Stefan Aust stöbert gerne in Akten in Ludwigsburg. Foto:dpa Foto:  

Er war Chefredakteur des Spiegel und ist nun Herausgeber der „Welt“. Stefan Aust ist aber auch gern gesehener Gast im Ludwigsburger Staatsarchiv – um die Geschichte der RAF aufzuarbeiten.

Ludwigsburg - Das Haar etwas weißer und lichter als man es aus den „Spiegel TV“-Sendungen kennt, der Gang gebückter. Aber sonst ist Stefan Aust ganz der Alte: Der 72-Jährige, der 13 Jahre lang Chefredakteur des „Spiegels“ war und seit 2014 Herausgeber der Tageszeitung „Die Welt“ ist, spricht schnörkellos und betont seine Sätze stets zu Beginn und zum Ende hin. Nahezu beiläufig erwähnt er seine Rolle in der deutschen Geschichte: „Ich konnte dem früheren Ministerpräsidenten Hans Filbinger nachweisen, dass seine Unterschrift als Marinerichter unter einem Todesurteil stand. Darauf musste er zurücktreten.“

Da steht er nun am Dienstag im Kulturzentrum Ludwigsburg, und ein guter Teil der Landes- und Stadtprominenz hat sich versammelt. Es gilt, den 150. Geburtstag des Staatsarchivs Ludwigsburg zu feiern, das 1868 in den feuchten Räumen des Schlosses entstand und seit 50 Jahren im historischen Zeughaus in der Innenstadt ist.

Stefan Aust kommt seit zwölf Jahren nach Ludwigsburg

Was Stefan Aust damit zu tun hat? Eine ganze Menge. Denn der Autor zahlreicher Bücher und Filme hat ein Lebensthema: Die Geschichte der Rote-Armee-Fraktion, kurz RAF. Aust hat mit dem Wälzer „Der Baader-Meinhof-Komplex“ sozusagen das Standardwerk dazu geschrieben. Er gilt als Aktenfresser, der sich tief in historische Themen einarbeitet – und er ist seit zwölf Jahren regelmäßig zu Gast im Ludwigsburger Staatsarchiv. Dort werden auf 40 Kilometern (!) Aktenregalen neben der Geschichte der Landes- und Justizverwaltung, neben Akten aus der NS-Zeit und der Landespolitik auch die Hinterlassenschaften des RAF-Prozesses in Stuttgart-Stammheim gelagert.

„Wer hätte gedacht, dass es von dem Prozess im Mehrzwecksaal der JVA Tonbänder gibt?“, fragt Stefan Aust das staunende Publikum. Ja, die gab es in einem Keller des Oberlandesgerichts, und sie fanden ihren Weg ins Staatsarchiv Ludwigsburg – welch unschätzbares Zeitdokument; genauso wie ein Handordner, den offenbar ein Mitarbeiter des Innenministeriums nicht, wie angeordnet, vernichtet hat. „Darin war festgehalten, dass die RAF-Gefangenen während der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer 1977 in ihren Zellen abgehört wurden“, erzählt Aust. Man wähnt sich wieder mittendrin im Deutschen Herbst – und so veranschaulicht Aust auch, welche Bedeutung Archive in einem demokratischen Staat haben. Mühsam wird jede Akte, jeder Vorgang abgelegt, das Zeitgeschehen konserviert und ein kollektives Gedächtnis für eine Gesellschaft geschaffen. Als Historiker oder Journalist begibt man sich hier gleichwohl auf Schnitzeljagd, um die Wahrheit mühsam zu rekonstruieren.

Ludwigsburg als Dorado für Historiker

Und so wird an diesem Tag die Einzigartigkeit dieses Archivs mitten in der lebendigen Ludwigsburger Innenstadt deutlich. Zusammen mit der Zentralen Stelle, die Täter aus der NS-Zeit mit akribischer Präzision bis heute verfolgt, ist die Barockstadt so etwas wie ein Dorado für Historiker. Schon allein, dass das Landesarchiv abseits der Hauptstadt eine so große Filiale unterhält, ist eine Besonderheit. „Von den zehn Millionen digitalen Archivalien des Landes lagern vier Millionen in Ludwigsburg“, sagt Staatssekretärin Petra Olschowski.

Und doch ist der Standort nicht unumstritten. Oberbürgermeister Werner Spec hätte den barocken Bau lieber für Wohnungen, Geschäfte und für Studenten verwendet – was dem Archivchef Peter Müller überhaupt nicht behagt. Der Streit ist geschlichtet: Das Archiv bekommt eine unterirdische Erweiterung, lässt aber im Erdgeschoss andere Möglichkeiten zu. „Das waren Zielkonflikte“, sagt der OB am Dienstag, „das trübt unser Verhältnis nicht einmal im Ansatz.“ Ja, Ludwigsburg hatte es nicht immer leicht mit seinem historischen Erbe, und die Archive hatten es nicht immer leicht mit Ludwigsburg. Das zeigen auch die Konflikte in den Anfangsjahren der Zentralen Stelle – daran wurde jüngst beim 60. Geburtstag dieser Einrichtung noch einmal erinnert.

Wo Stefan Aust an seine Grenzen stößt

Ein Hauch Zeitgeschichte streift die Stadt an diesem Tag, die sich ihrer besonderen Bedeutung seit ihrer Gründung vor 300 Jahren bewusst wird. Der prominente Gast schlägt auch den Bogen zur nahen Gegenwart, etwa zum Rechtsterror des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU). Auch hier stößt Aust bei der Archivarbeit auf Grenzen: „Es gibt ein Dossier des Hessischen Landeskriminalamts über den NSU, aber was drinsteht, wissen wir nicht.“ Erst in 120 Jahren werde die Sperrfrist aufgehoben. So stehen die Archive oft zwischen Politik und Aufklärern. Ein Spannungsverhältnis, das auch nach 150 Jahren bestehen bleibt.

Stefan Aust schätzt die Stadt, das Archiv und seine Mitarbeiter. Man kennt und neckt sich. So gibt der Journalist dem Archivleiter Peter Müller ein augenzwinkerndes Versprechen mit auf den Weg: „Wenn ich eines Tages die Tonbänder der Abhöraktion von Baader und Meinhof in ihren Zellen finde, dann kommen sie nach Ludwigsburg.“ Das gelte aber auch umgekehrt: „Wenn Sie schneller sind.“ Das Jagdfieber nach Enthüllungen hat Stefan Aust auch mit 72 nicht verloren.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: