Seite 2Stadtmuseum Cannstatt Eingang in die Literatur

Von Andrea Jenewein 

Die Familie Lindauer hatte mit ihrer Cannstatter Firma nach 1883 einen wesentlichen Teil der deutschen Korsettwarengeschichte mitgeschrieben und mitbestimmt – von 1914 an prägten sie auch die Geschichte des BHs. Zum geschützten Markenname Prima Donna für die Korsetts kam der Name Hautana für die BHs dazu – und dieser entwickelte sich bald zum Oberbegriff für Büstenhalter.

Selbst in die Literatur fand er Eingang: Otto Reutter schrieb um 1928 in „Der fliegende Warenhändler“ folgende frivole Gedichtzeilen: „Komm‘n Damen mal in ein gewisses Alter, Ihr „Busenfreund“ ist dann ein Büstenhalter. Erst war‘n sie platt – dann half Hautana ihnen – und neues Leben blüht aus den Ruinen.“

Noch im Jahr 1960 schrieb Arno Schmidt in der Glosse „Was soll ich tun?“: „Es gibt ja Autoren, die einen Hautana mit Inhalt dergestalt zu beschreiben verstehen, dass selbst graubärtige Prokuristen toll werden.“

Miederwäscheindustrie von großer Bedeutung

Siegmund Lindauer selbst war zwar kein begnadeter Literat, aber ein guter Werber: Es lässt sich zwar nicht mit Sicherheit belegen, dass der Satz „Was der Leuchtturm für die Küste, ist Hautana für die Brüste“ tatsächlich einer seiner Werbeslogans war. Aber Sätze wie „Natur und Hautana – zwei große Künstler“ stammen aus seiner Zeit als Firmenchef. Er schaltete in allen nur erdenklichen Zeitschriften Anzeigen – sogar in der „Lüderitzbuchter Zeitung“, die in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika (später Namibia) verlegt wurde. Auf diese Weise vermarktete Lindauer seine Produktion weltweit.

Die Ausstellung beschreibt anschaulich die Geschichte der Cannstatter Firma, die im Dritten Reich von der Arisierung bedroht war und die erst 1990 endete. Ein kleiner Ausflug über die Lindauer Firmengrenzen hinaus zeigt, dass in Stuttgart und der Region die Miederwäscheindustrie generell von großer Bedeutung war. Rund 15 Firmen waren dort angesiedelt, der Industriezweig war einer der größten Arbeitgeber. Im 19. Jahrhundert gab es Jahre, in denen aus der Region eine Millionen Korsetts exportiert wurden.

Die wahre Erfolgsgeschichte aber wurde bei Lindauer in Bad Cannstatt geschrieben. Oder, um es mit Thaddäus Troll zu sagen: „Wia s Auto erfonda ond Hautana ghoißa , en meim Cannschtatt , dem wo sei Wurmfortsatz Schtuagert hoißt“.

Die Ausstellung „Prima Donna“ ist bis zum 8. Juli im Stadtmuseum Bad Cannstatt („Klösterle“-Scheuer), Marktstraße 71/1, zu sehen. Öffnungszeiten: mittwochs von 14 bis 16 Uhr, samstags 10 bis 13 Uhr und sonntags 12 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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