Kilian Krapp und Katja Thieß wollen gemeinsam mit ihren Mit-Gründern von Aquaaware mit innovativen Messmethoden die Analyse von Trinkwasser zugänglicher machen. Foto: /Stefanie Schlecht

Das Start-up Aquaaware hat in Böblingens KI-Schmiede AI xpress eine neuartige Testmethode für die Qualität von Trinkwasser entwickelt. Mit ihrer Geschäftsidee wollen die Jungunternehmer die Welt für alle Menschen ein bisschen besser machen.

Im August 2023 schrillte ein Alarm auf Smartphones in Böblingen und Dagersheim: Die Notfall-Apps warnten vor einer Verunreinigung des Trinkwassers mit coliformen Bakterien. In einigen Stadtteilen galt tagelang ein Abkochgebot. Erst vor einem Monat gaben Feuerwehr und Verwaltung in Rohrau Warnmeldungen aus, weil dort wegen einer beschädigten Leitung kurzfristig die Trinkwasserversorgung unterbrochen war.

 

Beides dürften die vier Mitglieder des Start-ups Aquaaware sehr aufmerksam verfolgt haben. Denn genau für solche Fälle haben sie mit Unterstützung des Böblinger KI-Zentrums AI xpress eine schnelle und intelligente Testmethode entwickelt, die hierzulande schon bald zu einem alltäglichen Haushaltsgegenstand werden und in Entwicklungsländern sogar Leben retten könnte. Es handelt sich dabei um einen handlichen Teststift, den man ins Wasser halten kann und der dann in Echtzeit per Smartphone-App die Wasserqualität anzeigt.

Entstanden ist diese Idee in einem Umfeld, das ein wenig an die Comedy-Serie „The Big Bang Theory“ erinnert: Maschinenbauerin und Physikerin Katja Thieß, Chemiker Kilian Krapp und die IT- und KI-Spezialistin Hannah Zink leben in Stuttgart in einer WG zusammen. Gemeinsam mit der Physikerin Meriem Mavlutova teilen sie eine große Leidenschaft für Naturwissenschaft, Zahlen und Technik. Hinzu kommt bei allen ein starkes Umweltbewusstsein und der Wunsch, die Welt ein bisschen besser zu machen.

Nerd-WG spinnt sich eigene „Big-Blubb-Theorie“ zusammen

Genau wie in der TV-Serie hängen die vier jungen Menschen oft und gerne miteinander herum. Dabei haben sie sich vor mittlerweile rund einem Jahr ihre eigene Big-Bang-Theorie zusammengesponnen – oder wenn man so will: ihre „Big-Blubb-Theorie“.

Bei einem dieser Brainstormings fassten die vier den Entschluss, ihre jeweilige Fachkompetenz in einem gemeinsamen Projekt zusammenzuführen und ein eigenes Unternehmen zu gründen. „Uns hat nur immer dieser Anstoß gefehlt“, sagt Katja Thieß. Die 25-Jährige arbeitet bei Porsche im Bereich Technologieentwicklung in Zuffenhausen. Parallel dazu absolviert sie ein Zweitstudium in Physik an der Uni Stuttgart. Auf einer Dienstreise habe sie sich mit einem Porsche-Kollegen unterhalten, der bereits Erfahrung als Selbstständiger gesammelt habe. „Von ihm habe ich gelernt, dass es gar nicht so schwer ist, sich selbstständig zu machen und dass man als Gründer viel Hilfe und Support bekommen kann“, erzählt sie.

Jungunternehmer wollten in Richtung Umweltanalyse gehen

Das Gespräch mit dem Kollegen machte ihr Mut und gab so den Anstoß für die Entstehung von Aquaaware. Der Name des Start-ups spielt mit den Begriffen Wasser und Bewusstsein. Genau darum geht es den vier jungen Gründern auch: „Wir waren uns einig, dass wir in die Richtung Umweltanalyse und Umweltbewusstsein gehen wollen“, erzählt Kilian Krapp. Der 20-jährige Chemiker studiert ebenfalls an der Uni Stuttgart. „Also haben wir uns überlegt, welche Umweltparameter man testen kann.“ Wasser erschien dabei besonders geeignet.

Warum eigentlich? „Klar, hier in Deutschland haben wir relativ gutes und kontrolliertes Wasser“, sagt Katja Thieß. „Trotzdem kaufen viele Leute Filtersysteme“. Man würde ja einfach auch gerne wissen, was man trinkt – und zwar möglichst ohne dafür Proben an ein Labor schicken zu müssen oder auf Teststreifen zu vertrauen, die nur auf bestimmte Stoffe reagieren.

