60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Suche nach einem sicheren Ort – so viele wie nie zuvor. Foto: dpa

Flucht und Vertreibung gehören zum Menschsein – genauso wie die Solidarität der Starken für die Schwachen.

Es muss irgendwann Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre gewesen sein, als die ersten Volvo-Kombis mit dem Aufkleber „Alle Menschen sind Ausländer. Fast überall“ herumfuhren­. Der Spruch gehört seitdem zum festen Inventar nicht nur von Linken. Eine Plattitüde – gewiss. Aber man sollte nicht vergessen, dass in geistigen Flachheiten viel Wahrheit stecken kann. Wie in diesem Sticker-Spruch.

Der deutsche Soziologe und Nationalökonom Franz Oppenheimer (1864–1943) hat sich in seinem umfangreichen Werk mit den sogenannten Bewegungsgesetzen der Gesellschaft beschäftigt. Von ihm stammt der Satz: „Alle Weltgeschichte ist im Kern ­Geschichte von Wanderungen.“

Der Mensch hat nach Oppenheimer zwei grundsätzlich entgegengesetzte Mittel, „um sich die Güter zu beschaffen, deren er bedarf“: durch eigene Arbeit und Tausch oder „unentgoltene Aneignung durch Gewalt“. Das eine begründet eine Gesellschaft, das andere ein Herrschaftsverhältnis. Und zwar das zwischen „Räubern und Beraubten“. Man könnte auch sagen: das zwischen Unterdrückern und Flüchtlingen.

Fast vier Millionen Syrer auf der Flucht

Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) sind mehr als 60 Millionen Menschen innerhalb und außerhalb der eigenen Landesgrenzen auf der Flucht. Ende 2012 waren es „nur“ 45 Millionen. Seitdem ist der seit 2011 tobende Bürgerkrieg in Syrien außer Kontrolle geraten. Gut drei Dutzend Gruppen kämpfen um die Macht in dem 21-Millionen-Einwohner-Land: auf der Seite des Regimes von Präsident Baschar al-Assad die Armee, Baath-Brigaden, Schabiha-Miliz und die libanesische Hisbollah. Für die Opposition die Freie Syrische Armee und Islamische Front; Kurden, Assyrer und Aramäer; und schließlich der Islamische Staat (IS) gegen alle – das Regime, die Mudschaheddin und Kurden.

Fast vier Millionen Syrer sind vor den Wirren des Krieges ins Ausland geflohen, 1,7 Millionen allein in die Türkei. Die meisten Flüchtlinge leben im Land selbst. Schätzungen des UNHCR zufolge haben mittlerweile über 6,5 Millionen Menschen ihr Zuhause verlassen, um in anderen Landesteilen Zuflucht­ zu finden. Mehr als die Hälfte der Betroffenen sind Kinder. Die Vereinten Nationen­ bezeichnen diese Flüchtlingskrise als die schlimmste seit dem Völkermord in Ruanda im Jahr 1994 mit bis zu einer Million Ermordeten.

Im Vergleich zu Syriens Nachbarländern ist der Beitrag der Europäischen Union in dieser Fluchtkatastrophe vergleichsweise bescheiden. Nach Angaben der EU-Statistikbehörde Eurostat haben zwischen März 2011 und Februar 2015 rund 220 000 Syrer Asyl in einem der 28 EU-Staaten beantragt. Davon hat Deutschland mit 31 000 Flüchtlingen die meisten aufgenommen.

Syrien ist aktuell der schlimmste Albtraum, aber es ist nicht der einzige Unruheherd, den Menschen verlassen müssen, um ihr Leben und das ihrer Familien zu retten. Die Hälfte der Flüchtlinge, Asylsuchenden und Binnenvertriebenen stammen aus fünf Ländern: Afghanistan, dem Irak, Somalia, dem Sudan und Syrien. Andere kommen aus Äthiopien, Eritrea, Mali und der Demokratischen Republik Kongo. Hauptursache für Flucht und Vertreibung sind Bürgerkriege und bewaffnete Konflikte. Wo die Grenzen zwischen den Konfliktparteien verlaufen, ist oft nicht auszumachen, so undurchdringlich ist das Gewirr aus Brutalität, Egoismus, Machtstreben und Menschenverachtung.

Der Mensch ist für den Menschen ein Wolf

Flucht und Vertreibung gibt es, seitdem es Menschen gibt – in der Frühzeit genauso wie in der Postmoderne. Allen ethischen, humanitären und wissenschaftlichen Fortschritten zum Trotz ist der Mensch für den Menschen ein Wolf geblieben. „Homo homini lupus est“, lautet der berühmte Satz, mit dem der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588–1679) das zwischenmenschliche Verhältnis charakterisiert hat. Die Geschichte des Menschen ist auch eine Geschichte von Flucht und Vertreibung – und der Suche nach einer neuen Heimat. Ein Neandertaler-Clan musste seine schützende Höhle verlassen, weil eine stärkere Gruppe ihn vertrieb. Im Alten Testament wird Moses von Gott auserwählt, um das Volk Israel aus der ägyptischen Knechtschaft zu führen. Auch wenn es sich bei diesem Exodus – dem Auszug aus Ägypten – um eine Legende und mythische Erzählung handelt, liegt ihm doch ein historischer Kern zugrunde.

Flucht, Vertreibung und Deportation ganzer Völkerscharen sind ein wesentliches Bindeglied der Weltgeschichte. Man könnte auch sagen: Die Geschichte der Menschheit ist im Prinzip eine Geschichte des permanenten Kampfes gegen und der Befreiung von Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Versklavung.

