke managen.“

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