Trinkwasserverunreinigung in Böblingen als mahnendes Beispiel

„Auch das Thema Wasserknappheit wird in Deutschland nicht mehr lange auf sich warten lassen“, sagt Kilian Krapp. Gerade ein Vorfall wie die Trinkwasserverunreinigung im Sommer 2023 in Böblingen habe zuletzt gezeigt, wie schnell es hierzulande zu Problemen kommen kann.

Aber während man in den meisten Industrieländern sauberes Trinkwasser als Selbstverständlichkeit wahrnimmt, sind viele Entwicklungsländer weit davon entfernt. Aus diesem Grund haben Kilian Krapp, Katja Thieß, Meriem Mavlutova und Hannah Zink sich ein hehres Ziel gesteckt. Unter dem Motto „buy one, donate one“ (kaufe eins, spende eins), soll für jedes verkaufte Testgerät ein weiteres kostenlos an Hilfsorganisationen in der Dritten Welt gehen.

Bis es so weit ist, kann es aber noch einige Zeit dauern. Im Moment befindet sich Aquaaware noch in der Entwicklungsphase. Bei der Produktpräsentation präsentieren die jungen Wissenschaftler einen Prototypen, der ein wenig wie das Kinderlernspielzeug Tiptoi aussieht. In dem Gerät steckt die Expertise aller vier Mitwirkenden.

Künstliche Intelligenz hilft bei der Analyse

Softwareentwicklerin Hannah Zink kam etwa die Aufgabe zu, die eingesetzte Künstliche Intelligenz zu trainieren, indem sie das Programm mit unzähligen Daten fütterte. Auf diese Weise soll das Messgerät in der Lage sein, viele unterschiedliche Parameter zu messen und dabei Zusammenhänge zu erkennen, die bei herkömmlichen Messmethoden vielleicht gar nicht auffallen würden.

Bei Katja Thieß, die nach eigen Worten „schon immer tiefer gehen wollte, um Umwelt und Natur besser zu verstehen“, kombiniert ihre Kenntnisse in Umweltphysik und Maschinenbau, um am 3D-Drucker einen Prototypen herzustellen. Die Kosten für so ein Messgerät bewegen sich derzeit noch bei rund 1000 Euro, aber bei entsprechender Massenproduktion sollte sich der Preis deutlich senken, vermutet die 25-Jährige.

Pitch fürs Bildungsministerium erweist sich als großer Wurf

Damit dies gelingt, hat sich das junge Start-up in teils recht mühseligen Bewerbungsverfahren Unterstützung aus verschiedenen Fördertöpfen geholt – darunter das „Startup xpress Accelerator Programm“ im Böblinger AI xpress, wo Mit-Initiator und Compart-Gründer Harald Grumser die Nachwuchsunternehmer an die Hand nahm und ihnen wichtige Kontakte vermittelte – darunter ans Fraunhofer-Institut. Für ihren „Pitch“, wie eine Produktvorstellung im modernen Unternehmersprech heißt, erhielten sie als Sieger des Förderprogramms zuletzt ein Preisgeld von 5000 Euro.

Kurz darauf, Mitte Februar dieses Jahres, überzeugte das junge Team erneut bei einem solchen Pitch in Freiburg im Rahmen des DATIpilot-Förderprogramms des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Dass die Mitglieder der Stuttgarter Nerd-WG dabei aussehen, als hätten sie eben erst ihr Abitur gemacht, störte dabei offenbar niemanden. Im Gegenteil: „Wow, die jungen Leute können richtig gut pitchen“, habe eine der gestandenen Wissenschaftlerinnen im Zuschauerraum ihnen attestiert.

Mit etwas Glück war genau dieser Pitch der große Wurf für Aquaaware, denn das BMBF fördert das Start-up jetzt mit einer Summe von 220 000 Euro.

Böblingen als KI-Standort

Starthilfe für Start-ups
 Der AI xpress ist eine Initiative des Softwarezentrums Böblingen/Sindelfingen (SBS). Das Gebäude steht im Röhrer Weg 8 in den ehemaligen Hallen der Firma Eisenmann. Wie das SBS stellt auch AI xpress Gründern in Böblingen günstige Büroflächen zur Verfügung – in diesem Fall vor allem Start-ups mit Schwerpunkt auf Künstlicher Intelligenz.

Platzbedarf
Im AI xpress stößt man zumindest bei der Produktionsfläche allmählich an die Kapazitätsgrenze. Auf dem SBS-Areal soll mit AI Transorm ein weiteres KI-Zentrum entstehen. Der Verband Region Stuttgart fördert das Projekt mit fünf Millionen Euro.