Diese Woche hat vieles verändert. Auch in unserem unmittelbaren Umfeld. Die Jungen machen in Stuttgart vor, was jetzt notwendig ist: Solidarität und gemeinsames Eintreten für die Freiheit, beobachtet Lokalchef Jan Sellner.
Stuttgart - Unauslöschlich sind die Eindrücke aus dieser Woche: das Hoffen am Montag. Das Bangen am Dienstag. Die Ruhe vor dem Sturm am Mittwoch. Der Kriegsschock am Donnerstag – begleitet von dem Gefühl der Fassungslos- und Hilflosigkeit. Dann die ersten Demonstrationen. Und die Fortsetzung am Freitag. Weitere Kundgebungen folgen jetzt am Samstag. Nein, es ist kein „schönes Wochenende!“, wie man es sich üblicherweise zuruft.
Es ist auch keine schöne Zeit. In unserem Bewusstsein vollzieht sich eine Zeitenwende. An die Stelle von Sicherheit tritt Unsicherheit. Zugleich müssen wir erkennen, dass wir uns in falscher Sicherheit gewiegt haben. Freiheit und demokratischen Grundwerte sind nicht gesetzt! Man muss etwas dafür tun. Nicht irgendwann und irgendwo, sondern hier und jetzt. Auch in Stuttgart. Es gilt der Satz des Soziologen Harald Welzer: „Es ist einfacher, für die Demokratie zu kämpfen, solange es sie noch gibt, danach wird es erheblich schwieriger.“
Zeichen der Solidarität sind jetzt dringend notwendig
Etwas für die Demokratie tun – und für die Ukraine. Das ist das Gebot der Stunde. Und das findet auch statt. Blau und Gelb, die Farben der überfallenen Ukraine, scheinen vielerorts auf: bei Demonstrationen, in Fenstern und an öffentlichen Gebäuden, wie dem Neuen Schloss, dem Landtag und der Solitude. Warum eigentlich nicht am Rathaus?
Ja, es geht ums Flagge zeigen. Wer das als „reine Symbolik“ abtut, verkennt die Bedeutung von Symbolen. Sie markieren etwas. Sie zeigen an, dass man für etwas steht, in diesem Fall für Solidarität mit den Menschen in der Ukraine und für Freiheit. Dieses Bekenntnis wäre schon viel früher notwendig gewesen. Florian Hummel von der Jungen Union kritisierte bei einer Kundgebung in Stuttgart zurecht ein „kollektives Versagen“. Der Lage in der Ukraine und Putins aggressiven Attacken ist jahrelang zu wenig Beachtung geschenkt worden. Genauso wenig wie den hier lebenden Ukrainern. Umso mehr braucht es jetzt Zeichen der Solidarität – auch mit den Belarussen in der schwäbischen Diaspora. Wie wichtig das ist, zeigt sich in Gesprächen mit Betroffenen.
Es gibt auch ermutigende Eindrücke aus dieser Woche
An den Jungen kam man sich dabei ein Vorbild nehmen. Schneller, entschlossener als viele andere, haben die Jugendorganisationen von Grünen, CDU, SPD und FDP zusammen mit einer europäischen Jugendorganisation am Donnerstag in Stuttgart eine Solidaritätskundgebung organisiert und damit ein starkes Signal gemeinsamer Grundüberzeugungen ausgesandt. Denn speziell auch um ihre Zukunft geht es. Um ihren Traum von einer freien, demokratischen Gesellschaft. Sie, die nie einen Krieg erleben mussten, wollen von diesem Ideal nicht lassen. Das gehört zu den ermutigenden Eindrücken dieser Woche.
Ebenso wie die raschen Bemühungen der Stuttgarter Hilfsorganisation Stelp. Oder die Begegnung mit Robin, einem 17-Jährigen, der Mediengestalter werden will und für ein Praktikum zu Gast in der Redaktion war. Außer, dass er gehbehindert ist und Schwäbisch liebt, ist er so sehr oder so wenig „anders“, wie seine Altersgenossen. Robin hat den ungetrübten Blick eines Kindes und stellt Fragen, wie sie viele Heranwachsende angesichts des wahnwitzigen Krieges stellen: „Warum können die Menschen nicht einfach in Frieden auf der Welt leben und ihr Leben genießen?“
Die Erwachsenen haben darauf keine überzeugende Antwort gefunden. Am ehesten vielleicht noch Erich Kästner, dessen 123. Geburtstag ebenfalls in diese unauslöschliche Woche fiel: „Dass wir wieder werden wie Kinder, ist eine unerfüllbare Forderung. Aber wir können zu verhüten suchen, dass die Kinder so werden wie wir.“ Vor allem gilt es zu verhindern, dass sie Despoten werden.