Eine Marbacher Delegation schlendert mit türkischen Gastgebern durch die Altstadt von Tirebolu. Foto: privat

Die Beziehungen Marbachs zum türkischen Tirebolu seien unabhängig vom Ergebnis des Referendums, sagen die Verwaltung und die Vorsitzende des Partnerschaftsausschusses. Aber nun seien die Freunde von dort am Zug.

Marbach - Das Band der Freundschaft zwischen Marbach und dem türkischen Tirebolu ist seit 2011 lose geknüpft. Ute Rößner, die Vorsitzende des Partnerschaftsausschusses der Stadt Marbach, weiß, dass der Weg hin zu einer richtigen Städtepartnerschaft mitunter steinig sein kann. „Dazu braucht es den Rückhalt aus der Bevölkerung und des Gemeinderates.“ Das Ergebnis des Referendums, bei dem die Türkei am Sonntag mit knapper Mehrheit für die umstrittene Verfassungsänderung und damit für mehr Macht des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan gestimmt hat, dürfte wohl nicht dazu beitragen, dass es künftig einfacher wird.

Das Abstimmungsverhalten der in Deutschland lebenden Türken beim Referendum habe sie traurig gestimmt, sagt Ute Rößner. Mehr als 60 Prozent von ihnen „genießen hier das Leben in einer Demokratie und wählen dann eine Autokratie für ihre erste Heimat“. Aber auch in den größeren anatolischen Verwaltungseinheiten Giresun und Trabzon – beides liegt nahe bei Tirebolu – haben sich mehr als 60 Prozent für das Erdogan-Lager ausgesprochen.

Sie selbst will nicht in die Türkei reisen

Wie sich dieses Votum auf die Freundschaft zwischen Marbach und Tirebolu auswirke, könne man zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch nicht vorhersehen. „Ich wünsche mir, dass es positiv weitergeht, aber der Ball liegt jetzt zuerst einmal bei unseren türkischen Freunden“, so Rößner. Damit spielt sie darauf an, dass seit 2011 bereits zwei Mal eine Delegation aus Marbach die rund 2900 Kilometer lange Reise an die Schwarzmeerküste angetreten hat, während die türkischen Gäste bislang ein Mal in Marbach gewesen sind. Dieses Jahr soll der zweite Gegenbesuch folgen. Bisher waren jeweils Anhänger beider Lager, Gegner und Befürworter der Verfassungsänderung, an den Treffen beteiligt. „Ich bin gespannt, ob wir tatsächlich all diejenigen wiedersehen werden, mit denen wir schon ganz tolle Freundschaften geschlossen haben.“ Sicher ist sich Ute Rößner aber nicht.

Unumwunden gibt die Vorsitzende zu, derzeit selbst nicht in die Türkei – ein Land, das möglicherweise die Todesstrafe wieder einführe – reisen zu wollen. „Ich hätte dabei ein beklemmendes Gefühl“, sagt Rößner. „Dort muss erst wieder Ruhe einkehren.“

Zum gelassenen Abwarten rät Cevat Öksüz, Vorsitzender des türkischen Kulturvereins Karadeniz Giresunlular, der unter anderem durch jährliche Feierlichkeiten in Erdmannhausen in der Region bekannt geworden ist. „Da wird gerade vieles hochgekocht“, meint er. Doch am Ende werde die schon lange währende Freundschaft zwischen Deutschland und der Türkei an der Wahl des Präsidialsystems keinen Schaden nehmen. „Meiner Meinung nach wird sich dadurch nichts ändern“, sagt er.

Verwaltung will nicht im Weg stehen

Auch wenn sich die Mitglieder des Vereins in ihren persönlichen Ansichten zum Referendum nicht einig wären, „sind wir doch ein Kulturverein, der nichts mit Politik zu tun hat“, betont Öksüz. Ihm läge es am Herzen, die Freundschaft zwischen Marbach und Tirebolu weiter zu intensivieren. „Wenn wir dazu beitragen können, wäre das eine große Ehre für uns“, sagt der Vorsitzende.

Nicht im Wege stehen wird dabei die Marbacher Verwaltung. „Von unserer Seite hat sich durch das Referendum nichts geändert“, sagt Thomas Storkenmaier, der unter anderem für Städtepartnerschaften zuständige Hauptamtsleiter. Im Gegenteil: Solche Freundschaften dienten ja auch dazu, dass die Bürger untereinander Kontakte knüpfen könnten. „Wenn die große Politik nicht mehr miteinander kann, müssen wir eben auf unterer Ebene dafür Sorge tragen, dass es funktioniert“, fasst er seine Haltung zu Partnerschaften zusammen.

Allerdings könne auch er nicht sagen, wie sich die Freundschaft entwickelt. „Im Weihnachtsbrief des letzten Jahres haben wir die Einladung für dieses Jahr ausgesprochen“, sagt Storkenmaier. Damit sei nun Tirebolu an der Reihe, ein Zeichen zu setzen. „Es hängt davon ab, welches Interesse von dortiger Seite an der Freundschaft besteht.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: