Das Rad „Charlotte“, benannt nach Schillers Ehefrau, ist in Marbach im Einsatz. Zur Premiere diente es als Hochzeitsrad. Foto: Archiv (Werner Kuhnle)

Schon im nächsten Jahr könnten die neuartigen Transportmittel zunächst probeweise durch drei Stadtteile rollen. Das Konzept soll bis September stehen. Bis dahin sind einige Fragen zu klären.

Ludwigsburg - Eine weitere grüne Alternative im Straßenverkehr schaffen – das möchte die Stadtverwaltung Ludwigsburg mit Lastenrädern. Die elektrobetriebenen Räder dienen dem Transport und könnten etwa beim Einkauf das Auto ersetzen. Da sich Lastenräder im privaten Bereich nicht zuletzt wegen der im vierstelligen Bereich liegenden Anschaffungskosten bislang nicht etabliert haben, soll jetzt ein Mietsystem die Möglichkeit zur Nutzung bieten.

 

Das Projekt befindet sich in der Planungsphase, das Konzept soll im September stehen. Der Start ist auch wegen der Lieferzeiten frühestens im Frühjahr 2023 möglich. Angedacht ist, das Mietsystem erst mal in drei Stadtteilen zu testen: in der Oststadt, in Oßweil und in Neckarweihingen. „Wegen der Einwohnerdichte und der Fahrradaffinität bietet sich das dort an“, sagt Julian Pfersich, der mit der Studentin Eda Arslan die Planung vorantreibt. Am Donnerstag stellten sie das Vorhaben dem Ausschuss für Mobilität und Umwelt des Gemeinderats vor. Pfersich zur Grundmotivation: „Wenn wir wollen, dass diese Art der Fortbewegung in fünf Jahren angenommen wird, müssen wir die Leute heute schon heranführen.“

Mikro-Garagen für Fahrräder sind vorgesehen

Verbunden wäre das Mietsystem mit dem Aufbau von Mikro-Garagen für bis zu zehn Räder. Schließlich brauchen gerade Lastenräder ausreichend Abstellfläche. Konzipiert werden sollen die Garagen so, dass auch Anwohner sie mieten können. Auch für E-Bikes. Das würde manchem das Tragen der schweren Pedelecs in den Keller ersparen und einen Kaufanreiz schaffen. „Und die Garage schützt vor Vandalismus und könnte mit einer Ladestation versehen werden“, sagt Pfersich. Wo die Boxen platziert werden, die gesamt etwa so groß wie ein Autostellplatz sind, darüber werden sich die Planer mit den Stadtteilausschüssen austauschen.

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Dem Vorhaben zugute kommen die in Aussicht stehenden Fördermittel. „Wir wollen so wenig städtisches Geld wie möglich ausgeben“, sagt Matthias Knobloch, Fachbereichsleiter für Nachhaltige Mobilität. Zusätzlich begebe man sich auf Sponsorensuche. Den Nutzern wolle man das Angebot dann „nicht hinterherschmeißen, aber einen annehmbaren Preis“ erreichen. Preise seien aber noch nicht diskutiert worden, sagt Knobloch. Es gäbe verschiedene Modelle. Hierüber wird erst das spätere Konzept Auskunft geben. Das Projekt sei ohne Anschubfinanzierung aber nicht finanzierbar, betont Bürgermeister Sebastian Mannl.

Ist der Verleih wirklich Stadtaufgabe?

Der Idee zeigen sich die meisten Räte aufgeschlossen gegenüber. Jürgen Müller (Linke) lobte, dass die Stadt vorausdenkt und bei der Mobilitätswende neue Ansätze sucht. Neben dem Lob fast aller Fraktionen für die grundsätzliche Idee kamen aber auch Kritik und Befürchtungen zur Sprache. „Hoffentlich wird es kein finanzielles Desaster, wenn niemand die Räder nutzt“, merkte SPD-Rat Nathanael Maier an. Und für Andreas Rothacker (Freie Wähler) ist es „nicht Aufgabe der Stadt“, Räder zu vermieten, weil sich das privat niemand leisten könne. „Das ist nicht nachvollziehbar.“ Mit dem Verleih komme auf die Stadt auch ein „ganzer Batzen“ an Zusatzaufwand zu. Und die Räder von RegioRad sehe er immer nur herumstehen.

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Ein Punkt, den auch Stefanie Knecht von der FDP anmerkte. Und sie sieht Konfliktpotenzial: „Was, wenn die Lastenräder bei den Einzelhändlern vor den Schaufenstern stehen?“ Wie CDU-Rat Klaus Hermann würde sie es als eine richtige Reihenfolge ansehen, erst die Infrastruktur zu schaffen, bevor es an die Lastenräder geht. „Das Geld sollten wir erst mal in die Radwege stecken.“ Bis dahin sollte keine städtische Arbeitskraft mehr in den Bereich Lastenräder fließen.

Regeln und Baurecht sind neu zu definieren

Und wie wird sich das Lastenrad ins Stadtbild einfügen? Ebenfalls eine heiß diskutierte Frage. Jochen Zeltwanger (Freie Wähler) fordert, dass klar definiert wird, wo die Räder fahren dürfen. Auch im Fußgängerbereich? Matthias Knobloch weiß um das Problem. „Bislang ist es so, dass die Lastenräder überall fahren dürfen, wo es normale Räder dürfen.“ Perspektivisch werde man die Frage aber neu beantworten müssen. „Auch beim Städtetag oder beim Gesetzgeber.“

Und dann ist da noch das Baurecht für die Mikro-Garagen. Jochen Zeltwanger pocht darauf, dass es hier keinen Unterschied zwischen Stadt und Bürgern geben darf. „Wir sollten nicht Garagen bauen dürfen, wenn es der Bürger in seinem Vorgarten nicht darf.“ Bürgermeister Mannl ist offen für Lösungen. Man wolle ja erreichen, dass diejenigen, die sowieso ein solches Rad kaufen wollen, das auch können. Grünen-Stadträtin Christine Knoß sieht in den bislang fehlenden Garagen tatsächlich ein Hindernisgrund für den Kauf von E-Bikes. „Und in der Weststadt werden Räder an Bäume angeschlossen.“ Sie bat deshalb darum, in den Stadtteilen gleich auch den Bedarf von Anlehnbügel abzufragen.

Das Lastenrad „Charlotte“ in Marbach

Ehrenamt
Eine Anschubfinanzierung für ein Lastenrad-Verleih leistete die Stadt Marbach. Sie kaufte 2020 ein Rad, das durch die Initiative Lastenrad tageweise verliehen wird. Das Land übernahm 30 Prozent des Kaufpreises. „Die Stadt hat damit nichts mehr zu tun, außer dass das Geld auf ihr Konto fließt, was sie uns weiterleitet“, sagt Projektleiter Andreas Sieber. Das ist vor allem Spendengeld, mit dem der Unterhalt finanziert wird – das Ausleihen ist kostenlos. Die Haftung geht an den Nutzer über. Bei einem Unfall zahle die Haftpflicht, so Sieber. Beschädigt man das Rad, müsse man zahlen. Die Initiative repariert aber auch viel in Eigenarbeit

Bilanz
Das Rad ist an rund 100 Tagen im Jahr vermietet. Viele Nutzer lernten so das Fahren eines Lastenrads kennen. „Ein Gastwirt hat sich dann eines gekauft“, sagt Sieber. Die Hoffnung, dass der Handel gestärkt wird, weil die Läden als Verleihstation fungieren hätten können, erfüllte sich nicht. Es gab kaum Resonanz.