Im Rechtsstreit mit ihrer früheren Vertriebsmanagerin müssen die Stadtwerke Schorndorf über den eigenen Schatten springen. Von fachlichen Mängeln kann offenbar keine Rede sein.
Am Ende ging es nicht mehr um die emotionalen Wunden eines reichlich zerrütteten Arbeitsverhältnisses. Es ging auch nicht mehr um einen untätigen Betriebsrat und angebliche Zweifel an der fachlichen Kompetenz. Am Ende ging es im Prozess der früheren Vertriebsmanagerin Silke Brand-Müller gegen die Stadtwerke Schorndorf vor dem Stuttgarter Arbeitsgericht nur noch um die Höhe der Abfindung.
150 000 Euro hatten die gekündigte Stromverkäuferin und ihre Esslinger Rechtsanwältin am Mittwoch als Summe in den Raum gestellt, über den Daumen gepeilte 75 000 Euro brachte Richter Ulrich Lips als Kompromissvorschlag ins Gespräch, um den seit Sommer 2021 schwelenden Rechtsstreit über die Bühne zu bringen.
Vor Gericht wurde sogar über die Note fürs Arbeitszeugnis verhandelt
Diesem Vergleich stimmten sowohl die geschasste Vertriebsfrau als auch Stadtwerke-Geschäftsführer Daniel Beutel zu – nicht ohne auch noch über die Konditionen fürs Arbeitszeugnis zu verhandeln. Vereinbart wurde letztlich, dass es neben dem goldenen Handschlag auch noch eine Beurteilung mit der Note 2+ gibt. Vorformuliert übrigens wird das Schriftstück von der Rechtsanwältin der gefeuerten Schorndorferin – vielleicht war es ganz gut, dass schon coronabedingt keine Schulklasse die Verhandlung in Stuttgart verfolgte.
Dass die Stadtwerke Schorndorf mit dem Vergleich doch deutlich über ihre finanzielle Schmerzgrenze gehen mussten, liegt an einem eher peinlichen Verfahrensfehler. Die Kündigung in die Hand gedrückt bekommen hatte Silke Brand-Müller nämlich, ohne dass eine Stellungnahme des Betriebsrats vorgelegen hätte. Der war zwar über die geplante Personalentscheidung der Rathaus-Tochter informiert worden, hatte sich aber offenbar nicht gerührt. Abgelaufen war die Frist für eine Stellungnahme allerdings keineswegs. „Wir denken, dass zu früh gekündigt wurde“, tat Arbeitsrichter Ulrich Lips am Mittwoch als juristische Vorab-Einschätzung kund – und empfahl den Stadtwerken dringend, bei der Abfindungsfrage vielleicht doch noch über den eigenen Schatten zu springen.
Eine Terminpanne ist „vielleicht nicht die einzige Lücke“ in dem Fall
Dass das Arbeitsgericht die Termin-Panne auch noch als „vielleicht nicht einzige Lücke in dem Fall“ bezeichnet, machte auf die Vertreter des Energieversorgers durchaus Eindruck. Weil die Stadtwerke dem Vergleich zustimmten, wurden die eigentlichen Hintergründe für die Entlassung nur noch am Rande erwähnt, aber nicht mehr ausführlich aufgearbeitet. Das ist nicht unbedingt im Sinne von Silke Brand-Müller, die sich als Bauernopfer sieht und von der Verhandlung vor dem Arbeitsgericht nicht zuletzt eine Richtigstellung erhofft hatte. Gekündigt worden war die Führungskraft nämlich wegen „unbehebbarer fachlicher Mängel“, eine nach den Querelen um den einstigen Geschäftsführer eingesetzte Unternehmensberatung habe neben gravierenden Kompetenzlücken auch das Fehlen einer strategischer Planung beklagt.
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Dass das so nicht stimmen kann, liegt für Brand-Müller auf der Hand – schließlich hätten die Gutachter ihr und ihrem Team in einem ersten Zwischenbericht noch ein ausgesprochen gutes Zeugnis ausgestellt. Gegen die Zweifel an der Kompetenz spricht auch, dass die Vertriebsfrau immerhin seit 2014 für die Stadtwerke Schorndorf tätig war – fachliche Mängel hätten wohl bereits viel früher auffallen müssen. Übrigens haben auch die Stadtwerke in Kirchheim unter Teck keinerlei Bedenken wegen der angeblich fehlenden Qualifikation – und die Schorndorferin deshalb auch mit dem Aufbau ihres eigenen Stromvertriebs betraut.
Von fachlichen Mängeln war erst nach sieben Jahren die Rede
Wahrscheinlicher als fachliche Mängel ist deshalb die Vermutung, dass der eigentliche Kündigungsgrund im Wunsch liegt, bei den Schorndorfer Stadtwerken einen sauberen Schnitt zu machen – und der zum Sorgenkind gewordenen Rathaustochter mit einem Komplettaustausch der Führungsebene den Weg in eine bessere Zukunft zu ebnen.
Tatsächlich hat sich das Personalkarussell seit 2020 rasant gedreht, gleich mehrere Spitzenkräfte wurden erst eingekauft und teilweise noch in der Probezeit wieder vom Hof gejagt. Bis Mitte April könnten die Stadtwerke dem Vergleich mit Silke Brand-Müller übrigens theoretisch noch widersprechen – dass in Schorndorf diese Option auch gezogen wird, ist mit Blick auf die Vorgeschichte und das mutmaßliche Urteil allerdings nicht wirklich zu erwarten.
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