So sieht es im Idealfall aus: Kein Katzentisch, keine nervigen Nebensitzer, ganz bei sich und dem Essen. Foto: Adobe Stock/Pop Sujinun

Als einzelner Gast im Restaurant – da muss man fragende Blicke aushalten und schlechten Service ertragen können. Falls man überhaupt einen Platz bekommt.

Stuttgart - Es gibt sogar ein Wort für die Angst davor: Solomangarephobia. Menschen, die freiwillig allein essen gehen? Da kann doch was nicht stimmen. Zumindest, wenn mit Essengehen nicht jene Delis gemeint sind, in denen die apathisch ins MacBook Starrenden inzwischen die Überzahl bilden.

 

Wer bei Google „allein essen“ eingibt, bekommt als Vorschläge entweder „bestellen“, „peinlich“ oder „macht fett“ angezeigt. Alleinesser kennen das: Weil sie sich nicht entscheiden und mit niemandem teilen können, bestellen sie oftmals zu viel. Und werden noch dazu mit herablassendem Service gestraft.

Zusammen isst man weniger allein

Viele landen ungefragt am sogenannten Community Table. Es handelt sich um einen ovalen Tisch oder eine lang gezogene Tafel, an der verschiedene Haushalte wild durcheinanderplatziert werden. Da das Pärchen, das viel vom letzten Paraglidingkurs zu erzählen hat, dort Papas runder Geburtstag und mittendrin das arme Schwein, das sich traut, ohne Begleitung zu kommen. Es stimmt schon, dass sich daraus manchmal interessante Gespräche entwickeln, oft allerdings nervt es nur.

In erster Linie ist der Community Table natürlich aus ökonomischen Gründen entstanden: mehr Mensch auf kleinerem Raum und flexible Platzierungen. Abgesehen davon ist er gelegentlich Instrument eines erzwungenen Gemeinschaftsgefühls, nach dem Motto „Zusammen isst man weniger allein“. Dann doch lieber der gute alte Katzentisch. Oder eine Lösung wie im Opernhaus in Sidney, das einen getrennten Bereich nur für Alleinspeisende frei hält.

Ein Platz in der ersten Reihe

Offene Küchen sind so beliebt wie nie, und mit ihnen hat der sogenannte Chef’s Table Einzug gehalten. Die Wurzeln dieser architektonischen Lösung, die sich gut auf die Stimmung in der Küche auswirkt, liegen in Japan. Drei Essstäbchenlängen entfernt sitzend schaut man dem Sushimeister bei seinem Handwerk zu, ehrfürchtig schweigend. Gespräche verbieten sich aus Respektgründen.

Trend hin oder her: Die Mehrheit der Restaurants platziert Gäste nach wie vor an getrennten Tischen. Viele Buchungssysteme sperren sich allerdings gegen Einzelpersonen. Man umgeht sie wie jener Bekannte, der für zwei reserviert und dann flott eine E-Mail hinterherschickt mit der Bitte, allein kommen zu dürfen.

„Idealerweise“ zu zweit

Dreimal, klagte der Bekannte, sei er innerhalb kürzester Zeit von Restaurants abgelehnt worden. Einmal ohne Grund, ein anderes Mal aus jenem der „Betriebswirtschaftlichkeit“, und zuletzt von einem Drei-Sterne-Restaurant in Form einer flapsigen Mail: „Wir hoffen, Sie bald in unserem Restaurant begrüßen zu dürfen: idealerweise zu zweit.“

Teilweise liegt das am aktuellen Ausnahmezustand. Gastronominnen und Gastronomen sind auf jeden Cent angewiesen, und natürlich bringt ein Vierertisch mehr als ein einzelner. Alleinessenden wurde allerdings schon vor Corona eine skeptische bis diskriminierende Haltung entgegengebracht.

Rasante Menüfolge

Zitat aus dem Leserbrief der „Feinschmecker“-Leserin Petra B.: „Allein essen gehen, ja, das mache ich, seitdem meine Lieblingsmenschen auf dem Friedhof liegen. Aber der Einzelgast ist oft nicht gern gesehen: Der lange im Voraus gebuchte Chef’s Table wird kurzfristig vom Restaurant abgesagt. Rasante Menüfolge (Bin ich auf der Flucht?) ist eher Standard als die Ausnahme.“

Warum steht eine allein essende Frau sofort im Verdacht, a) Testerin zu sein oder b) vom Gesundheitsamt oder c) auf der Suche nach einem Flirt? Wenigstens sind wir weiter als in den 50er Jahren, als man dem Sozialpsychologen Hans-Peter Erb zufolge bei einer Frau, die allein ins Restaurant ging, automatisch an eine Prostituierte dachte. Komisch ist es heute trotzdem noch.

Kein Wunder, dass mehr Männer (72 Prozent) als Frauen (57 Prozent) angeben, „regelmäßig oder zumindest selten allein eine Gaststätte aufzusuchen“, wie eine Umfrage des Buchungsportals Open Table ergab.

Steigerung um 321 Prozent

Von dort stammt auch die Beobachtung, dass die Reservierungen für eine Person zwischen 2014 und 2018 um 321 Prozent gestiegen sind. Kein Wunder, schließlich steigt auch die Zahl der Singlehaushalte.

Dabei sind die Gründe fürs Alleinessen vielfältig. Jemand möchte sich auf Geschäftsreise mit einem opulenten Menü belohnen. Einer hat niemanden im Freundeskreis, dem ein Besuch im Sterne-Lokal mehrere Hundert Euro wert ist.

Tester kommen meist in Begleitung

Das Klischee vom Tester ist übrigens Quatsch: Meistens kommen gerade die mit einer Begleitperson. Der ebenfalls stets in Begleitung seiner Frau herumkrittelnde „FAZ“-Kritiker Jürgen Dollase formulierte übrigens die Grundregel: „Beim Akt des Essens schweigen wir. Da ist die Konzentration zu hundert Prozent auf die Gabel gerichtet. Wer beim Essen schnattert, der kann auch Pappe essen.“

Wer allein isst, kann lesen. Manche Restaurants sind darauf eingestellt. Eine Bibliothek gibt es zum Beispiel in Stuttgarts heimeligstem Sternerestaurant. Fragen wir noch mal Petra B.: „Nur in der Wielandshöhe fühlte ich mich wohl: Ich bekam etwas zu lesen (kulinarische Themen, sehr passend) und Vincent Klink antwortete auf mein diesbezügliches Lob, es gebe für ihn nichts Besseres, als allein mit guter Lektüre zu essen.“