Wie ein roter Faden zieht sich die Erfahrung von Flucht und Vertreibung durch die Geschichte der Menschheit – vom Babylonischen Exil der Juden 598 bis 539 vor Christus über die mittelalterlichen Juden-Pogrome und die Vertreibung religiöser und ethnischer Minderheiten wie der Hugenotten und Katharer bis zum Genozid an den indigenen Völkern Amerikas und Australiens sowie den Vertreibungen während des Zweiten Weltkrieges. Allein bis zu 14 Millionen Deutsche und Deutschstämmige waren zwischen 1944 und 1950 betroffen. Mindestens 600 000 Menschen kamen ums Leben.

Flucht, Verfolgung, Vertreibung – Bedingungen des Menschseins

Der britische Historiker und Politologe Michael­ Sheehan geht von schätzungsweise 14 400 Kriegen mit 3,5 Milliarden Opfern in der Geschichte aus. Flucht, Verfolgung und Vertreibung gehören untrennbar zur „conditio humana“ – zu den Bedingungen des Menschseins.

Für staatliche Behörden ist die genaue Definition des Status eines Menschen, der sein Heimatland verlassen hat, maßgeblich. Juristisch gesehen sind Flüchtlinge nicht gleichbedeutend mit Asylbewerbern, Migranten oder Wirtschaftsflüchtlingen.

Man kann der menschlichen Not ganz unterschiedliche Etiketten anheften, doch eines verbindet all jene, die übers Mittelmeer, den Balkan, die Türkei oder die Ukraine nach Europa gelangen: Sie fliehen, um ihr Leben zu retten und ein besseres zu finden. Sie fliehen vor den Schrecken von Krieg, Gräueln und Massakern, Armut und Hunger, Unterdrückung und Folter, vor naturbedingten und menschengemachten Katastrophen. Sie fliehen in der vagen Hoffnung, in der Fremde eine friedlichere Welt zu finden. Deutschland, das Land im Herzen des europäischen Kontinents, ist seit langem ein Land der Ein- und Auswanderer.

Im 19. Jahrhundert etwa bewirkten Wirtschaftskrisen, Hungersnöte und Verelendung einen Auswanderungsdruck, der eine Massenemigration vor allem in die Vereinigten Staaten nach sich zog. Heute gibt es einen Sog, der Menschen aus den ­armen Ländern des Südens in Staaten des reichen Nordens zieht.

Allein im Mai beantragten 25 992 Menschen laut Bundesinnenministerium Asyl beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) – 13 535 oder 108,6 Prozent mehr als im Mai 2014. Davon wurden 5687 Anträge (33,9 Prozent) bewilligt. 1992 erreichte der Flüchtlingsstrom mit mehr als 493 000 Menschen seinen höchsten, 2007 mit 30 300 seinen niedrigsten Stand.

Flüchtling oder „illegaler Einwanderer“?

Wer Flüchtling ist, definiert die Genfer Flüchtlingskommission von 1951. Um in einem der 147 Unterzeichnerstaaten offiziell als Flüchtling anerkannt zu werden, muss man in seinem Heimatland wegen seiner Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe oder politischen Überzeugungen verfolgt worden sein. Umwelt- und Klimaflüchtlinge, Elends- und Wirtschaftsflüchtlinge fallen nicht unter diese Kategorie, so dass sie als „illegale Einwanderer“ keinen Asylanspruch haben.

Mit seinen nationalen Rechtsvorschriften ist Deutschland eingebettet in das Völkerrecht (wie die Genfer Flüchtlingskonvention) und das europäische Recht (wie die Europäische Menschenrechtskonvention). In der komplizierten Asyl- und Flüchtlingspolitik den Durchblick zu behalten ist selbst für Fachleute kein Leichtes. Für Betroffene aber ist es ein Ding der Unmöglichkeit.

Die Unterscheidung zwischen „legal“ und „illegal“ mag juristisch und politisch korrekt und notwendig sein. Doch sie lässt die existenziellen Probleme, die zur Flucht führen, sowie die dramatischen und oft lebensbedrohlichen Umstände nur erahnen. Hinter jedem Asylantrag steckt eine Lebensgeschichte­, die schon beim Zuhören die Grenzen des Erträglichen übersteigt. Wie erst muss es jenen ergangen sein, die eine dieser Odysseen des Leidens hinter sich und irgendwie überlebt haben?

Ist das „Boot voll“, wie der „Spiegel“ in seiner berühmt-berüchtigten Titelgeschichte im September 1991 suggerierte? Das Cover des Nachrichtenmagazins zierte damals eine mit Einwanderern völlig überfüllte, in Schwarz-Rot-Gold angestrichene Arche Noah, die zum kollektiven Symbol für die „Asylantenflut“ wurde. Eine üble, populistisch-mediale Entgleisung.

Wie viel Moral und Pragmatismus verträgt eine vernünftige und gerechte Flüchtlingspolitik? Wie viel Schutz von Flüchtlingen ist möglich, ohne die Hilfsbereitschaft in den Aufnahmeländern zu überstrapazieren? Wie viele Schutzsuchende können Europa und Deutschland verkraften? So viel wie der Libanon mit seinen rund vier Millionen Einwohnern? Der kleine Levante-Staat hat mehr als 1,2 Millionen Syrier aufgenommen. Ob sie willkommen sind oder nicht, hat niemand gefragt. Sie sind einfach gekommen.

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