Immer mehr Waschbären bevölkern Stadtgebiete und werden dort zur Gefahr. Stadtjäger wie Sven Kucher und Holger Schwörer sollen das Problem lösen. Wir haben mit den beiden über ihre Arbeit in Weinstadt gesprochen.
So putzig Waschbären aussehen, so problematisch können sie als sogenannte invasive Art für die heimische Tierwelt, aber auch in Stadtgebieten werden. Davon können Sven Kucher und Holger Schwörer ein Lied singen. Von Weinstadt sind die beiden vor Kurzem in öffentlicher Gemeinderatssitzung als Stadtjäger eingesetzt worden. Der Hintergrund: Laut Bericht der Stadtverwaltung hat das Vorkommen von Wildtieren, insbesondere von Waschbären, in den vergangenen Jahren in Weinstadt deutlich zugenommen. Diese könnten nicht nur Schäden an Gebäuden verursachen, so heißt es, sondern seien auch Krankheitsüberträger. Deswegen solle durch „eine geordnete Bejagung“ verhindert werden, dass sie sich weiter ausbreiten.
Ein Jagdschein allein reicht nicht
Den Waschbären auf den Pelz zu rücken, ist in Stadtgebieten indes gar nicht so einfach. Ein Jagdschein allein reicht nicht. Kucher, der hauptberuflich ein Ingenieurbüro für Heizung, Sanitär und Lüftung in Schwäbisch Gmünd betreibt und für die Jagdpacht in Strümpfelbach einen Begehungsschein besitzt, und Schwörer, pensionierter Polizist aus Fellbach und bereits auch in Kernen als Stadtjäger eingesetzt, haben zudem einen Wildtierschützer- und einen Stadtjägerkurs absolviert. Doch damit nicht genug. „Das Problem ist, dass in Städten als befriedete Bezirke ein generelles Schussverbot gilt“, erklärt Kucher. Daher brauche es eine Handlungsanweisung des Oberbürgermeisters als Chef des Ordnungsamtes oder der Polizei. Auch Lebendfallen dürften nicht ohne Weiteres aufgestellt werden, sondern nur mit der Genehmigung der Unteren Jagdbehörde. „Gibt es einen offiziell eingesetzten Stadtjäger, dann können Bürger sich das sparen“ – und die damit verbundenen zusätzlichen Kosten für die Antragstellung sowie die Bearbeitungszeit, währenddessen der Waschbär unter dem Dach möglicherweise bereits für Nachwuchs sorgt.
Wie stark sich Waschbären in Baden-Württemberg vermehrt haben, zeigt der Wildtierbericht, den das Land alle drei Jahre erstellen lässt. Der jüngste Bericht ist von 2021. Danach wurde im Jahr 2009 in 255 Kommunen das Vorkommen von Waschbären dokumentiert, zehn Jahre später mit 513 in mehr als doppelt so vielen. Das ist fast die Hälfte der Gemeinden im Land. Betroffen sind vor allem jene im Nord-Osten, wo es stabile Bestände gibt. Der erste Waschbär im Ländle ist 1960 in Benningen (Kreis Ludwigsburg) gesichtet worden. Inzwischen wird ihre Zahl auf 1,3 Millionen Tiere geschätzt. Dass der pelzige Einwanderer aus Mittel- und Nordamerika überhaupt in Deutschland Verbreitung findet, ist Menschen gemacht. Ursächlich dafür sollen in den 1930er und 40er Jahren ausgesetzte und aus Pelztierfarmen ausgebrochene Exemplare gewesen sein.
Ihre immer zahlreicheren Nachkommen werden zunehmend zum Problem – für Mensch und Tier. Mit ihren weitläufigen Bauen, die sich mit mehreren Ausgängen auf 100 Quadratmeter erstrecken könnten, seien Waschbären beispielsweise in der Lage, ganze Fundamente von Gebäuden zu untergraben, was Auswirkungen auf deren Statik haben könne, erläutert Schwörer. „Hochgefährlich“ seien sie für Amphibien und Vögel, weil sie deren Populationen dezimierten. Deswegen werde der Umgang mit den mittelgroßen Raubtieren mittlerweile auch unter Naturschützern diskutiert. Derweil hat sich der Säuger längst mit Mülleimern und Komposthaufen weitere Nahrungsquellen erschlossen. Die vordringliche Aufgabe von Stadtjägern sei daher weniger die Jagd, sagt Kucher: „Wir sind eigentlich dazu da, um zu beraten, wie man sich Wildtiere erst gar nicht auf das Grundstück holt. Das heißt etwa, Kompost weg, Äpfel auflesen, kein Katzenfutter draußen hinstellen, keine Meisenknödel aufhängen.“
Vergrämung ist das erste Mittel der Wahl
Haben sich dennoch Wildtiere bereits häuslich eingerichtet, sei das erste Mittel der Wahl, sie zu vergrämen, etwa mit Ultraschallsendern. „Bei Fuchs und Marder ist das ein gangbarer Weg. Aber eigentlich gehören sie bejagt. Denn mit Vergrämen verlegt man das Problem nur“, sagt Schwörer. Während ihrer Schonzeit von Mitte Februar bis Ende Juni dürften indes auch bei Waschbären keine weitergehenden Maßnahmen ergriffen werden. „Man kann zwar eine Falle hinbringen, aber nicht scharf stellen.“ Ist die Schonzeit vorbei, kennen Kucher und Schwörer für Waschbären indes kein Pardon. Nur aus Rücksicht auf empfindliche Gemüter sage er, dass er das gefangene Tier in die „Waschbärauffangstation“ bringe, so Kucher. Tatsächlich gebe es solch eine nicht. Schwörer schenkt den Auftraggebern gleich reinen Wein ein: „Ich erlege die Tiere vor Ort.“
Ist die Waschbär-Schonzeit vorbei, sind Kucher und Schwörer sieben Tage die Woche fast rundum die Uhr einsatzbereit. Denn wenn die meist dämmerungs- und nachtaktiven Tiere ihnen in die Falle gehen, ist schnelles Handeln gefragt. „Sonst randalieren sie und zerstören die Falle“, berichtet Kucher. Schnappt eine zu, bekommen die Stadtjäger per Sender eine Mitteilung auf ihr Smartphone. Um nicht vergeblich durch von Katzen und Igel ausgelöste Fehlalarme rauszufahren, haben sie zudem Wildtierkameras an ihren Fallen angebracht.
Die Population der Waschbären wird mittelfristig weiter ansteigen
Mittelfristig indes, da sind sich Kucher und Schwörer einig, werde die Population von Waschbären trotz ihres Einsatzes weiter ansteigen. Deswegen würden Kommunen nicht drumherum kommen, sich ein Waschbärmanagement zu überlegen. „Denn der Bürger ist dem Problem hilflos ausgeliefert“, sagt Schwörer. Zumal das Vorkommen von Waschbären sich letztlich nicht auf ein Grundstück begrenze. Zahlen indes muss den Einsatz der Stadtjäger bislang der jeweilige Auftraggeber, nicht die Kommune. Noch würden Bürger das hinnehmen, aber wenn sich die Fälle häuften, irgendwann nicht mehr, prophezeit Kucher.