Die Sorge um den Klimawandel und die Zukunft des Planeten treibt viele junge Menschen extrem stark um. Die Rede ist auch von Klima-Angst. Foto: dpa/Kay Nietfeld

Beschäftigt man sich mit den Folgen der Erderwärmung, kann man richtig Angst bekommen. Manche wollen deshalb sogar auf eigene Kinder verzichten. Inwiefern Klima-Angst beflügelnd wirken kann und ab wann man sich Hilfe holen sollte, erklärt die Stuttgarter Psychologin Stefanie Pausch.

Stuttgart - Studien zeigen, dass sich immer mehr Menschen große Sorgen aufgrund des Klimawandels machen. Das ist nur natürlich und angemessen, sagt die Stuttgarter Psychologin Stefanie Pausch, die sich bei der Initiative Psychologists for Future engagiert. Bis zu einem gewissen Grad könne die Klima-Angst sinnvoll und hilfreich sein. Im Interview spricht sie unter anderem über den Unterschied zu Weltschmerz, dem Geburtenstreik aufgrund des Klimas – und ab welchem Punkt man sich professionelle Hilfe holen sollte.

 

Frau Pausch, mir haben mehrere Bekannte berichtet, dass sie unter Klima-Angst leiden. Kann ich mir darunter etwas Ähnliches wie Weltschmerz vorstellen?

Beide Begriffe – also Klima-Angst und Weltschmerz – beinhalten die Erkenntnis, dass es eine Diskrepanz gibt zwischen der Welt, wie sie ist und der Welt, wie man sie gerne hätte. Und beides sind angemessene Reaktionen, wenn man sich bewusst Gedanken um unsere Erde macht. Allerdings verbindet man den Begriff Weltschmerz eher mit einer generell erhöhten Sensibilität.

Gibt es eine Definition für den Begriff der Klima-Angst?

Angst stellt ein Signal für Gefahr dar und ist ein Motivator für konkretes Verhalten. Evolutionär ist Angst an eine Situation gebunden und je nach Bedingung folgen motorische Reaktionen wie Flucht, Erstarren oder Kampf. Angst stellt also unser eigenes Überleben sicher. Gleichzeitig kann Angst auch kognitiv als Sorge vermittelt werden, das ist auch bei Klima-Angst der Fall. Hinter dem Begriff steckt das emotionale Auseinandersetzen mit der Klimakrise.

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Wir sehen die Folgen daraus ja bereits sehr konkret: die Waldbrände in Australien, die Hitzesommer, das Schmelzen der Pole. Klima-Angst ist also keine zu heilende Krankheit, sondern eine angemessene Reaktion darauf, dass man erkannt hat, was wissenschaftlich nicht zu leugnen ist: dass es einen krassen, menschengemachten Klimawandel gibt. Der Begriff Klima-Angst sollte nicht pathologisiert werden als individuelles Problem, sondern als natürliche Reaktion auf die Erfahrung einer globalen, menschengemachten Umweltkrise.

Wie äußert sich Klima-Angst?

Durch innere Anspannung, Besorgtheit, Unruhe, Wut, Trauer oder Macht- und Hilflosigkeit. Viele reagieren darauf mit Flucht, verdrängen also ihre Angst, spielen sie herunter, machen sich falsche Hoffnungen und schieben die Realität von sich weg. Man redet sich ein, dass man ja nur noch einmal pro Jahr wegfliegt, nur selten mit dem Auto fährt und kein Fleisch mehr isst. Aber im Grunde reicht das alles eben nicht.

Allerdings kann auch ein Daueraktionismus eine Vermeidung von unangenehmen Gefühlen darstellen, wenn man zum Beispiel die gesamte Energie in Aktivismus steckt und Gefahr läuft, auszubrennen. Das andere Extrem, wie man auf Klima-Angst reagieren kann, ist der Modus des Erstarrens und Katastrophisierens, dann entsteht eine Art Lähmung, und die Angst kann nicht mehr kontrolliert werden. Das habe ich in meinen Beratungen aber noch nicht in starkem Ausmaß erlebt.

Was wäre ein besserer Umgang damit?

Wenn man die Angst als Ressource für Problembewältigung sieht und die Gefühle zulässt. Dazu muss man die Klimafakten wahrnehmen und akzeptieren, dass die Lage sehr ernst ist. Anschließend sollte man ins Handeln kommen und sich fragen, was man selbst tun kann – zum Beispiel sich einer Gruppe anschließen, sich engagieren und selbst versuchen, nachhaltiger zu leben. Viele der jungen Aktivistinnen und Aktivisten berichten, dass sie sich persönlich unheimlich weiterentwickelt haben. Das Einsetzen für die eigenen Werte wird als sehr erfüllend erlebt. All das kann man dann auch als Klimaresilienz bezeichnen.

Lässt sich abschätzen, wie viele Menschen diese Angst empfinden?

Es gibt dazu einige Studien. Im Jahr 2019 stieß die Aussage „Der Klimawandel macht mir große Angst“ bei rund Zweidrittel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die im Rahmen der Shell-Studie befragt wurden, auf Zustimmung. Beachtenswert ist auch eine britische Befragung aus dem Juni 2020; da hatten sich 80 Prozent der Befragten angesichts des Klimawandels „sehr besorgt“ gezeigt. Das hat gezeigt, dass der Klimawandel zu bedeutsam ist, um von der Coronapandemie verdrängt zu werden.

Sind vor allem jüngere Menschen betroffen?

Ich denke ja, denn jüngere Menschen haben noch alles vor sich. Sie müssen sich auch überlegen, ob sie Kinder in diese Welt setzen wollen.

Sogar die ehemaligen Royals, Meghan und Harry, hatten kürzlich verkündet, dass aufgrund des Klimawandels nach zwei Kindern Schluss sei . . .

Ja, auch unter den Aktivistinnen und Aktivisten, die ich betreue, sagen viele, dass sie sich das mit dem Kinderkriegen gut überlegen müssen oder dass sie das Stand jetzt nicht verantworten könnten. Ich kenne auch Leute in meiner Altersgruppe – ich bin Mitte 40 –, die bereits Kinder haben und die nun berichten, dass sie sich richtig erdrückt fühlen, wenn sie darüber nachdenken, dass ihre Kinder Auswirkungen des Klimawandels wie Stürme, Flutkatastrophen, Nahrungsmittelknappheit oder Migrationsbewegungen spüren werden.

Ist es aus Umweltperspektive überhaupt erstrebenswert, etwas gegen die eigene Klima-Angst zu tun?

Wenn die Angst einen motiviert, in den Kampfmodus zu wechseln und sich zu engagieren, dann ist diese absolut sinnvoll. In der Psychologie spricht man dann von Selbstwirksamkeit. Wenn man sich aber von seiner Angst gelähmt fühlt, und wenn man merkt, dass die Sorgen so überhandnehmen, dass man den Alltag nicht mehr hinbekommt – wenn man nicht mehr schlafen, sich bei der Arbeit nicht mehr konzentrieren, man das Grübeln nicht mehr kontrollieren kann – dann sollte man sich Hilfe holen.