Die Mittelstufe verdient zum Schulstart einen belastbaren Plan für die Rückkehr in die Klassen, sagt unsere Autorin. Doch der liegt nicht vor. Wird der Schulstart wieder zum schleichenden Beginn der Sommerferien?
Stuttgart - Viele Schüler erleben gerade ein Déjà-vu: Genau wie im vergangenen Jahr könnte sich der Schulstart nach den Osterferien wieder als schleichender Beginn der Sommerferien entpuppen. Zur Erinnerung: Von Mitte März 2020 bis Ende Juli 2020 sind viele Kinder und Jugendlichen im Südwesten nur noch rund 20 Tage in die Schule gegangen. Und auch nach den Sommerferien waren sie nur 62 Tage im Klassenzimmer, bis sie wieder daheim vor den Computer lernen mussten. Rund 80 Schultage in Präsens haben diese Kinder also seit dem ersten Lockdown in der Schule verbracht.
Schüleraustausch und Praktika ersatzlos gestrichen
Die Rede ist von den Schülern der Mittelstufe, die keinen Abschluss machen. 12 bis 16 Jahre alt sind die meisten. Zu alt, um betreut werden zu müssen und zu jung, um tagelang allein im Zimmer hinter dem Rechner zu verschwinden. Sie sind Teenager, die ihre Identität ausprägen, und denen dafür seit Monaten nicht viel zur Verfügung steht. Statt sich abzunabeln, Freunde zu treffen oder die erste Liebe auf einer Klassenfahrt oder einem Schüleraustausch zu erleben, verbringen sie dank Homeschooling und Homeoffice so viel Zeit mit ihren Eltern, wie es Teenagern keinesfalls guttun kann.
Sport im Verein, Sozial- und Schnupperpraktika oder Ferienfreizeiten? Alles gestrichen, ersatzlos! Was ihnen bleibt, sind oft langweilige Tage am Schreibtisch vor dem Computer und einem stummgeschalteten Mikrofon. Das soziale Highlight in diesen virtuellen Klassenzimmern, ist der parallel laufende Whatsapp-Chat und ein Lehrer, der die Kamera anmacht.
Was diese Kinder und Jugendlichen seit langer Zeit erleben, verstößt eigentlich fast schon gegen das Kinderrecht auf Bildung – auch wenn der Fernunterricht an vielen Schulen inzwischen gut funktioniert. Bildung soll laut der UN-Kinderrechtskonvention darauf gerichtet sein, die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen. Das kann auch der beste Fernunterricht nicht erreichen, wenn er für Teenager zu Dauereinrichtung wird.
Keiner beschwert sich
Laut beschwert hat sich diese Gruppe seit Beginn der Pandemie nie. Im Gegenteil viele der 12 bis 16-Jährigen haben versucht, sich an die Coronaregeln zu halten, allein aus Liebe zu ihren Großeltern. Richtig ausschweifende Geheimpartys bekommen die meisten Jugendlichen unter 16 auch nicht organisiert. Und da, ihre Eltern durch die Schulschließungen nicht in akute Betreuungsprobleme gerieten, gingen auch die nicht auf die Barrikaden. Über Kitakinder, Grundschüler, Fünftklässler und Abiturienten wurde zu Recht viel diskutiert. Die Mittelstufe wurde von der Politik in den vergangenen zwölf Monaten vergessen.
Erst seit ein paar Wochen wird sie in Debatten über Schulöffnungen wieder erwähnt. Eine Rückkehr in einen normalen Schulalltag lassen die Infektionszahlen nicht zu. Das Risiko für die Gesundheit, übrigens auch ein Kinderrecht, wäre zu groß. Doch was diese Schüler, die ihre Alltagsstrukturen verloren haben, erwarten dürfen, sind Politiker, die einen belastbaren Plan vorlegen, wie ein so gut wie möglich abgesicherter Wechselunterricht wieder dauerhaft annähernd Routine in ein Teenagerleben bringen könnte. Doch ob, und vor allem wie lange das gelingen wird, wenn ab einer Sieben-Tage-Inzidenz, die knapp unter 100 liegt, nun wieder getestete mit ungetesteten Kinder in einer Klasse sitzen, ist sehr fraglich.
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Jugendliche sollen sich in der Mittelstufe laut Lehrplan ihrer Rechte und Pflichten bewusst werden, ihre eigene Interessen vertreten können und selbstständig denkende, rational urteilende und sozial verantwortlich handelnde Staatsbürgerinnen und Staatsbürger werden. Wer diese Altersgruppe vergisst, läuft Gefahr, ihren Start in die Demokratie gründlich zu vergeigen und einige davon ganz zu verlieren.
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